Neue Ausgabe Oktober/November/Dezember 2009

Die neue Ausgabe ist seit 29. Oktober 2009 im Bahnhofsbuchhandel und über Internetbestellung erhältlich.

Mit Beihefter "Krebs als Chance"

Gesundheit

Eisen für Millionen?

08.03.2007

Porträt: Dr. med. Beat Schaub

Ein Schweizer Hausarzt stellt einen Laborwert in Frage und schafft dadurch die Möglichkeit, Millionen Leidenden zu helfen
Interview mit Dr. med. Beat Schaub, Binningen, über eine von ihm entdeckte Mangelkrankheit

Unsere Gesellschaft hat sich längst daran gewöhnt, in hierarchischen Strukturen zu leben. Dennoch oder gerade deshalb empfinden wir es hoffnungsvoll und erfrischend, wenn Initiativen für Veränderungen von der "Basis" ausgehen. Demokratie "von unten". Kirche "von unten". Nun auch Medizin "von unten". Sofern man darunter versteht, dass nicht nur an Universitäten und Instituten medizinisches Wissen geboren werden kann. Was, wenn in einer kleinen Hausarztpraxis Erkenntnisse gewonnen werden, die professoral bestimmte Laborwerte wackeln lassen? Um einen solchen Fall scheint es sich bei der Definition eines neuen Krankheitsbildes, des Eisenmangelsyndroms, zu handeln.

PROVOkant: Herr Dr. Schaub, Sie haben vor kurzem die zweite Auflage eines kleinen Büchleins herausgebracht. Darin berichten Sie von Ihren Forschungen zu einem Krankheitsbild, das so noch nicht im "Pschyrembel", dem großen Medizinischen Wörterbuch steht. Worum handelt es sich genau?

Dr. Schaub: Sie haben Recht. Im "Pschyrembel" finden Sie, wenn Sie eine Eisenmangelkrankheit suchen, nur die Anämie, eine "Blutarmut", die auf einem Defizit von Hämoglobin beruht. Wir haben aber herausgefunden, dass erheblich mehr Krankheitssymptome durch Eisenmangel hervorgerufen werden können. Wir sprechen deshalb vom Eisenmangelsyndrom. Und das kann schon vorliegen, wenn sich der entsprechende Laborwert des Betreffenden noch völlig in der Norm bewegt. Doch diese Norm stimmt nicht! Sie ist von der Schulmedizin nur so festgelegt worden. Man hat es nicht anders gewusst. Wenn sich aber jetzt neue Erkenntnisse aufdrängen, muss das unbedingt geändert werden.

Welche Symptome außer der Blutarmut werden denn noch durch Eisendefizit verursacht?

Nach heutigem Erfahrungsstand mindestens folgende: Erschöpfungszustände, das so genannte Burnout-Syndrom, depressive Verstimmungen, Migräne, Schlafstörungen, Kopf- und Nackenschmerzen, Konzentrationsstörungen, Schwindel, die "Zappelei" der "Ritalin-Kinder", aber in einigen Fällen auch Haarausfall, Fibromyalgie und sogar Reizdarm.

Und wodurch haben Sie das herausgefunden?

Im Wesentlichen durch intensive Aufmerksamkeit im Behandlungsalltag. Wenn ein Patient unter Migräne leidet, und Eisen hilft ihm, dann darf man doch vermuten, dass er Eisen brauchte und zu wenig davon im Körper hatte. Und wenn er dann noch „beichtet“, dass er nun auch viel besser schlafen könne, dann sollte man doch einen möglichen Zusammenhang auch damit nicht übersehen.

Und welche Werte begrenzen den bisher gültigen Normbereich?

Sie werden von den verschiedenen Universitäten leider auch verschieden definiert. Im Mittel liegt dieser Bereich zwischen 20 und 200. Allein diese gewaltige Spanne zeigt schon, wie bedenklich die bisher getroffenen Festlegungen sind. Man ließ sich bei ihnen offensichtlich davon leiten, dass bei sehr vielen Menschen, vor allem aber bei Frauen, der Wert nur wenig über 20 liegt, dabei aber meist keine Anämie auftritt. Ein verhängnisvoller Kurzschluss: Keine Anämie, kein Eisenmangel, keine Eisentherapie.

Wenn die Schulmedizin bisher bei den von Ihnen genannten Krankheitsbildern keinen Zusammenhang mit einem Eisendefizit sieht, wie therapiert sie diese dann?

In der Regel mit Medikamenten, die die Symp¬tome unterdrücken. So verordnet man zum Beispiel Schmerz- und Schlafmittel. Man gibt Antidepressiva oder - bei hyperaktiven Kindern - Ritalin. Behutsamere Ärzte wählen auch Physiotherapien wie Massagen, Bäder oder Gymnastik. Oder sie versuchen es mit komplementären Therapiemethoden, die Erfahrungsgemäß bei Eisenmangel nur selten wirksam sind. ...

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