Neue Ausgabe Oktober/November/Dezember 2009

Die neue Ausgabe ist seit 29. Oktober 2009 im Bahnhofsbuchhandel und über Internetbestellung erhältlich.

Mit Beihefter "Krebs als Chance"

Gesellschaft

"Hat je einer schon Papier arbeiten sehen?"

08.03.2007

Porträt von Herrn Vogt

Interview mit Herrn Vogt, dem engagierten Geldverwalter, der die Genossenschaftsidee hochhält.

PROVOkant: Herr Vogt, was vermag Ihnen als erfahrenen Genossenschaftsbanker das Beispiel Muhammad Yunus zu sagen?

Ich habe mich über diese Preisverleihung gefreut, denn mit Yunus ist nicht nur dieser engagierte Mensch, sondern auch der praktische Beweis anerkannt worden, dass bereits sehr wenig Geld ausreichen kann, um große Armut zu beseitigen.

Was ist Ihrer Ansicht nach hier der Schlüssel zum Erfolg?

Ich meine: das richtige Motiv und die Tatsache, dass dieses Motiv den Charakter der  Bankgeschäfte von Herrn Yunus durch und durch bestimmt hat: Geld wird bei ihm eben nicht eingesetzt, damit es „sich vermehrt“, sondern damit es Menschen, die bisher keines haben, ermöglicht, notwendige, gute und auch schöne Dinge zu tun, z. B. ihren Lebensunterhalt zu verdienen. So jedenfalls bin auch ich es gewohnt, seitdem ich das Geld unserer Genos¬sen¬schafter verwalte. Ich weiß aber auch zu gut, dass die Wirklichkeit unserer Finanzwelt total anders aussieht.

Inwiefern?

Da wird Geld von dem, der es hat, nur dann aus seinen Fingern gegeben, wenn es und in dem Maße, wie es verspricht, üppig genährt zurückzukommen. Und in diesem Zirkus gilt dann: Wer viel hat, dem wird noch gegeben und wer wenig hat, dem wird das Wenige, das er besitzt, noch genommen. Wer diese biblische Sentenz artikuliert, gerät leicht in den Verdacht des Neids. Mag sein, aber es verhält sich tatsächlich so. Mir ist eine Studie untergekommen, die belegt, dass es hier eine Art magische Linie gibt: Wer weniger als 300.000 Euro sein eigen nennt - alles zusammen: Haus, Hof, Land und Erspartes -, mit dem geht es in der Regel abwärts. Wer aber mehr besitzt, wird automatisch immer reicher, ob er das will oder nicht.

Eine "finanzielle Wasserscheide"?

Ja. Der Reiche wird immer begünstigt. Er bekommt mehr Zinsen, und er zahlt weniger. So läuft es, und wenn wir darauf kommen, lässt man uns glauben, es sei ein Naturgesetz.

Und was ist die wirkliche Ursache?

Der Zins. Ich breche damit sicher ein Tabu, aber Zins und Zinseszins bewirken, dass das Geld seinesgleichen anzieht wie ein Magnet, von einer Seite auf die andere.

Man sagt zur Legitimität des Zinses, dass das Geld schließlich arbeiten müsse. Bestätigt das nicht auch Ihre Bank-Erfahrung?

Sagen wir lieber: Man hat sich daran gewöhnt. Dass Geld arbeiten kann, ist natürlich blanker Unfug. Hat je schon einer ein Stück bedrucktes Papier arbeiten sehen? Nein. Es arbeiten doch immer nur Menschen, oder aber, unter ihrer Anweisung und Kontrolle, die von ihnen geschaffenen Maschinen. Und wenn ich irgendwo in der Welt, auf einem der Geldmärkte mein Geld anlege, damit es "arbeitet" und mir Zinsen bringt, dann pflücke ich – nein, noch nicht einmal das – dann verzehre ich die Früchte der Arbeit anderer. Das ist ganz simpel, wenn es sich auch hinter den höchst komplizierten Vorgängen der Finanzmärkte verbirgt. ...

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