Neue Ausgabe Oktober/November/Dezember 2009

Die neue Ausgabe ist seit 29. Oktober 2009 im Bahnhofsbuchhandel und über Internetbestellung erhältlich.

Mit Beihefter "Krebs als Chance"

Gesellschaft

Nachhilfe für den Arbeitsmarkt

08.03.2007


Pilotprojekt "Bürgerarbeit" - Interview mit Minister Dr. Reiner Haseloff, Magdeburg

… Der Markt, jener inzwischen hoch­kom­pli­zierte, lebensnotwendige Stoffwech­sel­me­chanismus unseres wirtschaftlichen Tuns, ist nicht in der Lage und auch nicht willens, allen seinen Akteuren auf exi­s­tenz­sichernde Dauer das "Mitspielen" zu ermöglichen. Herzlos wirft er Millionen aus seinem Getriebe. Den meisten der Betroffenen ist es fortan unmöglich, Arbeit zu leis­­ten, und dies obwohl sie nicht nur dazu bereit sind, sondern auch deren Früchte dringend benötigen.

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Der Staat, vertreten durch die Agentur für Arbeit, hat schon seit langem einen beachtlichen Teil der dafür zur Verfügung stehenden Gelder ausgegeben, um Arbeitslose nicht nur im Hinblick auf mögliche Bedürfnisse des Marktes umzuschulen, sondern sie auch durch so genannte Arbeitsbeschaffungsmaß­nahmen (ABM) zumindest zeitweilig in einen parallelen, einen zweiten Arbeitsmarkt aufzufangen. Ein großer Geldtopf aber bleibt bis heute per strengem Gesetz vorbehalten, den Langzeit-Ausge­grenz­ten das Existenzminimum zu sichern, und darf – obwohl dies wenig begreiflich ist - nicht dafür ausgegeben werden, Arbeit zu bezahlen. Umso mehr wurde die Öffentlichkeit überrascht und hellhörig, als um die letzte Jahreswende herum vernünftige Überlegungen und ein praktischer Versuch von sich reden machten. Schon im Dezember hatte der "Berliner Kurier" über ein Pilotprojekt der sachsen-anhaltinischen Gemeinde Bad Schmiedeberg geschrieben: "Statt ALG II gibt’s Lohn für gemeinnützigen Job".

Ein vernünftiger Ansatz in der Politik

Im Magdeburger Landes-Ministerium für Wirtschaft und Arbeit opfert uns Minister Dr. Reiner Haseloff fast eine ganze Stunde seiner Zeit. Das Problem der übermäßigen und deshalb un­erträglichen Langzeitarbeitslosigkeit beschäf­tigt ihn nicht nur als CDU-Politiker. Der promovierte Physiker hat als ehemaliger Direktor des Arbeitsamtes Wittenberg anscheinend eine besondere Beziehung zu diesem Thema ...

PROVOkant: Über das Pilotprojekt "Bürgerarbeit" in Bad Schmiedeberg ist inzwischen viel geschrieben worden. Was soll dabei herausgefunden werden?

Minister Dr. Haseloff: Das Erste und Wichtigste muss man sicher nicht erst herausfinden; es bestätigt sich einfach: Die übergroße Mehrzahl derer, die aus den verschiedensten Gründen über lange Zeit keinen Job mehr finden können, möchten arbeiten. Sie wollen lieber für nützliche Tätigkeit als für erzwungenes Nichtstun bezahlt werden. Das Zweite ist: Es muss sich zeigen, ob wir mit diesen letzten Endes gesellschaftlich bezahlten Arbeiten dem ersten Arbeitsmarkt „ins Gehege kommen“. Manch einer befürchtet das. Ich nicht, voraus­ge­setzt man schaut sich die Jobs, die geschaffen werden, sehr genau an.

Was meinen Sie mit „ins Gehege kommen“, und welche Auswahlkriterien legen Sie da an?

Es wäre z. B. dumm, als Bürgerarbeit Jobs zu bezahlen, bei denen es die Wirtschaft gerade verdammt schwer hat, nicht noch mehr Leute zu entlassen. Wir sollten darum mög­lichst nur solche Tätigkeiten in den Katalog der Bürgerarbeit aufnehmen, die nicht im Bereich des ersten Arbeitsmarktes liegen. Das sind eben vor allem soziale Dienst­leistungen wie Arbeiten in der Altenpflege, aber auch in Vereinen, in der Kirche, im Bereich der Jugendarbeit, zum Schutz und zur Pflege der Natur und im Leben der kommunalen Öffentlichkeit. Meist sind das Arbeitsleistungen, die einfach deshalb vom Markt nicht realisiert werden können, weil weder beim Einzelnen noch bei den Kommunen das nötige Geld dafür da ist.

Anders gesagt: Es gibt dafür keine zah­lungs­fähige Nach­frage, deren Befriedigung Gewinn verspräche. Mithin schafft niemand dafür einen Arbeitsplatz.

Ja, aber der Staat, der gesamtgesellschaftliche Belange vertritt, kann doch solche Arbeit, bzw. diejenigen, die sie leisten, durchaus bezahlen. Und zwar mit jenem Geld, das er sowieso für die Sicherung ihrer Existenz ausgeben muss. Dann gäbe es anstatt pas­siven Leistungsempfangs sozialversiche­­rungs­pflichtige Arbeitsverhältnis­se.

Allerdings auf einem recht niedrigem Einkommensniveau.

Im Verhältnis zum Realeinkommen zurückliegender Jahre mag das zutreffen. Aber heu­­­te haben wir doch, vor allem im Osten, die Tatsache, dass in nicht wenigen Berufsgruppen die Leute mit weniger Geld in der Tasche nach Hause gehen als es Hartz IV inklusive Wohngeld usw. bietet. Fragen Sie mal so manche Friseuse, warum sie noch bei der Arbeitsagen­tur um einen Aufstockungsbetrag nach­suchen muss! Das wird ganz sicher nicht so rasch anders werden. Wir haben zwar zurzeit einen leichten  Wirtschaftsaufschwung, aber es ist eine Illusion zu glauben, Wirtschaftswachstum könne sich heute und in Zukunft gleichsam linear in Nachfrage nach Arbeitskräften umsetzen und damit letztlich auch erhöhend auf deren Preis auswirken.

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Vor Redaktionsschluss erreichte uns noch folgen­de Information aus der Hallenser Regionaldirektion der Arbeitsagentur:

"... wir haben eine kleine Änderung vorgenommen: das Wort ‚Altenpflege’ haben wir durch ‚Altenbetreuung über die Pflege hinaus’ ersetzt."

Diese Korrektur drängt uns folgende Fragen auf:

  1. Gehört menschliche Zuwendung, von der in den Medien mit Nachrichten und Fotos über die Bürgerarbeit in Bad Schmiedeberg erfreulich gesprochen wird, nicht mehr zur Pflege alter Menschen, wie sie von den Firmen des  ersten Arbeitsmarkts gewinnträchtig "erledigt" wird?
  2. Wenn "sauber-satt" nicht alles sein darf: Warum ist es dann den Pflegeunternehmen ohne gesellschaftlichen Widerspruch möglich, beitragsversicherungspflichtiges Personal zu entlassen bzw. nicht einzustellen, das eigentlich jene Aufgaben zu erledigen hätte, die nun "Bürgerarbeitern" auf Kosten des Staates überantwortet werden?
  3. Und 3. Wenn es diese Probleme weithin gibt, warum darf dann dem Markt nicht intensiver auf die Finger geschaut, darf er nicht wenigstens mit stark lenkenden Rah­menbedingungen in eine menschenfreundlichere Gegend gedrängt werden, anstatt seine Geschäfte zu behandeln wie heilige Kühe?

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