Neue Ausgabe Oktober/November/Dezember 2009

Die neue Ausgabe ist seit 29. Oktober 2009 im Bahnhofsbuchhandel und über Internetbestellung erhältlich.

Mit Beihefter "Krebs als Chance"

Gesundheit

Operation gelungen - Patient tot

08.03.2007

Ärzte in einem Operationssaal

Borniertheit gegenüber jahrhundertealten Heilweisen.
Interview mit Thomas Martens, dem Vorsitzenden des Verwaltungsrates der SECURVITA Krankenkasse, Hamburg.

Das Gesundheitswesen ist hierzulande schon seit längerem der am schnellsten wachsende  Wirtschaftszweig. Medizinische Diagnostik und Behandlung verschlingen vor dem Hintergrund eines gepriesenen Fortschritts und einer zwar älter, doch leider nicht gesünder werdenden Bevölkerung Jahr um Jahr mehr Geld. Eine Lawine, die nicht aufzuhalten ist?

Reformer von Staats wegen mühen sich um die Erschließung neuer Finanzquellen und sprechen von mehr Wettbewerb. Kann aber ein ökonomischer Mechanismus wie der des marktwirtschaftlichen Wettbewerbs auf einem derart sozialen Terrain, wie dies die Sorge um die Gesundheit ist, überhaupt funktionieren? Muss dieser Wettstreit, da die demokratische Öffentlichkeit de facto viel zu wenig Einfluss auf ihn hat, nicht zu einem Gerangel um das größte Stück des jeweils zu verteilenden "Kuchens" verkommen? Und wenn ja, warum? Wir sprachen darüber mit Thomas Martens, dem Vorsitzenden des Verwaltungsrates der SECURVITA Krankenkasse, Hamburg. ...

Historisch bedingt ist das Gesundheitswesen der Bundesrepublik voll in den an Gewinn ausgerichteten Markt integriert. Schadet dies nicht objektiv den Prinzipien von Humanität und gegenseitiger Hilfe, denen dieser Sektor doch vorrangig verpflichtet sein müsste?

Was diesen Prinzipien schadet, ist nicht die soziale Marktwirtschaft. Davon haben wir im Gesundheitswesen eher zu wenig. Schädlich sind vielmehr Handlungsweisen, die zuweilen einem rüden Kapitalismus verwandt sind. Paradoxerweise – aber auch interessanterweise! - werden diese antisozialen Elemente nicht durch den freien Markt, sondern durch eine staatliche bzw. behördliche Reglementierung gefördert. ...

Der Arzt müsste tatsächlich die Freiheit haben, seinen Patienten die aus seiner Sicht notwendige und aussichtsreichste Therapie, das heißt aber auch: mögliche Alternativen zum sogenannten Standard vorzuschlagen. Die Kassen wiederum brauchen die Freiheit, für ihre Versicherten jene Leistungen zu bezahlen, die, wenn man so will, ihrer „Philosophie“, ihrem Profil entsprechen. Der Patient schließlich ist der Schlüssel zum Ganzen. Er ist es doch, der letztlich sämtliche Aufwendungen nach dem Solidarprinzip bezahlt. Ihm sollte nicht nur theoretisch, sondern real - d. h. auch ohne die Begrenzungen von Vergütungsrichtlinien - die Freiheit zustehen, den Arzt und damit die Therapie zu wählen, der er vertraut, von der er Hilfe erwartet. Das wäre wirkliche Therapiehoheit des Patienten.

... Uns ist es derzeit verboten, etwa 40 therapeutische Verfahren zu bezahlen. Dabei handelt es sich meist um Therapien und die entsprechenden Medikamente und Heilmittel, die sich längst in der Praxis bewährt haben, die eine gute Tradition besitzen und die tatsächlich wirken. Dennoch werden sie im Grunde diskreditiert und damit diskriminiert, einzig deshalb, weil die derzeitige universitäre Medizin in ihrer Mehrheit oder kraft ihrer Hierarchien sie nicht anerkennt. Das betrifft unter anderem die Bioresonanztherapie, die Ozontherapie und die Elektro-Akupunktur nach Voll, aber auch alternative Behandlungsverfahren bei Krebs wie die inzwischen für ihre positiven Wirkungen bekannte Hyperthermie und viele andere.

Heißt das: Solange solche Therapien nicht das Zertifikat „wissenschaftlich allgemein anerkannt„ erhalten, muss sie der gesetzlich versicherte Patient, wenn er seine Hoffnungen auf eine Behandlung damit setzt, zusätzlich bezahlen? Er bezahlt ja mit seinem Krankenkassenbeitrag bereits nicht gerade wenig.

Ja. Man muss dabei aber hervorheben: Bei der wissenschaftlichen Anerkennung, die hier in Rede steht, handelt es sich lediglich um eine Akzeptanz aus schulmedizinischer Sicht. Es wird dabei vergessen, dass die Führung der etablierten Wissenschaft den Begriff der Wissenschaftlichkeit für sich gepachtet hat. Sie lässt nur gelten, worauf sie sich festgelegt hat und grenzt andere Arten der Wahrheitsfindung gänzlich aus ... Dieser Umstand gibt dann auch ein gutes Klima für Borniertheit her. Nehmen Sie unser Verhältnis zur traditionellen chinesischen Medizin. Da geht es um Behandlungsmethoden, nach denen über viele Jahrhunderte - und noch heute - Millionen von Menschen therapiert und auch geheilt wurden und werden. Aber um diese Therapien bei uns erstattungsfähig zu machen, verlangt man teure Wirkungsnachweise nach den Kriterien hiesiger Schulmedizin. Das hat mit globalem Denken, von dem so viel geredet wird, nichts zu tun ...

Es wird oft unterstellt, als gäbe es nur einen einzigen Wissenschaftsansatz. Das stimmt je¬doch nicht. Sowohl bezogen auf die verschiedenen Kulturkreise der Welt als auch allein auf den westlichen Wissenschaftsbetrieb haben wir es mit einer Vielfalt zu tun. Und wenn ich alternative Therapierichtungen beurteilen will wie meinetwegen die Homöopathie, die traditionelle chinesische oder die anthroposophische Medizin, dann muss ich von dem jeweiligen Wissenschaftsansatz dieser Therapierichtung ausgehen. Und das heißt auch, dass ich das entsprechend andere Menschenbild berücksichtigen und achten muss. Bedingung dafür, dass dies auch geschieht, ist der kulturvolle Streit der Beteiligten, und zwar nicht hinter verschlossenen Türen, sondern vor einer demokratischen Öffentlichkeit. Es gibt keinen einzigen akzeptablen Grund, diese Öffentlichkeit zu scheuen!

Befürchtungen von Dr. Benjamin Rush, Oberster Stabsarzt der Armeen Georg Washingtons und Mitunterzeichner der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung: "Wenn wir die Freiheit der Medizin nicht in die Verfassung aufnehmen, wird eine Zeit kommen, da die Medizin sich als Geheimdiktatur organisieren wird ... Die Heilkunst auf eine Klasse von Menschen zu beschränken und den anderen gleiche Rechte zu verweigern wird einer Bastille der medizinischen Wissenschaft gleichkommen."

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