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10.03.2007

Kleine Anstöße für große Lösungen
Warum sich unser Verlag "Schmetterlinge" nennt
Es gehört nicht viel dazu, den Mut zu verlieren angesichts unserer Realität: düstere Klimaprognosen mit stürmischem Vorgeschmack; Überalterung der Gesellschaft mit wachsendem Pflegenotstand; unverschämte Polarisierung von Haben und Nichthaben trotz überquellenden Reichtums; rücksichtsloser Ausschluss von Millionen aus der Arbeitswelt; Zerstörung der Natur, Verschmutzung von Umwelt, Atemluft und Wasser; E-nummerierte Chemisierung der Nahrung usw. usf. Und all dies deprimiert umso mehr, da es vor dem Hintergrund jahrzehntelanger von Verantwortung getragener Warnungen geschieht, die in den Wind zu schlagen man immer wieder zuließ oder gar beförderte. Es scheint, als sei die Vernunft bar jeder Macht, und außer einem eher leichtfertig verstandenen Prinzip Hoffnung bliebe uns letztlich nur die Kapitulation – entweder als schmerzhaft erfahrene Resignation oder als Flucht in ein genussträchtiges "Nach-mir-die-Sintflut".
Nicht selten leistet der Zufall dringliche Hilfestellung. So fiel mir neulich wieder ein Buch des Schweizer Naturwissenschaftlers Albert Zeyer in die Hände, das der Scherz-Verlag bereits vor zehn Jahren auf den Markt gebracht hat und das allen jenen Mut macht, die, wie ich, der oben angeführten fatalen Gedankenkette nicht folgen wollen. Als „Ein Buch gegen die tägliche Resignation“ trägt es den aufmunternden Titel "Die Kühnheit, trotzdem ja zu sagen" und widmet sich der Frage, warum der Einzelne in Wahrheit erheblich mehr Macht hat, als wir gemeinhin annehmen.
Zeyer gibt darin ganz zu Anfang eine erstaunliche Erfahrung wieder, die der amerikanische Meteorologe Edward Lorenz erstmals im Jahre 1960 machte. Für seine am Computer erstellte Wettervorhersage gab er stets die erforderlichen Zahlen mit sechs Stellen hinter dem Komma ein. Eines Tages aber, als er seine Prognose nur noch einmal auf die Schnelle nachrechnen lassen wollte, begnügte er sich bei der Eingabe der Daten für Temperatur, Luftdruck usw. mit einer Genauigkeit von nur drei Dezimalstellen. Dies in der naheliegenden Annahme, dass die wetterprognostischen Ergebnisse dadurch wohl nicht allzu sehr abweichen würden. Das war jedoch ein Irrtum. Die sehr kleinen Differenzen von nur einigen Hunderttausendstel der Messwerte ergaben eine völlig andere Voraussage des Wetters. Damit hatte Lorenz ein erstes anschauliches Beispiel dafür vor sich, wie so genannte chaotische Systeme reagieren. Und wer sich näher mit der aus diesen Erkenntnissen entwickelten Chaostheorie vertraut machen will, findet dazu mittlerweile in Internet und Bibliotheken reichhaltiges Wissen.
Für uns Laien ist dabei, meine ich, vor allem eine Schlussfolgerung von Bedeutung: In chaotischen Systemen können bereits allerkleinste Aktivitäten in dem einen Bereich zu außerordentlich großen Folgen in einem anderen führen und zuweilen auch den Zustand der Gesamtheit verändern. Es heißt, bildlich gesprochen, der Flügelschlag eines Schmetterlings in Honkong könne in New York ein Gewitter auslösen.
Die menschlichen Gesellschaften nun wie auch die Menschheit als Ganzes sind derartige komplexe, chaotische Systeme, deren Entwicklung wesentlich von den Gesetzmäßigkeiten jenes Schmetterlingseffekts bestimmt wird. Dieser Umstand gibt uns "kleinen Leuten" eine gewaltige Chance – uns, die wir nicht an den offiziellen Schalthebeln der Macht sitzen, uns, die wir eben darum annehmen müssen, wir könnten eh nichts an den Verhältnissen ändern, an denen wir unglücklich sind. Denn die Chaostheorie sagt uns ermutigend, dass gerade wir es sind, deren Tun, aber auch deren Lassen die Wege bestimmen, die unser sich selbst organisierendes System Gesellschaft gehen wird. Unsere kleinen Anstöße können letztlich zu den großen Lösungen führen.
Weshalb aber widerspricht unsere Alltagserfahrung dieser sehr optimistischen Behauptung? Warum sind wir verleitet, uns trotz aller Bemühungen für machtlos zu halten?
In erster Linie liegt es wohl daran, dass wir die Vielzahl und die Vielfalt der Kausalketten, der Verbindungslinien von Ursachen und Wirkungen, innerhalb derer sich unsere Aktivitäten bewegen, auch bei größter Aufmerksamkeit nicht zu überschauen vermögen. Sie bleiben im Dunkel, oft für immer, und scheinen nur selten auf.
Die Afro-Amerikanerin Rosa Parks setzte sich einst im Bus auf einen für Weiße reservierten Platz. Das war zwar mutig, aber geschah ohne explizites politisches Ziel. Dennoch entwickelte sich aus dieser "kleinen" Tat der befreiende Flächenbrand der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung, welche die De-jure-Gleichberechtigung der US-Bürger schwarzer Hautfarbe durchsetzte.
Die Geschichte kennt viele solcher Beispiele. Das der sich selbst organisierenden Montagsdemonstrationen zur DDR-Wende ist uns besonders nahe, nicht wenigen auch, dass Shell daran gehindert werden konnte, die Öl-Plattform Brent Spar im Meer zu versenken. Die Schmetterlinge waren hier nicht nur die Greenpeace-Aktivisten, sondern, ganz entscheidend, all jene von uns, die die Shell-Tankstellen boykottierten. Wir Millionen "Gewittermacher" sollten unsere Flügelschläge nicht vergessen! Auch oder gerade weil wir andererseits immer wieder erleben müssen, dass scheinbar "alles nichts nützt".
Wir haben, meine ich, wenn wir Schmetterlinge sein wollen, einige Bedingungen zu erfüllen. So müssen wir in gewisser Weise unser Handlungsdenken umprogrammieren: Handwerkliche und ingenieurtechnische Kausalität funktionieren im großen Entwicklungsstrom der Gesellschaft nicht. Wir können und dürfen deshalb nicht erwarten, dass unser Tun heute oder auch nur morgen sichtbare Folgen hat. Ausnahmen bestätigen nur die Regel. Wir haben uns eher generell damit abzufinden, dass die wesentlichen Wirkungen unseres Handelns für uns Akteure meist im Dunkel bleiben, vielleicht für immer in unserem kurzen Leben. Es ist eine eigene Art von Selbstlosigkeit, die da von uns verlangt ist.
Andererseits dürfen wir aus dem Wissen um die Gesetze komplexer Systeme begründet optimistisch bleiben. Denn unsere Bemühungen können nicht verloren gehen. Sie realisieren sich alle - irgendwann, oft unerkannt, nicht ortbar, unerwartet und überraschend. Mehr noch: Optimismus ist uns nicht nur erlaubt, sondern unbedingt geboten. Resignation lähmt nämlich die Flügel der Schmetterlinge.
Und: Wenn unser Wirken meist auch einem Blindflug ähnelt und wir dennoch nicht verzagen, bleibt unser verständlicher Wunsch, die vor uns liegende Trasse auszuleuchten, legitim und nützlich. Es ist immer von Vorteil zu wissen, wie die Situation beschaffen sein muss, in der Flügelschläge Gewitter auslösen. Denn nicht immer ist die Zeit reif. Und es kann uns nur helfen, wenn wir auch die Mechanismen erkennen und sichtbar machen, die - zum Erhalt bestehender Macht - eingerichtet sind, den Schmetterlingen die Lust am Flügelschlagen zu nehmen oder sie gar daran zu hindern.
Über all das und unsere Chancen, mit kleinen Anstößen große Lösungen zu erreichen, braucht es lebhafte Kommunikation, rasche Verständigung und gegenseitige Aufklärung, braucht es die Weitergabe von Wissen um unsere gesellschaftliche Wirklichkeit, von vielen Fragen und vielen Versuchen, darauf zu antworten. Aber auch: Wo immer uns das bisher errungene und gehaltene Niveau formaler Demokratie die Gelegenheit bietet, in das bestehende Räderwerk einzugreifen, um es zu bewegen, sind wir dazu aufgefordert. Dabei haben wir jedoch einen entscheidenden Vorteil: Auch angesichts von Niederlagen können wir gegen jede Resignation eine "sichere Bank" unser eigen nennen - die Überzeugung von der Kraft der Schwachen, von der großen Macht der kleinen Schmetterlinge.