Neue Ausgabe Oktober/November/Dezember 2009

Die neue Ausgabe ist seit 29. Oktober 2009 im Bahnhofsbuchhandel und über Internetbestellung erhältlich.

Mit Beihefter "Krebs als Chance"

Wider die Resignation

10.03.2007


Kleine Anstöße für große Lösungen
Warum sich unser Verlag "Schmetterlinge" nennt

Es gehört nicht viel dazu, den Mut zu verlieren angesichts unserer Realität: düstere Klimaprognosen mit stürmischem Vorgeschmack; Überalterung der Gesellschaft mit wachsendem Pflege­not­stand; unverschämte Polarisie­rung von Haben und Nicht­haben trotz über­quellenden Reichtums; rück­sichts­loser Ausschluss von Millionen aus der Ar­beitswelt; Zerstörung der Natur, Ver­schmut­zung von Um­welt, Atemluft und Wasser; E-nummerierte Chemisierung der Nahrung usw. usf. Und all dies deprimiert umso mehr, da es vor dem Hin­tergrund jahr­zehn­telanger von Verant­wor­tung ge­tra­ge­ner Warnungen geschieht, die in den Wind zu schlagen man immer wieder zuließ oder gar be­förderte. Es scheint, als sei die Vernunft bar jeder Macht, und außer einem eher leichtfertig ver­stan­denen Prin­zip Hoffnung bliebe uns letztlich nur die Kapitulation – ent­we­der als schmerzhaft er­fah­rene Resignation oder als Flucht in ein ge­nuss­träch­tiges "Nach-mir-die-Sintflut".

Nicht selten leistet der Zufall dringliche Hilfe­stel­lung. So fiel mir neulich wieder ein Buch des Schwei­zer Naturwissenschaftlers Al­bert Zeyer in die Hän­de, das der Scherz-Verlag bereits vor zehn Jahren  auf den Markt gebracht hat und das allen jenen Mut macht, die, wie ich, der oben angeführten fatalen Ge­dankenkette nicht fol­gen wollen. Als „Ein Buch gegen die tägliche Resignation“ trägt es den auf­mun­ternden Titel "Die Kühnheit, trotzdem ja zu sa­gen" und widmet sich der Frage, warum der Einzelne in Wahrheit er­heblich mehr Macht hat, als wir ge­mein­hin annehmen.

Zeyer gibt darin ganz zu Anfang eine erstaunliche Erfahrung wieder, die der amerikanische Meteo­ro­lo­ge Edward Lorenz erstmals im Jahre 1960 machte. Für seine am Computer erstellte Wet­ter­vor­her­sage gab er stets die erforderlichen Zahlen mit sechs Stellen hinter dem Komma ein. Eines Tages aber, als er seine Prognose nur noch einmal auf die Schnelle nachrechnen lassen wollte, begnügte er sich bei der Eingabe der Daten für Temperatur, Luftdruck usw. mit einer Genauigkeit von nur drei Dezimalstellen. Dies in der naheliegenden Annahme, dass die wetterpro­gno­s­ti­schen Ergebnisse dadurch wohl nicht allzu sehr ab­weichen würden. Das war jedoch ein Irrtum. Die sehr kleinen Differenzen von nur einigen Hun­dert­tausend­stel der Messwerte ergaben eine völlig andere Vor­aussage des Wetters. Damit hatte Lorenz ein erstes anschauliches Bei­spiel dafür vor sich, wie so ge­nann­te chaotische Sy­s­teme reagieren. Und wer sich näher mit der aus diesen Er­kennt­nissen entwickelten Chaos­theorie vertraut machen will, findet dazu mitt­ler­wei­le in Internet und Bi­bliotheken reichhaltiges Wissen.

Für uns Laien ist dabei, meine ich,  vor allem eine Schlussfolgerung von Bedeutung: In chaotischen Systemen können bereits aller­klein­ste Aktivitäten in dem einen Bereich zu außer­ordentlich gro­ßen Fol­gen in einem anderen führen und zuweilen auch den Zustand der Gesamtheit verändern. Es heißt, bild­lich gesprochen, der Flü­gel­schlag eines Schmet­ter­lings in Honkong könne in New York ein Gewitter auslösen.

Die mensch­li­chen Gesellschaften nun wie auch die Menschheit als Ganzes sind derartige komplexe, chaotische Systeme, deren Ent­wicklung wesentlich von den Gesetzmäßigkeiten jenes Schmet­ter­lings­ef­fekts bestimmt wird. Dieser Umstand gibt uns "kleinen Leu­ten" eine gewaltige Chan­ce – uns, die wir nicht an den offiziellen Schalthebeln der Macht sitzen, uns, die wir eben darum annehmen müssen, wir könnten eh nichts an den Verhältnissen ändern, an denen wir unglücklich sind. Denn die Chaos­theorie sagt uns er­mu­ti­gend, dass gerade wir es sind, deren Tun, aber auch deren Lassen die Wege bestimmen, die unser sich selbst or­ga­ni­sie­rendes System Gesellschaft gehen wird. Unsere klei­nen An­stöße können letztlich zu den großen Lösungen führen.

Weshalb aber widerspricht unsere Alltagserfahrung dieser sehr op­ti­mi­stischen Behauptung? Warum sind wir verleitet, uns trotz aller Bemü­hun­gen für machtlos zu halten?

In erster Linie liegt es wohl daran, dass wir die Vielzahl und die Vielfalt der Kausalketten, der Ver­bin­dungs­li­nien von Ur­sa­chen und Wirkungen, innerhalb derer sich unsere Ak­tivitäten bewegen, auch bei größter Auf­merksamkeit nicht zu überschauen vermögen. Sie bleiben im Dunkel, oft für immer, und scheinen nur selten auf.

Die Afro-Amerikanerin Rosa Parks setzte sich einst im Bus auf einen für Weiße reservierten Platz. Das war zwar mutig, aber ge­schah ohne explizites politisches Ziel. Dennoch entwickelte sich aus dieser "kleinen" Tat der befreiende Flächenbrand der ameri­ka­ni­schen Bürgerrechtsbewegung, welche die De-jure-Gleich­be­rech­ti­gung der US-Bürger schwar­zer Hautfarbe durchsetzte.

Die Geschichte kennt viele solcher Beispiele. Das der sich selbst organisierenden Montagsde­mon­stra­tionen zur DDR-Wende ist uns besonders nahe, nicht wenigen auch, dass Shell daran gehindert werden konnte, die Öl-Plattform Brent Spar im Meer zu versenken. Die Schmetterlinge wa­ren hier nicht nur die Greenpeace-Aktivisten, sondern, ganz entscheidend, all jene von uns, die die Shell-Tankstellen boy­kot­tierten. Wir Millionen "Gewittermacher" sollten unsere Flügel­schlä­ge nicht vergessen! Auch oder gerade weil wir andererseits immer wieder erleben müssen, dass scheinbar "alles nichts nützt".

Wir haben, meine ich, wenn wir Schmetterlinge sein wollen, einige Bedingungen zu erfüllen. So müssen wir in gewisser Weise unser Handlungsdenken umprogrammieren: Handwerkliche und in­ge­nieur­tech­ni­sche Kausalität funktionieren im großen Entwick­lungsstrom der Gesellschaft nicht. Wir können und dürfen deshalb nicht erwarten, dass unser Tun heute oder auch nur morgen sichtbare Folgen hat. Ausnahmen bestätigen nur die Regel. Wir haben uns eher generell damit abzufinden, dass die wesentlichen Wirkungen unseres Handelns für uns Akteure meist im Dunkel bleiben, vielleicht für immer in unserem kurzen Leben. Es ist eine eigene Art von Selbstlosigkeit, die da von uns verlangt ist.

Andererseits dürfen wir aus dem Wissen um die Gesetze komplexer Systeme begründet optimistisch bleiben. Denn unsere Bemühungen können nicht verloren gehen. Sie realisieren sich alle - irgendwann, oft un­er­kannt, nicht ortbar, unerwartet und über­ra­schend. Mehr noch: Op­timismus ist uns nicht nur erlaubt, sondern unbedingt geboten. Resignation lähmt nämlich die Flügel der Schmetterlinge.

Und: Wenn unser Wir­ken meist auch einem Blindflug ähnelt und wir dennoch nicht verzagen, bleibt unser verständlicher Wunsch, die vor uns liegende Trasse auszuleuchten, legitim und nützlich. Es ist immer von Vorteil zu wissen, wie die Situation beschaffen sein muss, in der Flügelschläge Gewitter auslösen. Denn nicht immer ist die Zeit reif. Und es kann uns nur helfen, wenn wir auch die Mechanismen erkennen und sichtbar machen, die - zum Erhalt bestehender Macht -  eingerichtet sind, den Schmetterlingen die Lust am Flügelschlagen zu nehmen oder sie gar daran zu hindern.

Über all das und unsere Chancen, mit kleinen Anstößen große Lö­sun­gen zu erreichen, braucht es lebhafte Kommunikation, rasche Ver­ständigung und gegenseitige Aufklärung, braucht es die Weiter­gabe von Wissen um unsere gesellschaftliche Wirklichkeit, von vie­len Fragen und vielen Versuchen, darauf zu antworten. Aber auch: Wo immer uns das bisher errungene und gehaltene  Niveau for­ma­ler Demo­kratie die Gelegenheit bietet, in das bestehende Räderwerk einzugreifen, um es zu bewegen, sind wir dazu aufgefordert. Dabei haben wir jedoch einen entscheidenden Vorteil: Auch angesichts von Niederlagen können wir gegen jede Resignation eine "sichere Bank" unser eigen nen­nen -  die Überzeugung von der Kraft der Schwachen, von der großen Macht der kleinen Schmetterlinge.

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