Neue Ausgabe Oktober/November/Dezember 2009

Die neue Ausgabe ist seit 29. Oktober 2009 im Bahnhofsbuchhandel und über Internetbestellung erhältlich.

Mit Beihefter "Krebs als Chance"

An den Rändern des Realen

17.07.2007


Vom Umgang mit paranormalen Erfahrungen

Großmutter stirbt - und just in diesem Augenblick fällt ihr Bild von der Wand. Eine Ahnung hält dich davon ab, ein bestimmtes Flugzeug zu besteigen – und eben das stürzt ab. Irgendetwas drängt mich, heute einen Umweg zu machen – und gerade da treffe ich jemanden, den ich jahrelang gesucht habe. Nacht um Nacht sind Schritte auf dem Dachboden zu hören, doch wenn wir nachschauen, ist niemand da. Jährlich wenden sich Menschen, die solches oder Ähnliches erleben, an das 1950 gegründete Freiburger Institut für Grenzgebiete der Psychologie und Psychohygiene (IGPP). Oft kommen sie mit ihrer ungewöhnlichen Erfahrung nicht klar, befürchten, für verrückt gehalten zu werden. Können wir etwas, das scheinbar jenseits unserer fünf Sin­ne geschieht, ernst nehmen? PROVOkant sprach darüber mit dem Diplompsychologen Eberhard Bauer, Abteilungsleiter und Chef des Beratungsteams des Instituts.

PROVOkant: Herr Bauer, welcher Art sind denn die sonderbaren Begebenheiten, die Bürger da­zu bringen, sich an Ihr Institut zu wenden?

Eberhard Bauer: Die Palette jener nicht alltäglichen Erlebnisse – wir nennen sie außergewöhnliche Erfahrungen – ist recht breit. Sie reicht  von mysteriös anmutenden Vorahnungen und bedeutungsvollen Zufällen über die Wahrnehmung ungewöhnlicher Lichterscheinungen oder das Hören innerer Stimmen bis hin zu unerklärlichen Geräuschen oder gar gespenstischem Auftauchen und Verschwinden von Gegen­ständen. Manche berichten auch da­von, in ihrer unmittelbaren Umgebung eine auf normale Weise nicht wahrnehmbare Wesenheit gespürt zu haben. Sie erzählen uns von Gedankenübertragung, aber auch einfach von medizinisch nicht begründbaren Körperempfindungen. In jedem Falle, so meinen die Ratsuchenden, versagen - zumindest zunächst - jegliche herkömmlichen Erklärungsversuche.

Jedes Jahr wenden sich - wie aus den Tätigkeitsberichten Ihres Instituts hervorgeht - mehr als 1000 Personen aus dem gesamten Bundesgebiet mit einem Beratungs- oder Informationswunsch an das IGPP. Nicht jeder aber, der Ähnliches erlebt hat, ruft in Freiburg an. Wie weit sind nach Ihrer Kenntnis und Einschätzung solche außergewöhnlichen Erfahrungen in der Bevölkerung verbreitet?

Auf jeden Fall mehr, als gemeinhin vermutet wird. Sicherlich gibt es da eine nicht zu unterschätzende Dun­kelziffer. Die parapsychologische Forschung hat schon sehr früh entsprechende Erhebungen gemacht.

(…)

Wovon lassen Sie sich bei Ihren Beratungen leiten?

Zunächst einmal ist es unser Prinzip, den Anrufern und Besuchern aufmerksam zuzuhören und ihre Erfahrungen ehrlich zu würdigen. Wir nehmen die Phänomene, von denen sie erzählen, immer ernst. Auch dann, wenn jemand eine Situation be­schreibt, die dem so genannten gesunden Menschenverstand widerspricht und in der scheinbar Naturgesetze außer Kraft gesetzt sind. Das hindert uns freilich nicht, gemeinsam zu versuchen, alle Möglichkeiten auszuschöpfen, eine "natürliche" Ursache zu finden – sofern das für den Betreffenden von Bedeutung ist.

Und wenn dies nicht gelingt, wie erklären Sie das Paranormale, etwas, das mehr oder minder unheimlich ist?

Wir versuchen, den erlebten Phänomenen die Aura des Unheimlichen zu nehmen. Die Leute sollen wissen, dass ihre und ähnliche außergewöhnliche Erfahrungen gleichsam zur anthropologischen Grundausstattung des Menschen durch alle Zeiten hindurch gehören. Dabei verschweigen wir natürlich auch nicht, dass wir immer noch sehr wenig darüber wissen, was sich dahinter verbirgt, d. h. warum und wie solche Vorgänge ablaufen.

(…)

Die Allgemeinheit ist allerdings im Wesentlichen der Auffassung der Naturwissenschaft, wonach es das Paranormale, wie es sich in außergewöhnlichen Er­fah­rungen zeigt, objektiv gar nicht gibt, sondern sich nur in unseren Phantasien und Träumen abspielt. Wie geht Ihr Forscherteam an diese Problematik heran?

Wir tun zunächst das, was die Parapsychologie seit über hundert Jahren tut: Wir sammeln – möglichst vorurteilslos – all das, was uns die Leute in dieser Hinsicht berichten. Wir sichten und ordnen es, analysieren und hinterfragen es. Aber wir machen auch Experimente unter kontrollierten Bedingungen. Diese haben das Ziel, die anhand des spontanen Materials abgeleiteten Fragestellungen im Labor gleichsam nachzustellen.

Wie sieht ein solches Experiment aus?

Nehmen wir die Laborversuche zur Psychokinese, also zu der Frage, ob Menschen auf einen „direkte“ mentale Weise  Einfluss auf materielles Geschehen nehmen können. Versuchspersonen haben dabei die Aufgabe, einen bestimmten Zufallsprozess, zum Beispiel die Wanderung eines Lichtpunktes auf einem Bildschirm, auf eine vom Experimentator vorgegebene Weise zu „beeinflussen“. Abweichungen von der Zufallserwartung werden statistisch überprüft.

(…)

Solche Experimente "funktionieren" natürlich nicht immer und nicht zuverlässig. Wenn man jedoch die erfolgreichen wie die erfolglosen, die unter der gleichen Fragestellung durchgeführt wurden, gemeinsam auswertet, dann ergibt sich ein Ergebnis, das signifikant über der Zu­fallserwartung liegt.

(…)

Die Erforschung und Einordnung solcher Anomalien erfordert ein interdisziplinäres Vorgehen, und es fällt nicht leicht, sich in diese Problematik hineinzudenken.

Sie berührt aber jeden, der an den uralten weltanschaulichen Fragen nach dem Verhältnis von Körper, Geist und Seele interessiert ist. Wäre es nicht wünschenswert, wenn hier die Parapsychologie wenigstens Fingerzeige gäbe?

Das ist ein Anspruch, der in vielen Anfragen an uns mitschwingt oder sogar explizit erhoben wird. So mancher kommt mit der Erwartung zu uns, dass wir seine Weltanschauung quasi bestätigen. (…) Das können wir natürlich methodisch nicht leisten. Gewiss bringen wir alle unsere persönliche Weltanschauung mit an unseren Schreibtisch und auch in unsere Beratungsgespräche. Als Wissenschaftler aber sind wir zur Zurückhaltung verpflichtet. Auch und gerade bei der weltanschaulichen Deutung unserer Forschungs­ergebnisse.

(…)

Haben wir es also mit Erscheinungen zu tun, die uns nahe legen, dass es so etwas wie eine Transzendenz tatsächlich gibt?

Das lässt sich selbst mit der Fülle des bisher gesammelten empirischen Materials weder beweisen noch widerlegen. Vielleicht trifft es insofern zu, dass wir den bisher gewohnten Raum unseres Denkens überschreiten müssen, um bisher Unerklärliches zu verstehen, anstatt es zu ignorieren. Ich glaube zwar nicht, dass die Forschungsergebnisse der Parapsychologie das etablierte Weltbild der Naturwissenschaften ins Wanken oder gar zum Umsturz bringen. Wohl aber könnten sie es um interessante Perspektiven erweitern.

(…)

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