Neue Ausgabe Oktober/November/Dezember 2009

Die neue Ausgabe ist seit 29. Oktober 2009 im Bahnhofsbuchhandel und über Internetbestellung erhältlich.

Mit Beihefter "Krebs als Chance"

Die Klügere sieht nach?

10.07.2007


Über den Nutzen und den Schaden von Screeningprogrammen

"Vorbeugen ist besser als heilen", "Gefahr erkannt, Gefahr gebannt" oder auch "Wehret den Anfängen". Diese alten Volksweisheiten scheinen sich besonders dann Respekt zu verschaffen, wenn, wie leider noch oft, ein spät erkannter Krebs nur sehr schwer zu therapieren ist und die Oberhand behält. Früherkennungsmaßnahmen, möglichst auf breiter Front oder gar flächendeckend, scheinen darum sinnvoll und geboten und werden von Politik und Kassen gefördert und gefordert. Vor diesem Hintergrund mag es irritieren, wenn eine kompetente Medizinerin Kampagnen für derartige Vorsorgeprogramme öffentlich in Frage stellt. Eine solche Kritikerin ist die Hamburger Universitätsprofessorin Dr. med. Ingrid Mühlhauser. Wir sprachen mit ihr in der Hansestadt.

PROVOkant: Die kritische Auffassung, die Sie, Frau Professor Mühlhauser, zu den breit angelegten Früherken­nungs­kampagnen vertreten, erfreut sich bisher nicht gerade der allgemeinen Anerkennung von Wissenschaft und Gesundheitspolitik. Was sagen die „einfachen Leute“, spe­ziell Krebskranke dazu?

Prof. Dr. Mühlhauser: Ich muss gestehen, dass von Brustkrebs betroffene Frauen zu denjenigen gehören, die sich am vehementesten gegen meine Position wenden und die Screening-Programme zur Krebsfrüherkennung verteidigen. Mitunter sind sie geradezu verärgert und böse mit mir, weil sie davon ausgehen, dass sie große Chancen gehabt hätten, wenn ihr Krebs früher diagnostiziert worden wäre. Das ist verständlich. Und bis zu einem gewissen Grad haben sie auch nicht völlig unrecht.

Inwiefern?

Weil es im konkreten Einzelfall vielleicht tatsächlich besser sein kann, der Krankheit im Anfang oder zumindest in einem frühen Stadium therapeutisch entgegenzutreten. Aber das ändert nichts daran, dass wir es, bezogen auf große Bevölkerungsgruppen, mit einem Trugschluss zu tun haben. Krebsfrüherkennung ist keine Krebsvorsorge. Durch die Teilnahme beispielsweise am Mammographie-Screening kann weder Brustkrebs verhindert noch das Risiko, daran zu erkranken, verringert werden. Die Lebenserwartung wird insgesamt nicht erhöht.

(…)

Es ist aber eine oft wiederholte Botschaft der Medizin, dass ein früh erkannter Krebs besser heilbar ist als ein fortgeschrittener. Zumindest ermögliche es eine früh einsetzende Therapie, die Überlebenszeit zu verlängern. Ist das erwiesen? Wenn ja, wäre die Früherkennung doch nicht so schlecht.

Das ist eben nicht so einfach zu sagen. Es gibt mögliche Folgeschäden durch die Untersuchungen selbst, durch notwendige Abklärungen und durch Überdiagnosen. Zudem ist es auch im Einzelfall nicht wirklich nachweisbar, ob eine frühe Dia­gnose das Leben verlängert. Denn den Verlauf einer Krebserkrankung können wir nur selten vorhersagen. Meist können wir ihn erst nach der Diagnose beob­achten und beurteilen. Was vorher im Körper geschieht, liegt gleichsam im Dunkeln. Im Einzelfall können wir weder wissen, wie schnell der Krebs wächst, noch wie lange und wie erfolgreich das Immunsystem ihm Schranken setzt.

(…)

Kann es aber nicht nur von Vorteil sein, wenn bei den Spiegelungen Darmpolypen, die bekanntlich entarten können, entdeckt und auch entfernt werden?

Theoretisch müsste es dadurch zu weniger Darmkrebs kommen. Die Rea­lität ist aber anders, was auch durch Studien belegt wird: Es gibt auch hier nicht weniger Krebsdiagnosen. Obwohl durch die Entfernung von Polypen einzelne Krebse verhindert werden, werden andererseits Krebse entdeckt, die sich nie bemerkbar gemacht hätten.

Die offizielle Propaganda behauptet, dass man bei Darmkrebs durch Früherkennung die Sterberate nahezu auf Null senken kann.

Das ist keinesfalls bewiesen und weckt falsche Hoffnungen.

(…)

In all den Fällen aber, in denen man einen Tumor rechtzeitig „erwischt“, kann man doch nur froh sein.

Das sollte man meinen. Dem ist aber nicht zwangsläufig so. Denn was bedeutet es denn, wenn Tumore ans Tageslicht kommen, die nie irgendwelche Probleme bereitet hätten und die man hätte in Ruhe lassen sollen. Das sind die bedenklichen Überdiagnosen. Und die ziehen die damit zu Patienten gemachten Menschen unweigerlich in einen Strudel der Therapie. Es folgen unnötige Operationen, nicht indizierte Strahlenbehandlungen und Chemotherapien.

Ein typisches Beispiel hierfür ist auch der Prostatakrebs. Im höheren Alter hat jeder dritte bis zweite Mann bösartige Zellen in dieser Drüse. Wenn man nur genügend intensiv nach Tumoren sucht, wird man auch welche finden. Verzichtet man indes auf eine solche Suche, werden viele mit, aber nicht an ihrem Krebs sterben.

(…)

Derzeit raten Sie mithin eher ab?

Wenn für ein Programm ein Nutzen belegt ist und dieses qualitätsgesichert angeboten wird, dann sollte jeder selbst entscheiden können. Auf jeden Fall rate ich jedem zu, sich gut über Vorteile und Nachteile dieser Untersuchungsangebote zu informieren. Nie­mand sollte sich einreden lassen, dass die Teilnahme daran eine Art gesundheitliche Bürgerpflicht ist.

Sollten die Ärzte hier nicht die notwendige Aufklärungsarbeit leisten?

Sollten schon, aber leider können sie es oft nicht. Viele von ihnen unterliegen selbst noch der Illusion, dass die Vor­sor­ge­un­tersuchungen letztlich nur nützen. Da gibt es offenbar große Wissenslücken. Die Medizin täuscht sich selbst. Diese Unkenntnis setzt sich über die Medien und die Politik bis zur Öffentlichkeit fort. Was eigentlich Aufklärung sein sollte, verkommt zur Desinformation. Inwieweit dabei pure Marktinteressen eine Rolle spielen, lässt sich nur vermuten. Es ist nicht uninteressant, wenn beispielsweise die Kampagne zur Einführung eines auf den PSA-Test gestützten Prostatakrebs-Screenings nicht nur von den Urologen, sondern auch von der Industrie getragen wird.

(…)

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