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17.07.2007
Wenn die Seele in Zucht genommen werden soll
Die psychiatrischen Einrichtungen Deutschlands, beruhigend meist auch Landeskliniken genannt, müssen sich nicht über rückläufige Patientenzahlen beklagen. Wenn man den Veröffentlichungen glauben darf, haben seelische Leiden und Störungen in letzter Zeit kräftig zugenommen. Andererseits gibt es zunehmend optimistisch klingende Signale aus Wissenschaft und Arzneimittelbranche, psychische Erkrankungen mittels Chemie und Physik immer besser in den Griff zu bekommen. Einer, der diese Entwicklung seit Jahren wachsam und sehr kritisch verfolgt und sich in diesem Sinne immer wieder mutig zu Wort meldet, ist der Züricher Arzt, Psychotherapeut und Buchautor Dr. med. Marc Rufer. Wir sprachen mit ihm.
PROVOkant: Herr Dr. Rufer, was motiviert Sie, so beharrlich gegen den Strom der Psychiatrie zu schwimmen?
Marc Rufer: Die Tatsache, dass die Lage auf diesem Gebiet nicht besser geworden ist. Nach wie vor bestimmen Zwang und Gewalt den Alltag in den psychiatrischen Kliniken.
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Die "Irrenhäuser" sind aber längst einer medizinischen Obhut und der Wissenschaft gewichen. Ist das kein großer Fortschritt?
Auf den ersten Blick vielleicht. Natürlich bedauert es niemand, dass „Behandlungs“methoden wie eiskaltes Duschen, Züchtigungen, Tobsuchtszellen“, Zwangsjacken, Brechmittel usw. ausgedient haben. Etwas modernere Torturen wie der Elektroschock erleben allerdings gerade ihre Renaissance, und Fixierungen sind noch immer an der Tagesordnung. Die „medizinische Obhut“, wie Sie es nennen, trägt jedoch nicht gerade zur Humanisierung bei. Im Gegenteil: Die Zuständigkeit der Medizin halte ich für den Kardinalfehler bei der Hilfe für psychisch Leidende.
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Wieso? Wenn jemand erkrankt, ist doch der Arzt gefragt.
Das sollte man meinen. Es gilt aber nicht, wenn es um die Seele des Menschen geht. Deshalb lehne ich den Krankheitsbegriff hier auch ab. Medizinisches Denken verhindert das Verständnis für psychische Abweichungen. Es reduziert seelisches Leiden auf gestörte hirnphysiologische Prozesse. Wie man eine Infektion mit Antibiotika „beseitigt“, so glaubt man, psychische Abweichungen „korrigieren“ zu können. Mit chemischen, elektrischen oder gar chirurgischen Instrumenten. Es versteht sich dann von selbst, dass der Patient, wenn er sich dagegen sträubt, auch gegen seinen Willen therapiert werden kann. Zwangseinweisung, Zwangsbehandlung, Einschließung – all das erscheint in diesem Licht nicht nur als legitim, sondern geradezu menschlich geboten, als ein Akt der Hilfe. Und dies, obwohl damit Freiheiten und Rechte außer Kraft gesetzt werden, die in einem demokratischen Staat gesichert sein sollten.
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Ist die psychiatrische Diagnostik inzwischen mehr ausgereift?
Leider kaum. Und sie ist nach wie vor schädlich und gefährlich. Wenn der Arzt beispielsweise eine Manie oder gar eine Schizophrenie diagnostiziert, so bedeutet das für seinen Patienten fast zwingend den sozialen Tod. Der Betroffene ist stigmatisiert. Er ist für sein Leben gebrandmarkt. Für seine Umgebung und auch für sich selbst hört er auf, der zu sein, der er bisher war. Sein Selbstverständnis und damit seine Identität werden auf einen Schlag radikal verändert, und er verhält sich nun so, wie es beispielsweise von einem Schizophrenen erwartet wird. Wer herzkrank ist oder ein Raucherbein hat, wird akzeptiert. Wer’s aber „am Kopf“ hat, wird nicht mehr ernst genommen.
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Helfen Psychopharmaka nicht oft tatsächlich? Zumindest vorübergehend?
Ein heilender Effekt dieser Medikamente ist entgegen allen Behauptungen wissenschaftlich nicht nachgewiesen. Psychopharmaka haben keine spezifische Wirkung, das heißt, sie bringen die damit "behandelten" Symptome nicht gezielt zum Verschwinden. Sie zeitigen bei Gesunden wie "Kranken" die gleichen Effekte. Sie dämpfen die Gefühle weg, die schlechten wie auch die guten. Sie vermögen bestenfalls von außen betrachtet eine aufgeregte Situation zu beruhigen. Da die wirklichen Ursachen der Störungen bestehen bleiben, kommt der Patient dann kaum mehr von den Tabletten los. Es heißt aber, dass die modernen Pharmaka nicht abhängig machen. Das stimmt nicht. Dies ergibt sich allein schon aus der Tatsache, dass kein Psychopharmakon abrupt abgesetzt werden darf. Es würden sonst Entzugserscheinungen auftreten. Und diese Entzugserscheinungen werden dann oft als Rückfall interpretiert, was die erneute Verschreibung der Medikamente zur Folge hat – meist in höherer Dosierung. Heute gehört es leider auch für viele gar nicht besonders stark leidende Menschen zum Alltag, Psychopharmaka einzunehmen.
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Sie sprachen von einem Comeback der Elektroschock-Therapie. Mitunter wird sie als eine fast nebenwirkungsfreie Alternative zu Medikamenten gelobt.
Auch wenn diese „Behandlung“ heute unter Narkose und mit Unterstützung muskellähmender Medikamente durchgeführt wird, verbinden sie die meisten Menschen mit Grausamkeit und Folter. Daran ändert auch ihr neuer Name nichts. Elektroheilkrampfbehandlung. Wer je dieser „Therapie“ beigewohnt hat, wird sie, wenn er noch zu einigem Mitgefühl fähig ist, nie mehr vergessen.
Man wendet sie ja heute vor allem bei therapieresistenten Depressionen an. Was geht dabei eigentlich vor sich?
Der elektrische Strom löst im Gehirn einen großen epileptischen Anfall aus. Die intensiven Muskelkrämpfe werden heute jedoch durch lähmende Medikamente kaschiert. Die hirnelektrischen Aktivitäten verändern sich. Es kommt unter anderem zu einer zeitlichen, räumlichen und personenbezogenen Verwirrung und Desorientiertheit, zu Gedächtnisstörungen, zu einer Störung aller intellektuellen Funktionen, zu unangemessenen emotionalen Reaktionen, wechselnd von Euphorie bis Apathie. Die angeblich heilende Wirkung besteht allenfalls darin, dass der Betreffende seine Probleme "vergisst".
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Wie kann man sich vor Willkür schützen, wenn sich ein Klinikaufenthalt mal nicht mehr vermeiden lässt? Auf jeden Fall sollte man rechtzeitig ein psychiatrisches Testament verfassen. Das ist eine möglichst notariell beglaubigte Vorausverfügung, in der klar ausgewiesen wird, was mit einem gemacht werden darf und was nicht.
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