Neue Ausgabe Oktober/November/Dezember 2009

Die neue Ausgabe ist seit 29. Oktober 2009 im Bahnhofsbuchhandel und über Internetbestellung erhältlich.

Mit Beihefter "Krebs als Chance"

Wartezimmer für’s Ende?

17.07.2007


Wie durch den Pflegenotstand die Würde des Menschen im Alter mit Füßen getreten wird

Es gibt Kriterien, an dem man den Reifegrad einer Gesellschaft messen kann. Zum Beispiel: wie oft man sich noch gegenseitig die Köpfe einschlägt. Oder: wie sehr die einen verarmen, weil die anderen reich werden. Oder: welche Schwierigkeiten man bekommt, wenn man die Wahrheit sagt. Doch bestimmt nicht am Ende der Liste von Gradmessern sozialen Erwachsenseins rangiert der Umgang mit den Hilfsbedürftigen, mit den Alten, vor allem mit den hilfsbedürftigen Alten. In Deutschland gibt es derzeit fast zwei Millionen Menschen, die im gesetzlichen Sinne als pflegebedürftig gelten. Rechnet man jene hinzu, die aus den verschiedensten Gründen durch das Gesetzesnetz fallen, kommt man auf rund 5 Millionen. Einer von denen, die sich seit vielen Jahren in einem selbstgewählten Fulltime-Job für eine mensch­liche Pflege einsetzen, ist der Münchner Sozialpädagoge Claus Fussek. Wir sprachen mit ihm über den inzwischen vielerorts eingestandenen Pflegenotstand.

PROVOkant: Die Medien bringen in letzter Zeit zunehmend katastrophale Zustände im Bereich der Altenpflege an die Öffentlichkeit. Selbst die Politiker kommen deshalb nicht umhin, sich des Themas anzunehmen, und verhandeln über eine Reform der Pflegeversicherung. Sie, Herr Fussek, machen sich schon seit Jahrzehnten zum Anwalt der Betroffenen. Kämpfen Sie da nicht auf verlorenem Posten? Hat die Gesellschaft nicht einfach zu wenig Geld für den „Notfall Alter“ übrig?

Claus Fussek: Wie viel für diesen Bereich bereitgestellt werden müsste und von wem, darüber muss man bestimmt reden. Aber fest steht: Bisher hatten wir und auch heute haben wir ausreichend Geld im System der Pflege. Es fließt nur nicht dorthin, wo es dringend gebraucht wird.

Wohin fließt es denn sonst?

In die ganz legalen Kanäle unternehmerischen Handelns. Mit anderen Worten:  in die Gewinne, die im Pflegebereich gemacht werden, wie in jedem Unternehmen, das Leistungen erbringt oder Waren verkauft.

(…)

Die Arbeitskräfte, die Altenpfleger und Altenpflegerinnen, die Schwestern und Pfleger, ja besonders auch die Hilfskräfte müssen angesichts der allgemein hohen Arbeitslosigkeit begründete Angst um ihren Arbeitsplatz haben. Deshalb kuschen sie bei niedriger Entlohnung. Deshalb wehren sie sich nicht gegen die oft einer Zwangsarbeit ähnelnde hohe Arbeitsbelastung, die sie langsam aber sicher ausbrennt. Das schlimmste aber ist: Die Existenzangst macht sie in der Regel - zumindest nach außen hin - gleichgültig gegenüber dem Elend. Denn vor ihren Augen und oft mit ihrem erzwungenen Zutun geschehen vermeidbares Leiden, Entwürdigung, ja, Körperverletzung, und zwar fahrlässige wie bewusst in Kauf genommene.

Ist das nicht ein etwas übertriebener Vorwurf?

Ich denke  nicht. Als was würden Sie es denn bezeichnen, wenn einer älteren Dame, die nur mit geduldiger Hilfe und nur äußerst langsam ihr Essen zu sich nehmen kann, ohne jede medizinische Not eine Magensonde gelegt bekommt?

(…)

Man hört immer wieder, dass in den Heimen generell zu viel dämpfende Medikamente verabreicht werden, nur um mehr Ruhe und weniger Arbeit zu haben. Sind das Gräuelmärchen?

Leider nein. Das ist gar nicht so selten. "Unruhige" Menschen werden mit Psychopharmaka ruhig gestellt. Und wenn sich der Arzt diesem Ansinnen verweigert, geht das auch durchaus mal ohne Verordnung über die Bühne.

(…)

Gewiss lassen sich im Gerangel um eine Reform der Pflegeversicherung neue Geldquellen erschließen. Und vielleicht muss tatsächlich jeder Einzelne auf diese oder jene Weise - wenn möglich nach dem Solidarprinzip - für das Pflegerisiko des Al­ters besser vorsorgen. Solange aber diese gesellschaftlichen und persönlichen Rücklagen immer wieder in den Sog einer Gewinnerwirtschaftung geraten, wird alle Mühe umsonst sein.

Die Vergesellschaftung dieses Bereichs würde allerdings einen anspruchsvollen Mechanismus der verschiedensten finanziellen und moralischen Motivierungen voraussetzen wie auch ein Höchstmaß an Transparenz und öffentlicher Kontrolle. Wie sieht es unter den heutigen Bedingungen mit der Kontrolle aus?

Völlig unbefriedigend.

(…)

Woraus schließen Sie das?

Ihre Kontrollen werden in der Regel so „rechtzeitig“ angemeldet, dass man auch fundamentale Missstände für die kurze Zeit der Prüfung recht gut kaschieren kann. Was würde man wohl von Verkehrskontrollen halten, wenn die Polizei Ort, Tag und Stunde den potenziellen Alkoholsündern vorher ankündigte?

(…)

Wenn die Kontrolle weithin so gehandhabt wird, bleiben auch die besten gesetzlichen Bestimmungen ein Stück Papier. Müsste da nicht staatlicherseits eingegriffen werden?

Die Politik hat hier bisher total versagt. Kein Politiker, keine Politikerin, egal welcher Partei, schämt sich öffentlich dafür, dass die Altenpflege in unserem Lande zur Restversorgung verkommt. In keinem Wahlkampf ist bisher dieses brisante nationale Problem zum Thema gemacht worden. Was soll ich noch dazu sagen, wenn mir eine Ministerin die himmelschreiende Tatsache der über 40 000 Hilferufe, die ich in den letzten acht Jahren erhalten und gesammelt habe, mit den Worten kommentiert: „Es ist nicht alles schlecht in der Pflege, Herr Fussek!“ -  Wie fein! Es werden bei uns auch nicht alle Asylbewerber halb totgeschlagen! Es verhungern auch nicht alle Kinder in Eritrea. Und ich verprügle meine Frau auch nicht alle Tage! – Verzeihen Sie den Sarkasmus!

(…)

Wenn nun Ihrer Erfahrung nach der Staat die Rolle nicht spielt, die er sollte, kann ihn dann die Öffentlichkeit nicht moralisch dazu zwingen?

Ja, wenn es in unserem Falle eine unduldsame Öffentlichkeit schon gäbe! Schau­en Sie: Ein Pflegeheim ist doch kein Guantanamo-Lager! Das ist doch hier! Das ist in unserer Nähe. Das ist jedem zugänglich. Da gehen täglich so viele Leute ein und aus: Angehörige und Ärzte, Rettungssanitäter und Apotheker, Hausmeister, Besucher, Betreuer und wer weiß, wer noch. Klar schauen die nicht alle unter die Bettdecke. Aber das Gröbste müssten sie doch sehen: Im Schnitt zwei Pflegekräfte haben dort 25 hilfsbedürftige Menschen zu versorgen. Das müsste doch jeden alarmieren. Wenn im Zoo mit Tieren so umgesprungen würde, dann gäbe es schon längst eine Bürgerinitiative, dann wären mindestens eine Handvoll  Journalisten vor Ort und Fernsehkameras. Da forderte man unbedingt eine artgerechte Haltung. Aber im Pflegeheim? Pardon, was ist da oft noch "artgerecht"? Und da passiert nichts!

(…)

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