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09.10.2007

Wie das Label von TransFair im Handel mit Entwicklungs-ländern ein Stück Gerechtigkeit schafft
Keiner von uns ist für Kinderarbeit oder findet es gut, wenn Bauern und Plantagenarbeiter der "Dritten Welt" von ihrer Arbeit nicht leben können. Aber wir alle haben auch nichts gegen niedrige Kaffee- oder Bananenpreise und sind - mehr oder weniger - vom Schnäppchen-Virus infiziert. Dass beides nur verschiedene Seiten ein und derselben Medaille sind, wird uns nur selten bewusst. Wir haben uns daran gewöhnt, auch in der globalisierten Welt die Warenpreise vor allem am Inhalt unseres eigenen Portemonnaies zu messen. Und wir halten dies für legitim, obwohl wir leicht herausfinden könnten, dass wir uns damit des Diebstahls mitschuldig machen.
In Deutschland hat nunmehr seit 15 Jahren der Verein TransFair damit begonnen, von einem bescheidenen Büro am Rhein aus dieses ambivalente Denken aufzubrechen. Und das nicht etwa nur mit Sonntagsreden, sondern mit ganz praktischen Eingriffen in das Räderwerk des Handels. Über Methoden, Kriterien, Pläne dieser Organisation, über ihre Erfolge unter den Bedingungen einer zwiespältigen Konkurrenz sowie über die noch meist schlafende Souveränität der "Königin Kundin" sprach "PROVOkant" mit Geschäftsführer Dieter Overath, Köln.
PROVOkant: Herr Overath, TransFair ist keine Handelsfirma, Sie kaufen und verkaufen keine Produkte. Aber Sie sind auch weder eine nationale noch eine internationale Behörde, die Rahmenbedingungen festlegen könnte. Wie beeinflussen Sie dann den Charakter des Warenaustausches?
Dieter Overath: Wir bedienen uns eines Instrumentariums, mit dem der Handel schon sehr lange lebt: das Markenzeichen, das Qualitätssiegel, auf Neudeutsch: das Label. Mit dem Siegel, das wir im Handel etabliert haben - TransFair/ Fairtrade - bezeugen wir eine Qualität, für die sich immer mehr Menschen interessieren, nämlich Gerechtigkeit im wirtschaftlichen Austausch. Dahinter steht eine beachtliche Reihe sozialer Kriterien, an denen faire Beziehungen gemessen werden: Handelsbeziehungen vor allem zu Produzenten aus Ländern der "Dritten Welt".
Sind Sie die einzigen, die so etwas betreiben?
In Deutschland schon, in der Welt nicht. Da gibt es inzwischen 20 Organisationen weltweit. Wir arbeiten alle zusammen unter dem internationalen Dachverband Fairtrade Labelling Organizations International - kurz FLO. (…)
Welche Bedingungen muss ein Han-delsunternehmen erfüllen, wenn es seine Waren mit dem TransFair-Label auszeichnen möchte?
Es muss vor allem gewährleisten, dass den Produzenten in den Entwicklungsländern ein fairer Preis gezahlt wird. Natürlich kann man darüber diskutieren, was das wohl ist. Denn der Markt ist sehr flexibel. Wir setzen über die Lizenzbedingungen einen klaren Mindestpreis und einen Sozialaufschlag durch. Das ermöglicht den meist sozial sehr schwachen Produzenten, nicht nur von ihrer Hände Arbeit zu leben, sondern im Maß des von ihnen geschaffenen Mehrwerts auch ihre Infrastruktur aufzubauen, sich Know-how anzuschaffen und elementare soziale Projekte zu verwirklichen.
Letztlich ist aber ein solcher Aufschlag nur das, was den Produzenten für ihre Arbeit zusteht. Wenn wir Kaffee oder Bananen zum Schnäppchen-Preis er-werben, bestehlen wir doch diese Menschen.
So ist es. Das tun jedoch bislang nicht nur Konsumenten: Zuweilen bedient sich auch noch eine ganze Kette von Zwischenhändlern. Deshalb nehmen wir in unsere Kriterien, wo immer es technisch geht, die direkte Vermarktung ohne Zwischenhändler auf.
Zu den Bedingungen gehören auch Sozialstandards in den Produktionsstätten, aber auch die Einhaltung von Umweltauflagen. Die Lizenzvergabe für den Handel mit Fairtrade-Rosen zum Beispiel wird auch daran geknüpft, dass die Beschäftigten dort gesunde Arbeitsbedingungen haben und nicht dem Einsatz von Pestiziden ausgesetzt sind.
Heißt das, Sie verlangen auch eine Bio-Qualität der Produkte?
Nein. Die meisten der TransFair-Produkte, nämlich 70 Prozent, haben zwar zugleich das Bio-Label, aber für die Vergabe dieses Siegels sind andere Zertifizierer zuständig. Wir arbeiten mit ihnen sehr gut zusammen, vor allem auch bei der Kontrolle. Und Kontrolle ist ja das A und O einer Zertifizierung.
Mussten Sie in bestimmten Fällen das TransFair-Siegel schon aberkennen?
Ja, wenn auch zum Glück noch nicht oft. Besonders achten wir darauf, dass die Fairtrade-Gelder, also die von mir genannten Aufschläge vernünftig investiert werden. Dabei haben die Produzentengruppen durchaus eine freie Wahl. Sie können selbst entscheiden, ob sie sich einen Transporter kaufen möchten, eine Apotheke, eine Ge-sundheitsstation oder eine Schule bauen wollen. Ein neuer Jeep für den Geschäfts-führer sollte es allerdings nicht sein.
(…)
Zeitigt Fairtrade bereits Nutzen für die Produzenten? Schlägt mithin Ihre "The-rapie" tatsächlich an?
Eindeutig ja. Viele der Produzenten haben die Voraussetzungen dafür schaffen kön-nen, die Abhängigkeit von den Zwischen-händlern zu beenden und ihre Produkte selber zu vermarkten. Dazu benötigten sie nicht nur materielle Voraussetzungen wie Transportkapazitäten, sondern auch das nötige Know-how. Für echte Preisverhand-lungen braucht es Marktinformationen. Und wenn man nach Anschaffung eines Computers nun online zur Börse in New York ist und weiß, wie sich die Preise z. B. für Kaffee und Südfrüchte, aber auch für Baumwolle und andere Erzeugnisse bewe-gen, dann kann man doch ganz anders auf-treten. (…)
Sie beabsichtigen, die Produktpalette über traditionelle Fairtrade-Erzeugnisse hinaus zu erweitern? In welcher Richtung?
Wir haben bereits jetzt, z. B. mit unseren Fußbällen, nicht nur Nahrungs- und Genussmittel im Visier. Ab jetzt gibt es auch Produkte aus Baumwolle – Textilien wie Jeans und auch bestimmte Kosmetikartikel. Für die nächsten Jahre könnten wir uns Fairtrade-Spielzeug ebenfalls gut vorstellen.
Theoretisch könnte doch das Prinzip des fairen Austausches weltweit alle Waren und Dienstleistungen erfassen?
Ja, wenn die Kunden dies wirklich wollten und sich ihrer Macht bewusst würden.
Das wäre dann eine Art alternative Globalisierung gerechter Austauschbeziehungen. Wie weit sind wir davon noch entfernt?
Obwohl wir und unsere Mitstreiter in vielen Ländern gute Fortschritte gemacht haben, ist Fairtrade immer noch nur eine Fußnote zum Welthandel. (…) Aber auf dem Markt wird nicht um Prozente, sondern um Promille gerungen! Und die Tendenz ist wirklich ermutigend, vor allem seit 2004. Unsere Wachstumsrate lag vor drei Jahren bei 25, vor zwei Jahren bei 40 und im letzten Jahr bei 100 Prozent. Bis 2009 wollen wir unseren Marktanteil hinsichtlich Afrika nochmals verdoppeln. Auch eine andere Zahl stimmt zuversichtlich: Allein in den letzten Jahren haben 6 Millionen Menschen in Deutschland begonnen, Fairtrade-Produkte zu kaufen. Damit erreichen wir hier jetzt immerhin 16 Millionen.
Wächst damit nicht auch der Druck auf die Handelsketten, fair gehandelte Produkte anzubieten?
Ja, das ist wirklich der Fall. Man höre und staune: Sogar der „Kaffee-König“ Nestlé und der Discounter Lidl sind inzwischen „mit von der Partie“. Der gleiche Wettbewerbs-Mechanismus, der dazu geführt hat, den Kunden immer billigere Waren anzubieten, kann also bewirken, dass Handels-ketten die zunehmende Zahl von Fairtrade-Kunden nicht den Konkurrenten überlassen möchten.
Das funktioniert aber nur, wenn das Käuferverhalten bewusst und in stei-gendem Maße von ethischen Prinzipien bestimmt wird.
Ja. Doch dabei muss man durchaus nicht nur auf Gerechtigkeits- oder gar altruistische Motive bauen, so wichtig die auch sind. Wir brauchen auch die Einsicht in folgende Zusammenhänge: Die Bauern, beispielsweise in Bolivien, sind keine Dealer, aber wenn sie ihren Kaffee nicht zu fairen Preisen bezahlt bekommen, warum sollten sie dann nicht lieber Coca anbauen? Und: Wenn die Käufer bei uns für Bananen oder Blumen nur ein Minimum ausgeben wollen und die Zwischenhändler davon noch einen großen Happen einstreichen. Warum sollte man dann z. B. in Afrika den Einsatz von Pestiziden reduzieren, von Giften, die auch bei uns in der Blumenvase und letztlich in unserem Körper landen? Und schließlich: Wenn unfaire Preise in unseren Ländern immer mehr die Löhne in der „Dritten Welt“ drücken, warum sollten dann unsere Unternehmer nicht auf die Idee kommen, Arbeitsplätze nach da zu verlagern?
Die Bemühungen um einen konsequenten Abschied vom Diebstahl kommen mithin nicht aus ohne den politischen Willen zur Umkehr?
Eben. Und gerade deshalb sind wir natürliche Verbündete all der vielen Organisationen, die sich für die Schaffung einer gerechteren Welt einsetzen.