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09.10.2007

Wie eine Solidargemeinschaft funktioniert, zu der sich Bürger der Stadt Martin Luthers vereint haben
Die ungelösten Fragen unseres Gesundheitswesens und die unserer Gesellschaft sind nicht voneinander zu trennen. Und wie sehr medizinische Versorgung, die Möglichkeiten einer nicht krank machenden Lebens- und Arbeitsweise und die Machart gesellschaftlicher Solidarität einander durchdringen, zeigt sich nirgends deutlicher als in der Politik der Gesetzlichen Krankenkassen - in deren Selbstverständnis, das sie haben oder zu haben haben. Auch und gerade deshalb führten wir das allererste Interview unserer Zeitschrift mit dem Vordenker einer Krankenkasse, die schon lange darum kämpft, neue Wege gehen zu dürfen. Vernünftige Wege, die sich an den offenbar wichtigsten Grundwerten unserer Demokratie orientieren - an der Würde des Menschen und seiner Möglichkeit, sich frei zu entscheiden. Thomas Martens plädierte in diesem Gespräch für die Therapiehoheit der Patienten, an der sich jedwede Organisation von Krankenversicherung zu orientieren hätte. Ja, hätte! Denn selbst Optimisten mussten sich angesichts unserer gesellschaftlichen Verhältnisse sagen, dass die Vorstellungen dieses Mannes wahrscheinlich nur ein Wunschtraum sind. Indes können Ideen und Tatkraft unkonventionell denkender Menschen unseren angeblich nüchternen Realitätssinn beschämen. In der Stadt, in der einst der Reformator Martin Luther mit seinen Thesen etwas zutiefst erschütterte, was bisher als unabänderlich galt, hat eine kleine Schar aktiver Menschen zu legaler Selbsthilfe gegriffen. Sie schlossen sich zu einem Verein zusammen, zu der eine besondere Art von Krankenkasse gehört: "Der Gesundheitsfonds". (…) Um diesen Ansatz etwas näher kennen zu lernen und dem Urteil unserer Leser zu unterbreiten, sprachen wir darüber mit Peter Fitzek, dem Gründer und Vorsitzenden des Vereins "Ganzheitliche Wege e. V", Lutherstadt Wittenberg.
PROVOkant: In Ihrem Verein, Herr Fitzek, gibt es einen Gesundheitsfonds. Haben sie da etwas von Ministerin Schmidts Plänen vorweggenommen?
Peter Fitzek: Nein. Im Gegenteil, müsste man eigentlich hinzufügen. Denn unseren Gesundheitsfonds haben wir ja deshalb gegründet, weil wir damit die Bürokratie des jetzigen Systems und die damit einhergehenden Mängel überwinden wollen. Er stellt in jeder Hinsicht einen Neuanfang dar, und er ist eine voll funktionstüchtige Alternative, sowohl zu den Gesetzlichen wie zu den privaten Krankenkassen.
Wie muss denn ein solcher "dritter Weg" beschaffen sein?
Wir sind ein Verein, der es seinen Mitgliedern ermöglicht, sich selbstverantwortlich und aktiv gesund zu erhalten bzw. Krankheiten zu überwinden. Und dies in der Geborgenheit völlig transparenter Solidarität und gerechter Lastenverteilung.
Das klingt gut. Aber kommt man denn dabei umhin, Gesunderhaltung und Genesung mit klingender Münze zu bezahlen? Entweder solidarisch, d. h. mit immer höheren Beiträgen für jeden, oder - so weit es der Geldbeutel eben hergibt - mit wachsenden Zuzahlungen?
Wenn man beim bisherigen Versicherungssystem bleibt, lässt sich das ganz gewiss nicht vermeiden. Aber aus diesem System sind wir ja ausgebrochen, und zwar auf ganz legalem Wege. Unser Verein ist nicht an Gewinn interessiert und hat eine ausgesprochen schlanke Verwaltung. Das ermöglicht niedrigere Beiträge.
In welcher Höhe bewegen die sich?
Sie sind im Schnitt rund 20 Prozent niedriger als bei jeder vergleichbaren Krankenkasse. Und das bei höheren Leistungen.
In welcher Hinsicht?
Mitglieder des Gesundheitsfonds haben eine wirklich freie Wahl, auf welche Weise sie sich behandeln lassen wollen. So können sie nicht nur zu einem Schulmediziner, einem Hausarzt oder Spezialisten, gehen und, wenn sie es denn möchten, hochmoderne Verfahren in Anspruch nehmen. Die Unfallchirurgie zum Beispiel oder die Möglichkeiten von Intensivstationen. Bei uns gibt es aber auch keine Kostenüberrnahmebarrieren, wenn jemand viel lieber einen Heilpraktiker konsultieren, einen Heiler aufsuchen oder beispielsweise bei einer Lebensmittelallergie sich anhören will, was ihm ein Ernährungsberater zu sagen hat. Allerdings müssen wir schon um die Kompetenz dieser Therapeuten wissen. Mit "Schein-Heilern", die es nämlich auch gibt, ist unseren Mitgliedern nicht gedient.
(…)
Die traditionellen, vor allem die Gesetzlichen Krankenkassen dürfen hingegen viele alternative oder komplementäre Therapierichtungen gar nicht bezahlen. Angeblich, weil die nicht wirksam sind. Es ist ein schlechter Witz, dass in der Regel auch dann nicht bezahlt wird, wenn die alternative Behandlung ein voller Erfolg war und weit weniger als die Standardtherapie gekostet hat. Das muss man sich mal vorstellen! Einen solchen Widersinn gibt es bei uns nicht. Schon vom Prinzip her nicht!
Wie meinen Sie das?
Ich meine: Unser Prinzip ist Freiwilligkeit, ist Mündigkeit, und nicht Bevormundung.
Aber Mündigkeit setzt Wissen voraus!
Genau. (…) Wir vermitteln ganzheitliche Bildungsinhalte und versuchen unsere Mitglieder zu befähigen, gesund zu bleiben bzw. unter aktiver Selbstbeteiligung möglichst bald richtig gesund zu werden. Unsere Seminare z. B. zu einer wirklich gesundheitsdienlichen Ernährung, zu richtigem Denken und Handeln usw. sind sehr gut besucht. Vor allem fördern wir die Verantwortlichkeit jedes Einzelnen für eine eigene gesunde Entwicklung.
(…)
Beitragsreduzierende Eigenverantwortlichkeit ist sicher vernünftig. Aber sie dürfte das Prinzip der solidarisch abgesicherten Geborgenheit nicht aufheben.
Das tut sie bei uns auch nicht. Wir bilden einen ausreichend hohen Rücklagenfonds, der auch alle denkbaren persönlichen Katastrophen von Erkrankungen abdeckt. Die können ja immer noch bei Menschen auftreten, die noch nicht gelernt haben ganzheitlich richtig zu denken und zu handeln.
(…)
Wer kann im "Gesundheitsfonds" Mitglied werden?
Im Prinzip jeder Bürger. Allerdings sind die Möglichkeiten hierfür nicht gleich. Doch das liegt nicht an uns, sondern an den Nötigungen seitens des sanktionierten Systems der Gesundheitsversicherung hierzulande. Relativ einfach ist die Sache für Selbständige und Freischaffende. (…)Für Arbeitnehmer, Studenten, Arbeitslose und ALG-II-Empfänger bringt die Mitgliedschaft in unserem Verein bislang nur die Möglichkeit, eine Zusatzversicherung abzuschließen. (…)
Bieten Sie Ihre alternative Krankenversicherung nur den Bürgern Wittenbergs und der Region an, oder haben z. B. Einwohner Berlins die gleiche Möglichkeit?
Ja, das haben sie. Wir arbeiten deutschlandweit. Wir haben bereits auch in einigen anderen Bundesländern Mitglieder. Wir möchten in der nächsten Zeit auch expandieren, Außenstellen in anderen Städten etablieren Ich gebe aber auch gern unsere Erfahrungen an all jene weiter, die ähnliche Projekte planen. Natürlich nur, wenn sie dies auch wollen. Wir wären froh, andere davor zu bewahren, übermäßiges Lehrgeld zu bezahlen oder gar "abzustürzen".
(…) denn es braucht dringend eine Veränderung. Wir wollen helfen dies zu ermöglichen. Irgendjemand muß einfach einmal aus dem System ausbrechen, um zu zeigen, dass es auch ganz anders geht. (…)
Wer sich näher über die Tätigkeit und die Konditionen des Wittenberger Gesundheitsfonds informieren möchte, kann dies tun: im Internet unter www.der-gesundheitsfond.de und telefonisch unter 03491 /409439