Neue Ausgabe Oktober/November/Dezember 2009

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Mit Beihefter "Krebs als Chance"

Die Hälfte aller Heilkunst

09.10.2007


Über die therapeutische Funktion des Placebo-Effekts und was wir darüber wissen

"Das sind alles nur Placebo-Effekte!" Damit etikettieren nicht selten notorische Skeptiker die Erfolge alternativer Therapien. Von der unzulässigen Verabsolutie-rung einmal abgesehen, haben sie damit sicherlich ein Stückchen Wahrheit er-wischt. Zugleich aber erteilen sie denen ihrer Gesinnungskollegen ungewollt eine Ohrfeige, die noch immer meinen, diesen Effekt gebe es gar nicht. So war noch 2001 in einer Berliner Tageszeitung von der Behauptung dänischer Forscher zu lesen, die in vielen Studien gefundenen Placebo-Effekte seien das Ergebnis  fehler-hafter Versuchsanordnungen.

Nun, Studien gibt es viele, solche und solche. Unter anderem an der Uniklinik Frei-burg ist schon vor einiger Zeit ein beachtlicher Packen von Untersuchungen zum Placebo-Effekt gesichtet worden. Das Ergebnis: Die Fakten legen es sehr nahe, dass es diesen Effekt nicht nur tatsächlich gibt, sondern dass er sogar eine bemerkenswerte therapeutische Wirkung hat. Näheres darüber in dem nachfolgenden Interview mit Privatdozent Dr. Dr. Harald Walach, der zu dieser Zeit in Freiburg wirkte und jetzt an der Universität der mittelenglischen Stadt Northampton lehrt.

PROVOkant: Herr Dr. Walach, noch immer ist die Haltung zum so genann-ten Placebo-Effekt in der Therapie recht gespalten. Von den einen wird er belä-chelt oder gar in den Bereich der Schar-latanerie abgeschoben, von anderen hingegen wird er verabsolutiert. Sie be-fassen sich seit einiger Zeit wissen-schaftlich auch mit diesem Effekt. Ket-zerisch gefragt: Gibt es ihn überhaupt?

Dr. Walach: Die zahlreichen Studien, die zu diesem Problemkreis gemacht worden sind, legen diesen Schluss nahe. Ich persönlich bin  davon überzeugt, dass er tatsächlich eine therapeutische Funktion hat, mit der wir rechnen können und auch sollten. (…)

Dass die therapeutische Suggestion einer Nichtbehandlung überlegen ist, wurde wie-derholt experimentell belegt. Mit anderen Worten: Wenn der Patient weiß, dass seine Krankheit behandelt wird, ganz gleich wo-mit, dann ist das gewissermaßen „die halbe Miete“ und führt nachweislich eher zu einer Genesung als wenn er nur darauf wartet, dass die Symptome von selbst wieder ver-schwinden. Die vielleicht beste Studie dieser Art gab es bereits in den 80er Jahren mit Asthmatikern. Dabei ließ man diese Patien-ten in einer methodisch erprobten Ver-suchsanordnung ein Wasseraerosol inhalie-ren, und zwar einmal offen deklariert als eben dieses wirkungslose Wasser und ein anderes Mal vorgeblich als höchst wirkungs-volles Medikament. Das letztere Wasser wurde im Vergleich der erzielten Heilwir-kungen klarer Sieger.

(…)

Zu welchen Ergebnissen sind - in groben Umrissen - die Forschungen bisher gekommen?

Man könnte vielleicht drei Punkte nennen: Erstens: Placebo-Effekte existieren offensichtlich "auf breiter Front", und sie sind weit mehr als nur spontane Befindlichkeits-schwankungen. Zweitens: Diese Effekte hängen vermutlich mit der Erwartung zu-sammen und mit der Bedeutung, die eine bestimmte Therapie für den betreffenden Patienten hat. Und drittens: Placebos sind therapeutisch wirksam.

Wenn diese Erkenntnisse gesichert sind, sollte dann das Verhältnis der Hochschulmedizin zu dieser Flanke des Heilungsbemühens nicht etwas konstruktiver und achtsamer sein?

Leider steht dem nicht selten Voreingenommenheit entgegen. Ein therapeutischer Effekt wird entgegen jeder Logik für nichttherapeutisch erklärt. Und das einzig und allein deshalb, weil wir für ihn bislang kein Wirkmodell haben. (…)

Gibt es denn bereits eine plausible Theorie des Placeboeffekts?

Nein, eine gültige Theorie haben wir derzeit noch nicht. Dabei gibt es, offen gesagt, keinen theoretischen Ansatz, den man nicht bemüht hätte, um den Placeboeffekt zu erklären. Nur hat sich letztlich keiner als hinreichend erwiesen.

(…)

Wäre der Placebo-Effekt nicht ein Indiz dafür, dass das biblische "Dein Glaube hat Dir geholfen!" doch nicht nur Mythologie ist?

So kann man das ohne Weiteres sehen. Es geht allerdings nicht um den religiösen Glauben an eine bestimmte Gottheit oder um eine bestimmte Weltanschauung, son-dern um den Glauben im Sinne einer felsen-festen Überzeugung. Was hierbei offenbar wirkt, ist die unbeirrbare Erwartung. Es ist das Gefühl völliger Sicherheit, dass ein ganz bestimmter Prozess, z. B. eben die Heilung, spürbar vonstatten gehen wird.

Könnte man nicht verleitet sein zu sagen, hier wirke ein Irrglaube?

Nein, so sehe ich das nicht. Die grundlegen-de Bedingung für den Placebo-Effekt ist doch nicht der Glaube, man erhielte aktive Medikation, sondern die Überzeugung, dass eine Situation, die als Behandlung gilt, helfen kann bzw. helfen wird. Und dazu  kann der Patient auf vielerlei Weise gelangen. Für den einen sind es bereits äußere Rituale. Besserung tritt doch oft schon ein, wenn die ärztlichen Praxisräume betreten worden sind oder wenn der Arzt den Rezeptblock zückt und sagt: "Dagegen schreibe ich Ihnen erst einmal etwas auf!" (…)

Böse Zungen lästern, die Geschichte der Medizin - vom Zaubertrank bis zu High-tech - sei eine einzige Abfolge von Placebo-Effekten.

Der wahre Kern davon ist, dass offensicht-lich alle Therapien, nicht etwa - wie oft be-hauptet wird - nur die alternativen, einen nicht unerheblichen Anteil von Placebo-Effekten haben. Und diese Effekte sind fast immer ohne schädliche Nebenwirkungen. Nicht zuletzt bringen sie auch ökonomische Vorteile. (…)

Eine ganz andere Art von Gesundheits-reform. Könnte der belächelte Placebo-Effekt dann noch oder wieder "Karriere" machen?

Durchaus!

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