
Die neue Ausgabe ist seit 29. Oktober 2009 im Bahnhofsbuchhandel und über Internetbestellung erhältlich.

Günter Baumgart, 02.10.2007

Ein Berliner Politologe, den ich sehr schätze, fragte mich, nachdem ich ihm unsere ersten beiden Ausgaben überreicht hatte: "Für wen schreiben Sie eigentlich?" Dem ersten Blick auf die Themenleiste zufolge scheine es wohl ein ziemlich "gemischtes Publikum" zu sein.
Man muss das nicht abwertend interpretieren. Im Gegenteil. Völlig richtig: Wir wollen bewusst für eine vielfältige Leserschaft schreiben, nämlich für und eben auch von Menschen ganz unterschiedlicher Weltanschauung und politischer Ausrichtung. Sie alle sollte allerdings durchaus etwas einigen, nämlich eine humanistische Grundeinstellung und die Wahrnehmung, dass die Welt, wenn sie denn bleiben soll, nicht so bleiben kann, wie sie ist. Mag sich dieser Standpunkt nun erst als vage ungutes Gefühl oder bereits als feste Gewissheit offenbaren. Wir haben uns deshalb verpflichtet, auf unseren 48 Zeitschriftenseiten - vor allem mit den Gedanken unserer Interviewpartner - Denkanstöße für Alternativen zu geben. Wir wollen dazu anregen, neue Wege zu finden und auch zu gehen. Im Denken und im Tun, nach selbständiger Überlegung und bei souveräner Entscheidung.
Bei diesem Ansinnen kann es geschehen, dass manche Denk-Empfehlung etwas so Ungewohntes vermittelt, dass sie fürs Erste sogar schockiert.
Vielleicht wird das bei einigen von Ihnen, liebe Leser, passieren, wenn Sie unser Gespräch über den Klimawandel lesen. Da haben wir uns doch gerade darauf programmiert (oder auch programmieren lassen), dass wir unbedingt und in ganz großem Maßstab die Emission von CO2 zurückfahren müssen, und nun bringt ein seriöser großer Verlag unseres Landes ein Buch heraus, in dem Wissenschaftler behaupten, das verteufelte Kohlendioxid habe gar nicht die Qualitäten eines Treibhausgases. Das gilt es erst einmal zu verdauen. Doch, um im Bild zu bleiben, niemand von uns ist aufgefordert, diesen Brocken einfach zu schlucken. Vielmehr sollten wir uns mit den Argumenten befassen, sie abwägen, hinterfragen, "abklopfen"; und sie mittels unserer Vernunft beurteilen, auch wenn wir nur Laien und keine Experten sind. Doch, um uns selbst nicht kleiner zu machen, als wir sind: Auch die Politiker, die uns sagen, was wir zu tun haben, verfügen nicht unbedingt über die Qualifikation von Klimaexperten, selbst wenn sie sich das derzeit tatsächlich schmelzende Grönland-Eis aus der Nähe anschauen.
Freilich sollten wir unsere Ansichten auch nicht so einfach wechseln wie unsere Hemden. Auch dem Widerspruch zum Widerspruch gilt es zuzuhören. Es kommt bei all dem darauf an, meine ich, dass wir uns die Fähigkeit zum gesellschaftlichen Erkenntnisgewinn ermöglichen und erhalten. Dies, damit die Wahrheit über die Dinge, die keiner von uns je gepachtet haben kann, unter allen Umständen durchzuscheinen eine Chance behält. Genau in diesem Sinne wollen wir provokant sein.