Neue Ausgabe Oktober/November/Dezember 2009

Die neue Ausgabe ist seit 29. Oktober 2009 im Bahnhofsbuchhandel und über Internetbestellung erhältlich.

Mit Beihefter "Krebs als Chance"

Ein Rebell, der nicht müde wurde

09.10.2007


Zum zehnjährigen Todestag des Krebsarztes Professor Julius Hackethal

Er hatte ein vielleicht völlig neues Selbstverständnis der Mediziner als "Patientenärzte aus Liebe". Er focht für eine konsequente Therapiehoheit der Kranken, für eine wirklich freie Arztwahl und die gleichberechtigte Einbeziehung der so genannten Alternativmediziner und auch der Heilpraktiker in die Leistungen der Kassen. Und: Er wollte unvoreingenommen über die "Legalisierung einer aktiven Erlösungshilfe" reden. Die Lebensziele des gelernten Orthopäden, erfahrenen Chirurgen und Krebsarztes Julius Hackethal haben zu seinen Lebzeiten die scheinbar wohlgeordnete Landschaft der etablierten Heilkunst immer wieder in Ärger versetzt und die mehr oder minder darüber informierte Gesellschaft bewegt. Nicht wenige Mediziner reagierten damals abweisend, ja schroff, mitunter verächtlich und feindlich auf die Argumente des wahlbayrischen Professors. Kein Wunder. Der Mann besaß wenig Gefühl für eine beschwichtigende Taktik. Er hat schwer gegen seine Kollegen gefrevelt: nannte sie Pfauen auf dem akademischen Hühnerhof, war ohne Respekt vor den medizinischen Wissenspäpsten. Manch Kranker aber fand bei ihm nach schlimmer Behandlungs-Odyssee Hoffnung und auch Hilfe.
Vor zehn Jahren, im Oktober 1997, verstarb Julius Hackethal, mit einer Krankheit, die er bei anderen ein halbes Arzt-Leben lang versucht hatte, in die Schranken zu weisen. Der Tod entzog ihn den Anwürfen seiner Gegner. Zwei Jahre vor seinem Ableben gewährte er mir für die "Berliner Zeitung" ein Interview, das wir mit freundlicher Genehmigung und leicht gekürzt hier nachdrucken. Denn wir meinen, den Menschen Hackethal am besten zu würdigen, wenn wir ihn selbst zu Wort kommen lassen. Günter Baumgart

Herr Professor, Sie nennen sich einen Möchtegern-Reformator. Ist das Selbstironie?

Julius Hackethal: Ja, ganz sicher. Weil ein gerüttelt Maß davon uns recht gut tut. Ist doch eine der schlimmsten Eigenschaften von uns Ärzten bekanntermaßen die Arroganz. Und: Reformator klingt einfach zu gewaltig. Es täuscht schon den Erfolg vor. Indes, die Relativierung hindert mich nicht, mich selbst ernst zu nehmen. Ich möchte tatsächlich reformieren.

Kann man Ihre Reform-Forderungen auf einen Punkt bringen?

Ich glaube schon. Mein Hauptanliegen ist ein völlig neues, humanes Selbstverständnis der Ärzteschaft. Ich gehe dabei von der bitteren persönlichen Erkenntnis aus, dass wir Mediziner über Jahrhunderte hinweg denen, die sich uns hilfesuchend anvertrauten, aus den unterschiedlichsten egoistischen Motiven heraus viel zu oft mehr schadeten als nützten. Der Arztberuf wurde von der Mehrzahl derer, die ihn ausübten, stets mehr als Geschäft, denn als Sache der Nächstenliebe betrachtet.

(...)

Die Verhältnisse sind auf den Kopf gestellt. Wir, die wir eigentlich zu Dienern bestimmt sind, haben uns mit dem Meineid des Hippokrates zu Herren gemacht. Zu Herren über Leben und Gesundheit derer, denen wir nur unsere helfende Hand reichen sollten.

Wollen Sie eine Metamorphose von "Halbgöttern in Weiß" zu barmherzigen Samaritern?

Sicher trifft das den Kern, ich hab's nur anders formuliert und möchte dabei bleiben, wenn es auch von manchem scheinbar modernen Medienmenschen belächelt wird: Ich fordere den "Patientenarzt aus Liebe" im Sinne von Paracelsus. Der Arzt muss seinen Patienten stets behandeln wie seinen besten Freund. (...)

In Ihrem Buch "Der Meineid des Hippokrates" attackieren Sie auch das Krankenversicherungssystem. (...) Wie stellen Sie sich ein solches System vor?

Ich plädiere für eine Gesundheits-Pflichtversicherung für alle, in der jeder dem Arzt als Privatpatient gegenübersteht: Alle Versicherungsbeiträge gehen auf ein Sparkonto, das für den Patienten von seiner Krankenversicherung treuhänderisch verwahrt wird. Von diesem Sparkonto werden in Zukunft 25 Prozent der Arzt- und Klinik-Kosten abgebucht. Über den Rest kann der Patient eines schönen Tages ratenweise verfügen.

(...)

Finden Sie auch in der Ärzteschaft Unterstützung, oder sind Sie dort nicht ein "rotes Tuch"?

Ich kämpfe in erster Linie gegen die Ärzteführer, und die haben allen Grund, mir böse zu sein. Aber auch da gibt es Ausnahmen. Vollen Respekt zolle ich beispielsweise Ellis Huber, dem Berliner Ärztekammerpräsidenten. Ich bin nach wie vor davon überzeugt, dass ich bei offener und fairer Diskussion die Mehrzahl der Ärzte, vor allem der jungen, auf meine Seite bekäme. Aber man gibt mir wohlweislich kaum Gelegenheit dazu. Ich war zu Tränen gerührt, als mich auf einem Krebskongress Ende 1993 jene geradezu feierten, an deren Lack ich doch die ganze Zeit kratze.

Sie kratzen bereits über drei Jahrzehnte an diesem Lack.

Geändert hat sich wenig. Lässt da nicht der Elan nach? Nein, müde bin ich nicht geworden, wenn Sie das meinen. Ein bisschen diplomatischer schon. Ich habe gelernt, dass ich bestimmte Ziele nicht so durchsetzen kann, wie ich das gern wollte. Man verprellt nicht, die man gewinnen will. Darum bin ich wirklich bereit, mich in meiner Anklage, zumindest in der Form, zu mäßigen. Doch was ich noch immer täglich an Patientenschicksalen erfahren muss, macht mir das schwer.

(...)

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