Neue Ausgabe Oktober/November/Dezember 2009

Die neue Ausgabe ist seit 29. Oktober 2009 im Bahnhofsbuchhandel und über Internetbestellung erhältlich.

Mit Beihefter "Krebs als Chance"

Im Bauch des großen Geldes

Markus Muehler, 09.10.2007


Eine wunderbare Idee wurde vereinnahmt / Gedanken zum
Projekt des Friedensnobelpreisträgers Muhammad Yunus

(…) Muhammad Yunus wollte den Frauen seines Landes helfen, sich selbst aus der Armut zu befreien. Ein verständliches Ziel. Aber lässt sich dies im Rahmen eines Systems erreichen, das für diese Armut letztlich hauptverantwortlich ist? Kann man dabei wirklich erfolgreich sein, wenn man sich eines Instrumentes eben dieses Systems - nämlich des Kredits - bedient, ohne seine Mechanismen zu verändern?

(…)

Im Dienste von Verwertungsinteressen

Das Problem ist, dass diese Frauen, die mit den ihnen gewährten Krediten eine "einkommenschaffende Tätigkeit" finanzieren, im ökonomischen Getriebe in der Regel nur eine völlig abhängige Rolle spielen. Sie werden automatisch in die bestehenden Märkte eingebunden und können dort im "freien Spiel der Kräfte" kaum oder nur bei maximaler Selbstausbeutung bestehen. Letztlich dienen sie den Verwertungsinteressen der großen Unternehmen. Und so verschwinden sie, um ein anschauliches Bild zu gebrauchen, im Bauch des großen Geldes.
Wie muss man sich das konkret vorstellen?

Ein typisches Beispiel, so ist zu lesen, sind die Frauen einer Selbsthilfe-gruppe im südindischen Tamil Nadu. Sie organisierten einen "Mini-Supermarkt" am Rande ihrer Kleinstadt. Eine tolle Idee! Doch was verkaufen diese Frauen? Es sind die so genannten modernen Produkte, schön sauber verpackt und in Folien verschweißt: Zahnpasta der Firma Henkel, gesundheitsbedenkliche Cremes, Getränke von Coca Cola. und Ähnliches. Dabei merken sie vielleicht noch nicht einmal, dass ihnen der Cola-Konzern für das Mineralwasser, das sie verkaufen, das Grundwasser ihrer Umgebung abpumpt.

(…)

Die Falle schnappt oft erneut zu

Vielleicht, so lässt sich darauf entgegnen, bedarf es einiger Zeit, bis diese Frauen all die wirtschaftlichen Fallstricke erkennen und kappen. Immerhin haben sie sich durch die Kleinkredite erst einmal dem Wu-cher der lokalen Geldverleiher entziehen können! Ja. Zunächst. Das stimmt. Doch unter der Oberfläche stellen sich wieder die alten Abhängigkeiten her. Denn die Kredite sind samt der mit 20 Prozent (mit-unter sollen es auch 25 sein) nicht gerade niedrigen Zinsen zurückzuzahlen. Und diese Notwendigkeit bringt nicht wenige der zuverlässigen Frauen dazu, wieder bei ihrem örtlichen Geldverleiher "anzuklopfen" und dann dessen Wucherzinsen akzeptieren zu müssen. (…)

Wie sieht es "unterm Strich" nun mit der materiellen Lage aus? Es gibt nicht wenige Forschungen dazu. Sie weisen eine ungefähr dreigeteilte Wirkung der Mikrokredite aus: Ein Drittel der Kreditnehmerinnen nämlich "schafft es" und verbessert damit seine Lage wirklich, wenn auch unter erheblichen Anstrengungen. Ein weiteres Drittel kann zwar die persönliche Notsituation etwas mildern, pendelt aber gewissermaßen ständig um die Armutsgrenze. Der Rest bleibt arm und verschuldet sich gar noch mehr! (…)

Ein Verschieben von Verantwortung

(…) Es wird mitunter beschrieben, dass sich Frauen durch wirtschaftliche Verbesserungen endlich in die Lage versetzt fühlen, wichtige Fragen in der Familie und im Dorf zu lösen: Selbst mit den noch geringen erwirtschafteten Mitteln schicken sie sich an, ihren Kindern Schulbildung oder medizinische Behandlung zu bezahlen, im Dorf Bäume zu pflanzen usw. Sie werden auf diese Weise zu billigen Entwicklungsakteure in ihren Dörfern, unter oft großem Kraftaufwand. Der Staat in-des zieht sich aus seiner Verantwortung für die soziale Grundversorgung der Bürger und für eine progressive Entwicklung der Gesell-schaft.

(…)

Früher stellten die aktiven Frauen in ihren Selbsthilfegruppen die wichtigen Überlebens- und Geschlechterfragen: Wer besitzt das Land? Wer verfügt über das Wasser und über das Saatgut? Wem gehört der Körper der Frauen, wem gehört ihre Arbeitskraft? Und die vielleicht wichtigste Frage: Wer hat die Macht im Dorf? Heute aber dreht sich alles ums Geld.

(…)

Eine Heimat auch für die Armen?

In der Kritik der Yunus’schen Idee und ihrer Umsetzung kann es und sollte es nicht darum gehen, positive Effekte zu bestreiten. Denn die gibt es tatsächlich. Aber es gilt bei näherer Betrachtung, wie Christa Wichterich in der "taz" schreibt, "den Mythos zu knacken, dass ein Mikroinstrument in die Lage versetzen kann, die Armut nachhaltig zu beseitigen. … Die makroökonomischen Mechanismen, die Armut erzeugen, lassen sie (die Mikrokredite - M. M.) unberührt." Aus dem humanen Anliegen des Ökonomieprofessors Muhammad Yunus, das gemessen an den Meriten manch eines anderen Friedensnobelpreisträgers, zweifelsohne auszeichnungswürdig ist, kann man mithin keines-falls wie das "Wallstreet Journal" schlussfolgern, "dass der Kapitalismus ebenso für die Armen funktionieren kann wie für die Reichen."

(…)

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