Neue Ausgabe Oktober/November/Dezember 2009

Die neue Ausgabe ist seit 29. Oktober 2009 im Bahnhofsbuchhandel und über Internetbestellung erhältlich.

Mit Beihefter "Krebs als Chance"

Im Zweifel gegen das Risiko

Die Redaktion, 10.10.2007


Gefahrenpotenziale des Mobilfunks / Warum uns "Normalverbraucher" ein Wissenschaftlerstreit interessieren sollte

Seit Jahren streiten sich die Fachleute um die Frage, ob und wie sehr Mobilfunkstrahlung und die vielen anderen Komponenten des "Elektrosmogs" unsere Gesundheit beeinträchtigen. Bis heute gibt es keine befriedigende Antwort darauf. Viele scheinen damit gut leben zu können. Andere nicht. Wir gehören zu denen, die angesichts der Unsicherheit beunruhigt bleiben. Und wir möchten diese Beunruhigung in eine ehrliche Diskussion übersetzen, zwar mit Sinn für die Realitäten und ohne Panikmache, aber mit der gebotenen Sorge und Sorgfalt.

Vom einstigen Vorsitzenden der SPD, Dr. Kurt Schumacher, stammt der Ausspruch: "Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar, und die Menschen haben ein Recht, sie zu erfahren, und das besonders dann, wenn es um ihre Gesundheit geht." Dem wird kaum jemand öffentlich widersprechen. Der Haken an der Geschichte ist nur, dass wir sehr oft nicht wissen oder auch nicht wissen können, was denn nun die Wahrheit ist. Also erkundigen wir uns bei den Experten. Doch was, wenn auch die sich uneins sind und sich partout nicht einigen können? Dann schlagen wir uns meist auf die Seite der Mehrheit. Das funktioniert in der Regel auch. Zunächst jedenfalls, aber bei weitem nicht immer. Denn: Sind Erkenntnis und Wahrheit etwas, worüber man abstimmen darf? Wir denken: Nein! Denn was für den "Mann auf der Straße" gilt, wenn er mit wechselnden Mehrheiten abstimmend mal die und mal jene an die Macht wählt,  das macht selbst um hochschulgebildete Spezialisten keinen Bogen, wenn sie Risiken bewerten und sich auf Grenzwerte einigen: Mehrheiten, so wichtig sie für ein demokratisches Regelwerk sind, taugen nur schlecht als Argumente in einem Streit um die Wahrheit und um die Richtigkeit einer Entscheidung. Dieses Problem können wir bedauern. Wir vermögen es aber offensichtlich nicht zu lösen. Die Frage ist, ob es Instrumente gibt, die uns vor allzu vielen negativen Folgen  bewahren können. Sicher gehören dazu der kulturvolle Streit und die Transparenz der Diskussion, also die Öffentlichkeit von Vernunft. Aber es gehört dazu sicherlich auch eine ehrliche Selbstverständigung darüber, mit welchen Risiken wir leben wollen. Doch das ist ein eigenes Thema. In dieser Ausgabe stellen wir zunächst einige Gedanken vor, die uns hellhörig machen wollen. Im nächsten Heft auch beruhigende Argumente. Die Leser sind eingeladen, sich am Austausch der Überlegungen zu beteiligen.

Krebs per Handy?

Kein Grund zur Panik, aber zur Sorge: Eine schwedische Studie weist auf Gesundheitsgefahren für Handy-Nutzer hin. *

(…)

Die finnische Forscherin Anna Lahkola hatte mit Kollegen aus Schweden, Dänemark, Norwegen und Großbritannien 1.522 Patienten mit einem seltenen bösartigen Tumor des Stützgewebes im Gehirn (Gliom) befragt. Wenn sie länger als zehn Jahre ein Handy benutzt hatten, war ihr Gliom-Risiko auf der Seite, wo sie das Gerät normalerweise an den Kopf hielten, um 39 Prozent erhöht, so die im "International Journal of Cancer" veröffentlichten Studienergebnisse - allerdings mit einem gewissen Unsicherheitsbereich.

Der Schwede Lennart Hardell vom Universitätshospital Örebro hatte bei Menschen, die eines der aktuellen digitalen Handys insgesamt mehr als 2.000 Stunden benutzt haben, sogar eine Zunahme des Risikos auf das 3,7-fache ermittelt. Auch bei Schnurlos-Telefonen am Hausanschluss stellten weitere Studien in  jüngster Zeit erhöhte Gefahren fest.

(…) Das BfS empfiehlt deshalb, die eigene Strahlenbelastung so gering wie möglich zu halten, die Geräte mit Bedacht zu benutzen und bei Kindern besonders zurückhaltend zu sein.

Den Mechanismus findet Eberhard Greiser, ehemals Leiter des Bremer Instituts für Präventionsforschung und Sozialmedizin, laut SZ nachvollziehbar: "Biologisch macht es Sinn, dass die Effekte erst nach zehn Jahren Gebrauch zu erkennen sind. Tumore brauchen lange, bis sie sich entwickeln." Dem stimmt Otto Petrowicz zu, der an der TU-München Forschung zum Thema Handy und Gesundheit koordiniert: "Auch beim Asbest, bei der radioaktiven Strahlung und beim Tabak hat die Forschung so lange gebraucht, um das Risiko genau zu fassen."

(…)

Die Debatte der Forscher wird also weitergehen. Auch die Frage danach, wer was aus welchem Interesse publiziert oder verschweigt. Eine Reihe von großen deutschen Medien unterdrückten die Gesundheitsgefahren durch Mobilfunk, offenbar aus Rücksicht auf große Werbekunden und zahlungskräftige Kooperationspartner aus den Reihen der Mobilfunkindustrie, berichtete Anfang des Jahres die Fachzeitschrift „Message – Internationale Zeitschrift für Journalismus“ anhand von konkreten Beispielen.

Norbert Schnorbach

* Aus "Securvital", Heft 2/2007, mit freundlicher Genehmigung des Autors und der Redaktion

Wir sind nicht einfach Zellhaufen

Mobilfunk-Studien ignorieren oft unser körperinternes Kommunikationsnetz

Es gibt nicht wenige Forscher, die, vor allem wenn sie der Industrie nahe stehen, besorgten Bürgern die beruhigende Auskunft geben, nach dem "derzeitigen Stand der Wissenschaft" gehe weder von den Sendeanlagen noch von den Handys eine Gefahr aus. Zu den allerdings weniger zahlreichen deutschen Wissenschaftlern, die zu anderen Ergebnissen gekommen sind, gehört der Medizin-Physiker Dr. Lebrecht von Klitzing. Er hat sich bis zu seiner Emeritierung viele Jahre im klinisch-experimentellen Forschungsbereich der Medizinischen Universität Lübeck mit diesem Thema befasst. In einem Interview der Zeitschrift BIO meinte er zur genannten "Entwarnung":

"Diese Behauptung stimmt einfach nicht, ich meine sogar, sie ist wissentlich falsch. Zum einen gibt es zu biologischen Wirkungen von Mobilfunk keine Langzeitstudien. Die kann es bisher gar nicht geben. Zum anderen ignoriert oder verschweigt man kurzerhand jene wissenschaftlichen Daten, die biologische Effekte von Mobilfunkwellen auch unterhalb der heutigen Grenzwerte schon bei Kurzzeitexpositionen im Minutenbereich nachweisen. Das geschieht selbst auf EU-Ebene, wo man schon vor zwei Jahren Erkenntnisse einer schwedischen Forschergruppe unter den Tisch fallen ließ, die besagen, dass selbst kurzzeitige Handy-Emissionen die Durchlässigkeit der Blut-Hirnschranke erhöhen, was ein recht problematischer Effekt ist."

Auf die Frage, worauf man den „derzeitigen Stand der Wissenschaft“ gründe, sagte er:

"Im Wesentlichen auf Studien, die von der Industrie gesponsert werden. Interessen nehmen aber von jeher Einfluss auf die Forschungskonzepte und damit auch auf die Ergebnisse. Außerdem  haben diese Untersuchungen, auf die man sich beruft, eine generelle Schwäche: Ihre Objekte sind Zellen oder Zellverbände, nicht aber vollständige Organismen. Wir Menschen sind aber nun mal keine Zellhaufen, sondern hochkomplizierte Biosysteme. Unser körperinternes Kommunikationsnetz, angefangen von den Nachrichtenverbindungen zwischen Gehirn und Organen bis hin zu den intrazellulären Vorgängen wird nicht nur durch die verhältnismäßig langsame Chemie, sondern vor allem durch superschnelle Kontakte mittels elektrischer Felder oder elektromagnetischer Wellen realisiert. Auf diese Verbindungslinien treffen nun - sehr oft sogar permanent - die unterschiedlichsten technischen Störfelder."

(…)

Offensichtlich hat sich der Alltag wenig darum geschert, dass es unterschiedliche Ansichten zu den Gefahrenpotenzialen des Mobilfunks gibt. Denn die Antennen sind längst aus dem Boden geschossen wie Pilze nach einem warmen Regen. Das Handy wurde für Millionen zum ständigen Begleiter, und dank des schnurlosen Telefons brauchen wir uns beim Fernsehen nicht mehr aus dem Sessel zu erheben. Haben wir also diesen Experten-Streit im wahrsten Sinne des Wortes bereits ausgesessen? Die Mehrheit hat sich offensichtlich arrangiert. Die Nutzung dieser fabelhaften Kommunikationsmöglichkeit ist für uns zur Selbstverständlichkeit geworden. Man kann sich mittlerweile auch kaum mehr vorstellen, wie unsere Wirtschaft und unser gesamtes Freizeitregime noch ohne diese technische Errungenschaft funktionieren sollte. Das ist der realpolitische Aspekt. Man kann ihn nicht straflos übergehen. Gleiches gilt aber auch für die Sicht der Kritiker, der Warner vor den Risiken. Wir sind, wie es seinerzeit der Sozialwissenschaftler Ullrich Beck in den Diskurs einbrachte, eine „Risikogesellschaft“. Aber gerade deshalb brauchen wir rechtzeitige Korrektive. Für eine nüchterne Betrachtung dieser Problematik seien folgende rhetorische Fragen in die Debatte geworfen:
Erstens: Wie hätte Ende des 19. Jahrhunderts, als der erste Motorwagen von Carl Benz die Produktionsstätte verließ, eine befragte Bevölkerung über die  Zukunft der Automobile entschieden, wenn sie die wunderbaren Möglichkeiten der Mobilität, aber auch die Unfallstatistiken unserer Jahre hätte erfahren können?

Zweitens: Wie gut  können wir mit einem Fortschritt leben, bei dem ein für die ganze Gesellschaft vertretbar gehaltenes Risiko für die jeweils Betroffenen des kalkulierten Prozentsatzes die totale Katastrophe bedeutet?

Und Drittens: Wie kriegen wir die Quadratur des Kreises hin, die Würde des einzelnen Opfers zu achten und dabei keine Fortschrittsasketen zu werden?
Seit jeher gilt in einer aufgeklärten Justiz die Regel: In dubio pro reo, zu Deutsch: Im Zweifel für den Angeklagten! Man könnte ebenso sagen: Im Zweifel gegen das Risiko, einen Unschuldigen zu bestrafen. Wäre es nicht angemessen, in Sachen des technischen Fortschritts sich auf die Regel zu verständigen: Im Zweifel gegen das Risiko? Also Zurückhaltung zu üben und größte Sorgfalt walten zu lassen, solange es Zweifel gibt, ob wir ein Risiko eingehen können oder - wenn es denn eines gegen ein anderes abzuwägen gilt - welches wir verantworten wollen?

Darum könnte unsere Diskussion geführt werden:

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