Neue Ausgabe Oktober/November/Dezember 2009

Die neue Ausgabe ist seit 29. Oktober 2009 im Bahnhofsbuchhandel und über Internetbestellung erhältlich.

Mit Beihefter "Krebs als Chance"

Mehr als eines von vielen Rezepten

Felix Strauch, 09.10.2007


Galina Schatalova: Wir fressen uns zu Tode
Das revolutionäre Konzept einer russischen Ärztin für ein langes Leben bei optimaler Gesundheit
Goldmann Verlag München

"Vor den Erfolg haben die Götter den Schweiß gesetzt". Diese alte Weisheit gilt sicherlich für viele Bereiche des Lebens. Ganz bestimmt aber für das Bemühen um eine gesunde Lebensweise. Zu den Anstrengungen, die uns dabei nicht erspart bleiben, gehört es auch, sich durch einen Berg von Büchern und Schriften "hindurchzulesen": Mehr oder minder detaillierte "Rezepte", die uns allesamt sagen wollen, wie wir die Sache wohl anstellen sollten. Dieser Bücher-Berg ist leider (oder Gott sei Dank) inzwischen nicht nur recht hoch. Er wächst noch immer.

Mitunter lohnt es, ein wenig darin zu wühlen, und auch solche Lebensrezepte hervorzukramen, die "abgegessen" erscheinen, bei näherem Hinschauen sich jedoch als nur viel zu wenig beachtet erweisen. Dazu zählt auch ein Büchlein der inzwischen über 90jährigen russischen Ärztin Galina Schatalova - "Wir fressen uns zu Tode".

Wollte man in nur einem Satz resümieren, was die Autorin uns sagen will, so müsste der lauten: Wir Menschen könnten bei bester Gesundheit und voller Schaffenskraft weit über 100 Jahre alt werden, wenn wir so lebten und uns so ernährten, wie es die Natur für uns vorgesehen hat.

Wer die einschlägige Literatur auch nur ein wenig kennt, weiß, dass in den so genannten Expertenkreisen zwar über diese Grundaussage weitgehend Einigkeit besteht. Völlig uneins ist man sich da jedoch bei der Frage, was dies denn nun bedeutet. Was will die Natur von uns wirklich? Inwieweit konnten wir und können wir ihr noch unsere zivilisierten Sonderwünsche "beibringen"? Darüber gibt es nicht wenig Streit und viel Besserwisserei, manche Zwietracht und abfällige Urteile. Und immer wieder sehen wir den erhobenen Zeigefinger: Wo bleibt die Wissenschaftlichkeit?!

Die Ärztin Dr. Schatalova aber ist Wissenschaftlerin. Als Chirurgin verfügt sie nicht nur über langjährige klinische Erfahrungen. Sie stützt sich auch bewusst auf wissenschaftlich Erwiesenes und arbeitet, so wie es allgemein (wenn auch nicht immer zu Recht) gefordert wird, mit dem wissenschaftlichen Experiment. Dies ist umso wichtiger, da noch immer selbst gut dokumentierten Heilerfolgen bei angeblich unheilbaren Krankheiten die Beweiskraft abgesprochen wird. Man stempelt sie einfach zu Episoden, zu Ausnahmen. Aber was lässt sich Ergebnissen von Experimenten entgegenhalten, die unter kontrollierten Versuchsanordnungen durchgeführt wurden? Wenn Gremien einer geachteten Akademie der Wissenschaften wiederholt 500-km-Wüstenmärsche sich unterschiedlich ernährender Teilnehmer skeptisch, ja argwöhnisch, aber letztlich doch fair verfolgten und die in ihrer Aussage erdrückenden Ergebnisse nicht anfechten konnten? Da bleibt der „Gegenseite“ nur ein einziger Ausweg – das Totschweigen, die Ignoranz.

Es wäre übrigens interessant zu erkunden, welche sozialpsychologischen aber auch ökonomisch-politischen Mechanismen eine solche Denk- und Handlungsweise bestimmen.

Die Fragen, die Galina Schatalova aufwirft und auch beantwortet, sind indes nicht neu: Ist der Mensch wirklich ein Allesfresser? Reichten unserem Organismus selbst die Jahrtausende, seitdem wir das Feuer beherrschen, aus, um sich an eine denaturierte Nahrung anzupassen? Oder fährt er seitdem bis heute nur mehr oder minder taugliche Notprogramme mit schlimmen Folgen? Braucht er tatsächlich Tag für Tag so viele Kilokalorien, wie man in die Tabellen geschrieben hat? Und: Heizen wir unser inneres "Öfchen" wirklich nur mit dem Brennstoff Nahrung? Oder leben wir nicht doch, wie es heißt, auch von Licht, Luft und Liebe? Und schließlich: Müssen wir, wenn wir altern, ob wir dies wollen oder nicht, in aller Regel unsere "Wehwehchen" kriegen? – Es ist geradezu erfrischend, wie überzeugend die Autorin auf all diese Fragen antwortet.
Die unverhohlene Zustimmung des Rezensenten soll indes keinesfalls verdecken, dass auch diese Position kritisch zu hinterfragen und im Lichte anderer Auffassungen zu betrachten ist. Nur sollte man Letzteres unvoreingenommen tun. Und noch etwas: Es kann sicher niemandem zur Pflicht gemacht werden, an Gesundheit, Langlebigkeit und Schaffenskraft interessiert zu sein noch gar daran, für die Erreichung solcher Ziele auf Bequemlichkeit, Leichtfertigkeit und gewohnte Genüsse zu verzichten. Doch wer sich, was jedem frei steht, für ein "Leben wie alle" entscheidet, das wahrscheinlich kürzer ausfällt und mindestens gegen Ende hin mit Krankheiten verziert ist (der Doktor wird’s schon richten!), der sollte sich auch nicht wundern, wenn eine Solidargemeinschaft überfordert ist.

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