Neue Ausgabe Oktober/November/Dezember 2009

Die neue Ausgabe ist seit 29. Oktober 2009 im Bahnhofsbuchhandel und über Internetbestellung erhältlich.

Mit Beihefter "Krebs als Chance"

Vom Kopf auf Liebe eingestellt

09.10.2007


Warum wir entgegen allem Anschein nicht auf Konkurrenz, sondern auf Kooperation programmiert sind

Ist der Mensch gut oder ist er böse? Oder beides? Über diese Fragen wird offenbar seit uralten Zeiten ge­rätselt und debattiert. Und für alle darauf möglichen Antworten hat unsere Gattung wahrlich handfeste Beweise geliefert - erhebende und geradezu schaurige. Wohl kommt es weniger darauf an, in einem akademischen Streit Boden zu gewinnen als darauf, in un­serer Selbstverbesserung ein wenig voranzukommen. Indes kann es uns dabei nur nützen, "hinter die Kulissen" unseres Verhaltens zu schauen. Mag man nun - je nach Weltanschauung - die Vorgänge in unserem Hirn als Ursache oder aber als Folge bzw. Begleiterscheinung der Aktivitäten des menschlichen Bewusstseins auffassen. Es ist in jedem Fall interessant herauszufinden, auf welches Ziel hin "unser Kopf" von Natur aus an­ge­legt ist. Genau mit dieser spannenden Frage befasst sich seit Jahren der Freiburger Hirnforscher, Psychiater und Buchautor Prof. Dr. med. Joachim Bauer. Wir sprachen mit ihm über die Aussagen seines bisher letzten, im Verlag Hoffmann und Campe erschienenen Buches "Prinzip Menschlichkeit".

PROVOkant: Herr Professor Bauer, wo­durch wurden Sie motiviert, sich dem Thema Ihres Buches zu widmen? War es vor allem Forscherdrang oder, wie es dem Leser durchscheint, auch Kummer mit unseren gesellschaftlichen Verhältnissen?

Prof. Joachim Bauer: Ziel meiner Arbeit war und ist es, die Verbindungen zwischen Lebensweise und Gesundheit zu verstehen. Und dies auf der Basis naturwissenschaftlich belegter Fakten. (…) Die moderne Neu­ro­bio­lo­gie kann darauf heute eine Reihe wichtiger Antworten geben. Lei­der werden sie vom Mainstream der Me­di­zin und der Psychiatrie bisher nur un­zu­rei­chend wahrgenommen. Dies war für mich Grund, zu dieser Thematik Bücher zu schreiben.

(...)

Von besonderem Interesse erscheint dem Leser Ihre neurobiologische Sicht auf den Kern aller menschlichen Motivation. Könn­te man ihn, verkürzt gesagt, einen Durst nach Zuwendung, Anerkennung, ja, Liebe nennen?

Als Kern der Motivation bezeichne ich das neurobiologisch verankerte Bedürfnis des Men­schen, von Anderen gesehen und be­ach­tet zu werden. (...) Was dem Gehirn missfällt und wo­rauf es mit Motivationsverlust und Ag­gres­sion antwortet, sind Demütigung und soziale Ausgrenzung.

Geht man davon aus, dass unser Hirn auf Kooperation angelegt ist, dann handelt es aber offensichtlich ziemlich oft gegen sich selbst. In der Realität siegt meist das Prinzip der Kon­kurrenz, nicht selten sogar das der Skru­pellosigkeit.

Skrupellosigkeit hat nirgendwo auf der Welt zu nachhaltigem Erfolg geführt. Sie zerstört die natürlichen und humanen Ressourcen. Iro­nischerweise beobachten wir doch derzeit auf der ganzen Welt: Das Prinzip des Dar­wi­nis­mus, verstanden als das Recht des Stär­ke­ren, seine Interessen rücksichtslos durch­zu­setzen (was angeblich dem Überleben dient), vernichtet unsere glo­balen Lebens­grund­la­gen. (...)

Wie kam es dazu, dass in der Mensch­heits­geschichte schon sehr früh die Mo­ti­va­ti­o­nen Macht und Reichtum dominierten? Ha­ben sie einen größeren Überlebens­vor­teil geboten?

Wenn die Biologie von Anfang an auf gegenseitigen Kampf angelegt gewesen wäre, hätte das Leben auf der Erde gar nicht beginnen können. Was eine Gruppe von anorganischen (nicht lebenden) Molekülen vor etwa vier Milliarden Jahren irgendwo in der Tiefe des Urmeeres dazu brachte, ein erstes lebendes System zu bilden, war nicht Kampf, sondern Kooperation. Das gilt auch für spätere Schritte der Evolution. (...)

Kampf und Machthunger sind Realitäten, die ich an keiner Stelle ge­sund­gebetet habe. Im Gegenteil. Aber sie sind nicht das Urprinzip der Natur!

Wieso konnte sich dann aber z. B. das Motiv egoistischen Gewinnstrebens so sehr durchsetzen, dass man es sogar verdrängt hat, wie sehr damit die Aneignung frem­der Arbeit ver­bun­den ist? Wir denken doch letztlich nur dann an Diebstahl, wenn diese Art des Nehmens sittenwidrig über­­trieben wird!

Gewinn zu machen ist nicht notwendiger­wei­se Aneig­nung fremder Arbeit. Gewinn, also Mehrwert, ist zunächst einmal das Resultat von Kooperation. Das erfordert eigentlich zwin­gend eine faire, nämlich kooperativen Beziehungen entsprechende Verteilung die­ses Mehr­werts. Wird allerdings das Prinzip der fairen Verteilung ver­letzt, noch dazu in einem allzu großen Ausmaß, dann kommt es - wie das auch neurobiologische Studien be­legen - zu Ver­weigerung, Widerstand, Hass und Aggres­sion. Auf Dauer schadet das sogar der Erwirtschaftung von Gewinn. Sit­ten­­wid­rige zwi­schenmenschliche Umgangs­for­men sind daher, wie die Geschichte zeigt, auf Dau­er alles andere als ein Erfolgsmodell.

(...)

Welchen Einfluss hat derzeit noch die darwinistische, d. h. die auf den Kampf ums Dasein orientierte Soziobiologie?

Die soziobiologischen Ideologien sind in den Wissenschaften der westlichen Länder die der­zeit vorherrschende Denkweise. Richard Dawkins, der Autor des Weltbestsellers "Das egoistische Gen", hat nie selbst an Genen geforscht. Dies erklärt auch den Unsinn, den er über Gene in die Welt gesetzt hat. Seine Behauptungen werden indes nicht nur kritik­los geglaubt, sondern stehen mittlerweile so­gar in Schulbüchern. Wer, wie ich, selbst an Genen geforscht hat, weiß: Gene sind Kom­mu­nikatoren und Kooperatoren.

Sie sprechen an nicht wenigen Stellen Ihres Buches davon, dass Psychologie zu Biologie wird. Muss man Sie nun da­hin­ge­hend interpretieren, dass Psycho­logie auf Biologie und damit letztlich auf Chemie und Physik reduziert werden kann?

Nein. "Die Biologie ist keine zweite Physik". Dieser Satz stammt von dem kürzlich ver­stor­benen Ernst Mayr, einem der be­deu­tend­sten Evolutionsbiologen unserer Zeit. Bio­logische Systeme folgen zwar physika­li­schen und biochemischen Gesetzen, ihr Ver­halten aber ist mehr als die Wirkung einer Ursache. (...) Bei allen höheren Organismen, den Menschen einge­schlossen, wirken auf den Körper nicht nur stoffliche, sondern eben auch andere Reize als Signal. Zeichen, die wir von anderen Men­schen empfangen und mit unseren fünf Sinnen aufnehmen, lösen in unserem Gehirn biologische Reaktionen aus, die bis hin zur Regulation von Genen reichen. Dies meine ich, wenn ich sage: Das Gehirn macht aus Psychologie Biologie.

Birgt die biologische Sicht auf die Psyche nicht zwangsläufig auch die Gefahr in sich, das menschliche Problem (gut oder böse?) medikamentös oder auch gentech­nisch zu lösen?

Damit wir uns richtig verstehen: Ich bin kein Anhänger einer "biologischen Sicht auf die Psyche", sondern eher einer "psychischen Sicht auf die Biologie". Aber zu Ihrer Frage: Die Gefahr, von der Sie sprechen, ist durch­aus gegeben. Dies zeigt z. B. die Ent­wick­lung der Psychiatrie. Anstatt die psycho­so­zialen Hintergründe psychischer Störungen und ihrer neurobiologischen Korrelate zu er­gründen, haben wir hier eine starke Tendenz, psychisches Sein durch rein biologische In­ter­ventionen, zu manipulieren. Pharmaka kön­nen sehr hilfreich sein, sie dürfen in der Psychiatrie aber nur eine ergänzende Rolle spielen.

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