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09.10.2007

Warum wir entgegen allem Anschein nicht auf Konkurrenz, sondern auf Kooperation programmiert sind
Ist der Mensch gut oder ist er böse? Oder beides? Über diese Fragen wird offenbar seit uralten Zeiten gerätselt und debattiert. Und für alle darauf möglichen Antworten hat unsere Gattung wahrlich handfeste Beweise geliefert - erhebende und geradezu schaurige. Wohl kommt es weniger darauf an, in einem akademischen Streit Boden zu gewinnen als darauf, in unserer Selbstverbesserung ein wenig voranzukommen. Indes kann es uns dabei nur nützen, "hinter die Kulissen" unseres Verhaltens zu schauen. Mag man nun - je nach Weltanschauung - die Vorgänge in unserem Hirn als Ursache oder aber als Folge bzw. Begleiterscheinung der Aktivitäten des menschlichen Bewusstseins auffassen. Es ist in jedem Fall interessant herauszufinden, auf welches Ziel hin "unser Kopf" von Natur aus angelegt ist. Genau mit dieser spannenden Frage befasst sich seit Jahren der Freiburger Hirnforscher, Psychiater und Buchautor Prof. Dr. med. Joachim Bauer. Wir sprachen mit ihm über die Aussagen seines bisher letzten, im Verlag Hoffmann und Campe erschienenen Buches "Prinzip Menschlichkeit".
PROVOkant: Herr Professor Bauer, wodurch wurden Sie motiviert, sich dem Thema Ihres Buches zu widmen? War es vor allem Forscherdrang oder, wie es dem Leser durchscheint, auch Kummer mit unseren gesellschaftlichen Verhältnissen?
Prof. Joachim Bauer: Ziel meiner Arbeit war und ist es, die Verbindungen zwischen Lebensweise und Gesundheit zu verstehen. Und dies auf der Basis naturwissenschaftlich belegter Fakten. (…) Die moderne Neurobiologie kann darauf heute eine Reihe wichtiger Antworten geben. Leider werden sie vom Mainstream der Medizin und der Psychiatrie bisher nur unzureichend wahrgenommen. Dies war für mich Grund, zu dieser Thematik Bücher zu schreiben.
(...)
Von besonderem Interesse erscheint dem Leser Ihre neurobiologische Sicht auf den Kern aller menschlichen Motivation. Könnte man ihn, verkürzt gesagt, einen Durst nach Zuwendung, Anerkennung, ja, Liebe nennen?
Als Kern der Motivation bezeichne ich das neurobiologisch verankerte Bedürfnis des Menschen, von Anderen gesehen und beachtet zu werden. (...) Was dem Gehirn missfällt und worauf es mit Motivationsverlust und Aggression antwortet, sind Demütigung und soziale Ausgrenzung.
Geht man davon aus, dass unser Hirn auf Kooperation angelegt ist, dann handelt es aber offensichtlich ziemlich oft gegen sich selbst. In der Realität siegt meist das Prinzip der Konkurrenz, nicht selten sogar das der Skrupellosigkeit.
Skrupellosigkeit hat nirgendwo auf der Welt zu nachhaltigem Erfolg geführt. Sie zerstört die natürlichen und humanen Ressourcen. Ironischerweise beobachten wir doch derzeit auf der ganzen Welt: Das Prinzip des Darwinismus, verstanden als das Recht des Stärkeren, seine Interessen rücksichtslos durchzusetzen (was angeblich dem Überleben dient), vernichtet unsere globalen Lebensgrundlagen. (...)
Wie kam es dazu, dass in der Menschheitsgeschichte schon sehr früh die Motivationen Macht und Reichtum dominierten? Haben sie einen größeren Überlebensvorteil geboten?
Wenn die Biologie von Anfang an auf gegenseitigen Kampf angelegt gewesen wäre, hätte das Leben auf der Erde gar nicht beginnen können. Was eine Gruppe von anorganischen (nicht lebenden) Molekülen vor etwa vier Milliarden Jahren irgendwo in der Tiefe des Urmeeres dazu brachte, ein erstes lebendes System zu bilden, war nicht Kampf, sondern Kooperation. Das gilt auch für spätere Schritte der Evolution. (...)
Kampf und Machthunger sind Realitäten, die ich an keiner Stelle gesundgebetet habe. Im Gegenteil. Aber sie sind nicht das Urprinzip der Natur!
Wieso konnte sich dann aber z. B. das Motiv egoistischen Gewinnstrebens so sehr durchsetzen, dass man es sogar verdrängt hat, wie sehr damit die Aneignung fremder Arbeit verbunden ist? Wir denken doch letztlich nur dann an Diebstahl, wenn diese Art des Nehmens sittenwidrig übertrieben wird!
Gewinn zu machen ist nicht notwendigerweise Aneignung fremder Arbeit. Gewinn, also Mehrwert, ist zunächst einmal das Resultat von Kooperation. Das erfordert eigentlich zwingend eine faire, nämlich kooperativen Beziehungen entsprechende Verteilung dieses Mehrwerts. Wird allerdings das Prinzip der fairen Verteilung verletzt, noch dazu in einem allzu großen Ausmaß, dann kommt es - wie das auch neurobiologische Studien belegen - zu Verweigerung, Widerstand, Hass und Aggression. Auf Dauer schadet das sogar der Erwirtschaftung von Gewinn. Sittenwidrige zwischenmenschliche Umgangsformen sind daher, wie die Geschichte zeigt, auf Dauer alles andere als ein Erfolgsmodell.
(...)
Welchen Einfluss hat derzeit noch die darwinistische, d. h. die auf den Kampf ums Dasein orientierte Soziobiologie?
Die soziobiologischen Ideologien sind in den Wissenschaften der westlichen Länder die derzeit vorherrschende Denkweise. Richard Dawkins, der Autor des Weltbestsellers "Das egoistische Gen", hat nie selbst an Genen geforscht. Dies erklärt auch den Unsinn, den er über Gene in die Welt gesetzt hat. Seine Behauptungen werden indes nicht nur kritiklos geglaubt, sondern stehen mittlerweile sogar in Schulbüchern. Wer, wie ich, selbst an Genen geforscht hat, weiß: Gene sind Kommunikatoren und Kooperatoren.
Sie sprechen an nicht wenigen Stellen Ihres Buches davon, dass Psychologie zu Biologie wird. Muss man Sie nun dahingehend interpretieren, dass Psychologie auf Biologie und damit letztlich auf Chemie und Physik reduziert werden kann?
Nein. "Die Biologie ist keine zweite Physik". Dieser Satz stammt von dem kürzlich verstorbenen Ernst Mayr, einem der bedeutendsten Evolutionsbiologen unserer Zeit. Biologische Systeme folgen zwar physikalischen und biochemischen Gesetzen, ihr Verhalten aber ist mehr als die Wirkung einer Ursache. (...) Bei allen höheren Organismen, den Menschen eingeschlossen, wirken auf den Körper nicht nur stoffliche, sondern eben auch andere Reize als Signal. Zeichen, die wir von anderen Menschen empfangen und mit unseren fünf Sinnen aufnehmen, lösen in unserem Gehirn biologische Reaktionen aus, die bis hin zur Regulation von Genen reichen. Dies meine ich, wenn ich sage: Das Gehirn macht aus Psychologie Biologie.
Birgt die biologische Sicht auf die Psyche nicht zwangsläufig auch die Gefahr in sich, das menschliche Problem (gut oder böse?) medikamentös oder auch gentechnisch zu lösen?
Damit wir uns richtig verstehen: Ich bin kein Anhänger einer "biologischen Sicht auf die Psyche", sondern eher einer "psychischen Sicht auf die Biologie". Aber zu Ihrer Frage: Die Gefahr, von der Sie sprechen, ist durchaus gegeben. Dies zeigt z. B. die Entwicklung der Psychiatrie. Anstatt die psychosozialen Hintergründe psychischer Störungen und ihrer neurobiologischen Korrelate zu ergründen, haben wir hier eine starke Tendenz, psychisches Sein durch rein biologische Interventionen, zu manipulieren. Pharmaka können sehr hilfreich sein, sie dürfen in der Psychiatrie aber nur eine ergänzende Rolle spielen.