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09.10.2007
Worin der Schüler eines Ketzers seine Aufgabe sieht / Ein moderner Krebsarzt in Julius Hackethals Spur
"Was gibt es schon Wichtigeres auf der Welt - so wird es landläufig gesehen - als ein Leben in Gesundheit. Und die zuständigen Spezialisten, die den Leuten sagen sollen, wie sie das bewerkstelligen könnten, und die ausbügeln sollen, was daneben gegangen ist, das sind wir, die Mediziner. Vor allem deshalb werden wir offiziell so beweihräuchert und aufs Podest gehoben, was niemandem von uns so recht bekommt. Dabei ist es überhaupt nicht unser Verdienst, dass unser Wissen und unsere erlernten und eingeübten Fertigkeiten eine derart existenzielle Bedeutung für diejenigen haben, die zu uns kommen, wie wir selbst in die Autowerkstatt oder zum Friseur gehen." Diese wichtige, aber leider nicht allzu verbreitete Einsicht äußerte der Krebsarzt und Chirurg Dr. med. Axel Weber weiland in einer Festrede aus Anlass des zehnjährigen Bestehens der Parkklinik Julius Hackethals in Riedering. Heute leitet der seinerzeitige Schüler und Kollege des "umstrittenen" Professors eine eigene Klinik. Was er von seinem ver-storbenen Mentor gelernt hat, und wie er seinen eigenen Weg geht, dar-über sprachen wir mit ihm im oberbayrischen Brannenburg.
PROVOkant: Herr Dr. Weber, sehen Sie sich als geistigen Erben Ihres ehemaligen Chefs?
Dr. Axel Weber: So möchte ich das nicht unbedingt bezeichnen. Obwohl: Wir Ärzte sind alle irgendwie erbberechtigt, ja, zum Erben verpflichtet, wenn große Mediziner von uns gehen. Und eine beeindruckende Arztpersönlichkeit war Julius Hackethal, auch wenn ihn manche Andersdenkenden ablehnten und auch bekämpften.
Sie haben lange mit ihm zusammen gearbeitet. So etwas färbt ab. Von wel-chen seiner Wesenszüge sind Sie am meisten geprägt worden?
Darüber habe ich, ehrlich gesagt, noch nicht groß nachgedacht. Ich glaube aber, verkürzt gesagt, es sind die Prinzipien seines ärztlichen Tuns, deretwegen er bei seinen Patienten und Freunden so beliebt und bei seinen Gegnern so verhasst war.
Und welche sind das?
Ich denke, das Zentrale bei ihm war sein Selbstverständnis als Arzt. Sein großer Leitspruch war: Vor allem nicht schaden! Und er nannte sich einen "Patientenarzt aus Liebe". Für meine Begriffe ist das ein wenig zu euphorisch. Aber so war er nun einmal. Im Grunde denke und fühle ich genauso: Wir Ärzte sind für die Patienten da und nicht umgekehrt. (...) Ich kann ihnen nicht mehr oder minder höflich zu verstehen geben, dass schließlich ich derjenige bin, der, weil er Medizin studiert hat, allein weiß, was gemacht werden kann und bestimmt, wie behandelt werden muss.
Was kann es uns medizinischen Laien aber schaden, wenn der Arzt festlegt, wo’s lang geht?
Mitunter eine ganze Menge. Dass jährlich durch Mediziner wirklich nicht gerade we-nig Schäden verursacht werden, können Sie in der einschlägigen Literatur nachlesen. Wir haben dafür den schönen Ausdruck "iatrogene Schäden". Aber darum geht es noch nicht einmal. Die Selbstbestimmung des Patienten hat auch einen wichtigen the-rapeutischen Effekt. Wir Ärzte können im Heilungsprozess im Grunde nur Helfer sein. Heilen kann sich der kranke Mensch letztlich nur selbst. (...)
Das ist in der Krebstherapie besonders ge-boten. Alle Behandlungsmethoden sind doch gerade hier mehr oder minder ein Probieren. Wer das nicht eingesteht, ist unehrlich! Ich habe die Erfahrung gemacht: Alle Therapieformen können helfen oder auch versagen. (...) Es gibt zwar leider mehr als genug Erkrankungen, speziell Tu-morleiden, die meist mit dem Tode enden, aber ich meine: Es gibt keine einzige Krankheit, die von vornherein unheilbar ist, auch Krebs nicht. (...)
Julius Hackethal gehörte zu den so genannten Ganzheitsmedizinern. Sind Sie ihm auch in dieser Beziehung gefolgt?
Ja, doch habe ich trotz konventionellen Medizinstudiums diese Sicht schon immer bevorzugt. Auch wenn ich als Chirurg sehr wohl das Detail im Auge haben muss. Der Mensch ist krank, nicht das einzelne Organ! Mag uns das es auch meist so scheinen! Auch bei Krebs ist das so. Tumore und Metastasen sind nur Symptome. Es ist die Schwachstelle der Onkologie, dass sie sich aus einem meiner Meinung nach falschen Verständnis heraus allzu sehr oder auch nur auf die Krebszellen konzentriert. Hackethal hat immer wieder darauf hingewiesen, dass das Motto „Tumor weg – Krebs weg“ ein-fach so nicht stimmen kann. Das merken wir doch spätestens, wenn die Rezidive und die Metastasen kommen.
(...)
Die wichtigste Methode der unmittelbaren Tumorbekämpfung, die Hackethal entwickelt hat, ist die Gabe von hoch dosiertem Buserelin. Die haben wir konsequent bei-behalten.
Was ist Buserelin?
Ein Hormonblocker. Im Arzneimittelhan-del heißt er Profact. Er unterbindet die Produktion der Geschlechtshormone. Das Entscheidende beim Einsatz dieses Medi-kaments ist, dass wir damit auch hormon-unabhängige Tumore bekämpfen können.
Wieso ist das möglich?
Weil das Buserelin direkt an den bösartigen Zellen andockt und die Kernteilung verhin-dert. Damit können wir sie zum Absterben bringen. Bei hormonabhängigen Tumoren nehmen wir durch die Geschlechtshormon-blockade den Krebszellen zudem gewisser-maßen das „Futter“ weg, so dass sie sich ebenfalls nicht mehr teilen können. (...)
Wollen Sie damit behaupten, dass mit Ihren Behandlungen nicht nur Tumore bekämpft, sondern der Krebs wirklich geheilt werden kann?
Nein. Das wäre vermessen. Ich sagte doch: Alle Therapien sind bei Krebs mehr oder minder ein Probieren. Andernfalls müsste die Wissenschaft uns tatsächlich schon ge-nau sagen können, warum und wie Krebs entsteht und wodurch er wieder verschwin-det. Das kann sie bisher aber nicht. Es gibt heute schon ungezählte Theorien über diese Krankheit, und es werden auch noch mehr werden. Aber wir wissen einfach zu wenig.
Also ist Krebs doch unheilbar?
Nein, das eine hat mit dem andern nichts zu tun! Jeder besitzt die Chance auf Heilung. Und viele Behandlungsmethoden, darunter auch unsere, haben zu echten Heilungen geführt. Die Krankenakten belegen das. Nur Garantien gibt es nicht.
Wenn die Tumore verschwunden sind, wann ist man dann geheilt: nach 5 Jah-ren? Nach 10? Nach 15?
Ich halte von solchen Fristen nichts. Wenn keine Krebszellen mehr nachweisbar sind und wenn durch ganzheitliche Behandlung und oft durch eine Umstellung des Lebens der Patient wieder in der richtigen Ordnung ist, dann kann er in der Regel davon ausge-hen, genesen zu sein. Aber wer einmal Krebs gehabt hat, ist vorsichtig. Das Unter-bewusstsein hat häufig das Krebsprogramm noch drin. Die wenigsten haben sich wieder völlig auf Gesundheit umprogrammiert.
Also sollte man auf keinen Fall auf die Möglichkeit eines Rückfalls starren wie das Kaninchen auf die Schlange?
Völlig richtig! Ich könnte außerdem jeden Gesunden auf der Straße ansprechen und ihm sagen: Du hast möglicherweise Krebszellen in Dir. Also müssen wir danach su-chen. Und wenn wir fündig werden, etwas dagegen unternehmen. Die Crux der Früherkennung brandmarkte Hackethal oft mit dem Satz: "Es gibt keine Gesunden, nur schlecht untersuchte Kranke!". Wenn ich alle 70jährigen Männern die Prostata bi-opsieren würde, fände ich bei mindestens 80 Prozent Krebszellen und hätte einen Grund, sie zur OP oder zu einer anderen Behandlung zu schicken. Das wäre großer Unfug. Das gilt auch für Brustkrebszellen bei 65 Prozent der Frauen über 50.
(...)
Bereits in Hackethals Klinik, aber nun auch bei Ihnen müssen gesetzlich versi-cherte Patienten die Behandlung meist aus eigener Tasche bezahlen.
Ja, das ist nicht zu verstehen. Denn die Kosten bei uns sind niedriger als in jeder von den Kassen anerkannten Krebsklinik. Das gilt aber für alle Einrichtungen mit alternativen Therapien. Ich hatte mal mit einer Kasse zu tun, die das sehr vernünftig handhabte. Ihr Vertreter sagte mir: Wir zahlen so viel, wie eine Standardtherapie kosten würde. Nicht mehr, aber auch nicht weniger! Wenn das alle so praktizierten, wäre das nur recht und billig.
Dem steht aber entgegen, dass alternative Therapierichtungen als umstritten gelten. Julius Hackethal betraf das, wie man weiß, in besonderem Maße.
Sagen wir es so: In der Onkologie, ja sicher-lich in der gesamten Medizin, ob nun Hochschul- oder alternative, täte uns mehr fruchtbare Kommunikation sehr gut. Mehr Offenheit und die Achtung der Position des Anderen. Das würde unseren Patienten sehr zugute kommen. Die Auseinanderset-zung mit und um Julius Hackethal verlief seinerzeit oft nicht gerade angenehm. Lei-der. Das war kein Ruhmesblatt für unsere Zunft. Doch daran trug auch er etwas Schuld. In den Medien stellte er sich oft recht aggressiv dar, hat provoziert und sich provozieren lassen. Zur heimlichen Freude seiner Gegner. Aber seinen Patienten hat er stets Menschlichkeit entgegengebracht. Zu jeder Zeit. Und das ist das Wesentliche. Ich bin ihm immer noch dankbar für das, was er gegeben hat. Sehr viele Patienten eben-falls. Und die Medizin wird das auch einmal sein. Eines Tages jedenfalls.