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10.10.2007

Erich Schöndorf: Von Menschen und Ratten
Über das Scheitern der Justiz im Holzschutzmittelskandal.
Verlag Die Werkstatt
Es gibt Bücher, die lange Zeit aktuell bleiben, deren Aktualität man jedoch nur bedauern kann. Zu ihnen gehört Erich Schöndorfs "Von Menschen und Ratten", das uns das langwierige Gerichtsverfahren zum Holzschutzmittelskandal der 70er Jahre beschreibt. Die knapp 300 Seiten sind zwar ein Sachbuch, lesen sich aber erfreulicherweise wie ein Bestseller-Krimi. Indes: Auch das ist bedauerlich, und zwar zutiefst. Denn der Autor berichtet aus einem Bereich, von dem man meinen müsste, er habe auf dem Acker der Kriminalität nichts zu suchen: aus der Wirtschaft. Wenn diese über den Austausch von Gütern und Dienstleistungen unser Leben fast lückenlos prägt, sollte sie dann nicht geradezu ein Hort von Ehrlichkeit und Vertrauen, Transparenz, Vorsorge, Verantwortlichkeit und des guten Gewissens sein? Dass dies nicht so ist, weiß leider fast jeder. Und dass im "Räuber-und-Gendarmen-Spiel" unseres Alltags eine sich im Dunkeln bewegende Zahl von Herstellerfirmen immer wieder auf der Räuber-Seite agiert, vermag nur wenige noch zu überraschen. Was aber immer noch vielen die Haare zu Berge stehen lässt, ist die von Schöndorf ebenso akribisch gezeichnete Realität der "Gendarmen"-Seite. Sein Abriss des Holzschutzmittel-Prozesses nimmt einem jede noch verbliebene Illusion, dass die Strafverfolgungsorgane unseres Staates in der Lage und auch durchgängig willens sind, uns vor den Verbrechen zu schützen, zu denen Profitgier fähig ist.
So wähnt man sich doch eher im Wilden Westen denn in einem Rechtsstaat, wenn ein Verwaltungsboss einer der verdächtigen Chemiefirmen, wie vom Autor geschildert, bewaffnete Betriebsschutzleute vor die Ordner-Regale postiert, um eine Herausgabe gesuchter Akten zu verhindern. Wirtschaftsgewalt gegen Staatsgewalt? Oder man denkt eher an Neapel und Sizilien, wenn derselbe Boss dem ermittelnden Staatsanwalt droht, dies sei er nicht mehr lange, denn (Zitat): "Noch heute Abend treffe ich in Bonn den Schäuble. Dann sind Sie erledigt." Und es ist dabei recht unwahrscheinlich, dass eine solche Drohung sich nicht auf zumindest verwandte Erfahrungen stützt.
Viel Raum widmet Erich Schöndorf sowohl den technisch-naturwissenschaftlichen Daten der ganzen Holzschutzmittelproblematik als auch den Leiden der Opfer und ihren Bemühungen um Anerkennung, um Hilfe und Wiedergutmachung. Diese Schicksale gehen unter die Haut. Doch die erwähnte Aktualität des Buches liegt in der Auseinandersetzung des Autors mit den grundsätzlichen Fragen der Strafbarkeit eines wirtschaftlichen Tuns, das die mögliche schwere Schädigung vieler Tausender Menschen einträglicher Geschäfte wegen fahrlässig, leichtfertig oder gar bewusst billigend in Kauf nimmt. Denn der in Rede stehende Frankfurter Prozess ist längst Geschichte, wenn auch angesichts der empörend milden Urteile keine rühmliche. Die damals als corpus delicti dingfest gemachten Holzschutzmittel sind in Deutschland verboten worden und die neuen sollen - angeblich - unbedenklich sein. Aber das Problem der auf lange Zeit nicht abschätzbaren Risiken ist nicht nur geblieben. Die nach Schätzungen bisher über sieben Millionen (!) künstlich hergestellten chemischen Verbindungen werden jährlich um mehr als 250.000 ergänzt. Nach Angaben von besorgten Wissenschaftlern sollen davon über 50.000 im täglichen Gebrauch der Bevölkerung sein. Eine Flut, deren potenzielle und bereits tatsächliche Wirkungen weder überschaut, noch abgeschätzt, noch gar unter Kontrolle gehalten werden kann.
Schöndorf setzt sich vor diesem Hintergrund mit der Frage auseinander, inwieweit wir für den technischen Fortschritt, ohne den wir glauben nicht mehr leben zu können, den Preis kalkulierbarer und nicht kalkulierbarer Risiken zahlen müssen. Und er steckt die Grenze ab zwischen den unvorhersehbaren Gefahren neuer Wege, die von den Ideenreichsten unserer Gattung schon immer beschritten wurden, und einer von Geld- und Machtgier gesteuerten Vernebelung sehr wahrscheinlicher Abgründe. Dabei erörtert er die Streitfrage der strafrechtlichen Produkthaftung. Und dies rundum so verständlich, dass sich auch der juristische Laie zu kompetenter Beantwortung aufgefordert und in der Lage fühlt.
Der Autor hat in der eigenen Arbeit als ermittelnder Staatsanwalt erfahren müssen, dass Günter Wallraff Recht hat, wenn dieser in seinem Vorwort schreibt: "Die Dritte Gewalt in unserem Staat, die Justiz, könnte und sollte ein Korrektiv für die Fehlleistungen der anderen Gewalten sein. Sie ist es, wie das vorliegende Buch beweist, nicht. Im Gegenteil trägt sie oftmals zur Ungerechtigkeit bei." So wäre es an der Zeit, dass der "Souverän", das Volk, von dem, wie es so schön heißt, alle Gewalt ausgeht, endlich die Richtlinien der Politik bestimmt.