Neue Ausgabe Oktober/November/Dezember 2009

Die neue Ausgabe ist seit 29. Oktober 2009 im Bahnhofsbuchhandel und über Internetbestellung erhältlich.

Mit Beihefter "Krebs als Chance"

Heiterer Ernst

"Dann essen Sie eine Tortilla weniger!"

04.07.2008


Stiftung „ethecon“ verlieh NESTLÉ den “Black Planet Award“.
Schmährede Prof. Erich Schöndorfs - als fiktives Interview mit dem
Konzern-Chef.

Erich Schöndorf: Verehrter Herr Bra­beck-Letmathe, die Stiftung „ethecon“ hat Ihnen heute den „Black Planet Award“ für her­aus­ra­gen­de Leistungen bei der Zerstörung unseres Planeten verliehen. Die Stif­tung wirft Ihnen ag­gressive Ver­marktung Ihrer Produkte vor sowie eine rück­sichtslose Aus­beu­tung von Mensch und Natur. Wollen Sie das so unkommentiert stehen las­sen?

Brabeck-Letmathe: Dieser Vorwurf, Herr Schöndorf, scheitert doch schon im Vor­feld an der Wortwahl. Unser Fir­men­name NESTLÉ hat erkennbar nichts mit Aggression oder Rücksichtslosigkeit zu tun. Er ist die Verkleinerungsform von Nest - das kleine Nest halt - und steht so­mit für Heimeligkeit, für Schutz und Für­sorge. Das ist so ähnlich wie bei dem In­nenminister Ihres Landes, Herrn Schäu­ble. Übersetzt heißt das „Der kleine Schäub“ und ist Synonym für eine sanfte Politik.

Entschuldigung, aber halten Sie On­line-Durchsuchungen für eine sanfte Politik?

Keine Frage! Richtig ausgeführt, merkt der Betroffene davon doch gar nichts.

Und das Abschießen gekaperter Flug­zeuge?

Zwischen dem finalen Treffer und dem er­sten Bodenkontakt liegen doch nur Se­kunden. Hinrichtungen zum Beispiel in Te­xas dauern markant länger.

Es geht aber doch nicht vorrangig um die Wortwahl. Die Stiftung „ethecon“ hat ihre Vorwürfe an konkreten Bei­spie­len festgemacht. Zum Beispiel an NESTLÉS Umgang mit seinen Arbei­tern, insbesondere in der 3. Welt. In Kolumbien sollen paramilitärische Ver­­bände im Auftrag des Unter­neh­mens gewerkschaftlich organisierte Ar­­beiter getötet haben.

In Kolumbien, Herr Schöndorf, herrscht Krieg. Da schießt jeder auf jeden. Da ge­raten natürlich auch Unschuldige zwi­schen die Fronten. Und darunter befinden sich naturgemäß auch Gewerkschafter. Ob­wohl ich damit nicht sagen will, dass die per se unschuldig sind.

Um in Südamerika zu bleiben: In Bra­silien kauft NESTLÉ zahlreiche Quel­len auf. Die Stiftung „ethecon“ hält das für verwerflich und sagt: Wasser ist ein lebenswichtiges Gut, der freie Zu­gang zu sauberem Wasser ist ein Men­schenrecht, Wasser darf nicht priva­ti­siert werden.

Wasser ist ein Lebensmittel und wie jedes andere Lebensmittel auch sollte es einen Marktwert haben. Und weil es, wie Sie zu Recht sagen, ein wertvolles Lebensmittel ist, sollte der Erwerber auch den vollen Wert bezahlen - wenn Sie dieses Wort­spiel entschuldigen.

Aber Ihre Wasserpolitik führt dazu, dass Regierungen nicht ausreichend in eine funktionierende öffentliche Was­ser­versorgung investieren. Leid­tra­gend sind wie immer die Armen, die sich das NESTLÉ-Flaschenwasser nicht leisten können und aus der Kloa­ke trinken müssen!

Auch die 3. Welt muss lernen, Prioritäten zu setzen. Dann essen sie eine Tortilla we­ni­ger und kaufen sich dafür eine Flasche NESTLÉ-Wasser.

...die noch nicht einmal Mineralstoffe enthält.

Aber wir haben unser Wasser doch aus gu­tem Grund demineralisiert. Und so schmeckt es überall gleich. Egal ob es der Campesino in Mexiko trinkt oder der Aidspatient in Soweto. Alle wissen: Es ist Wasser von NESTLÉ. So fühlen sich auch die Armen der Welt ernst ge­nom­men. Und unter dem gemeinsamen Dach ei­nes Weltkonzerns spüren sie die Fas­zination einer globalen Solidarität.

Den Kaffeemarkt dominieren Sie eben­­falls und zahlen den Bauern Prei­se, die unter den Produk­tions­kos­ten liegen.

Aber es sind dieselben Bauern, die mittels Überproduktion den Markt ruiniert haben, ganz besonders in Äthiopien. NESTLÉ hat nichts gegen Neger. Es ist ein durch­aus sympathischer Menschenschlag und er hat beachtliche Fähigkeiten, wie man bei den Olympischen Spielen sehen kann. Al­lerdings, wirtschaftlich und intellektuell hat er unverkennbar Defizite. Es wäre für ihn besser, in der Universität zu pauken an­statt vor seiner Hütte zu trommeln - wenn Sie mir auch dieses Wortspiel ent­schuldigen würden. Unser Fachmann für Land­wirtschaft, der verehrte Herr Hans Joehr, hat einmal ausgerechnet, dass fast die Hälfte der Kleinbauern vom Markt ver­schwinden müsste, wenn sich der Kaf­feemarkt wieder erholen wollte.

Wohin denn verschwinden?

Da machen Sie sich mal keine Sorgen. Der deregulierte Markt lässt sich da bestimmt et­was einfallen. Wie in Kolumbien. Dort produzieren jetzt die Kaffeebauern Ko­kain.

Im Äthiopischen Hochland wachsen aber keine Kokasträucher.

Es muss nicht immer Koka sein. Hat Äthi­o­pien mit Eritrea nicht noch eine Rechnung offen? Frustrierte Bauern sind hervorragende Soldaten.

Sie benutzen auffällig oft das Wort „Markt“.

Und Ihr Wortschatz wird erkennbar do­mi­niert von Begriffen wie „Armut, Natur und Gerechtigkeit“.

Das passt Ihnen nicht?

Was heißt passen? Sie gehören einfach nicht hierhin! Ökonomie hat nichts mit Ge­rechtigkeit zu tun. Ökonomie orientiert sich am Profit. Das ist der alleinige Maßstab.

Ethik gibt es nicht in Ihrem Un­ter­neh­men?

Ethik gehört auf die Spielwiese der Phi­lo­so­phie, ist etwas für Menschen die vom Staat alimentiert werden, ohne dass sie in irgendeiner Weise produktiv sind. Öko­no­mie, Markt, Profit, diese Dinge orientieren sich letztlich an den Gesetzen der Evo­lu­tion: Der Stärkere gewinnt, der Schnellere, der Clevere. Archaischer geht es nicht mehr. Diese Logik braucht keine Recht­fertigung. Da sind wir auf der sicheren Seite.

Vielleicht stellen sich ja mit dem Be­griff „Kindersterblichkeit“ bei Ihnen er­ste Skrupel ein. Was man Ihnen am meisten übel nimmt, ist Ihre ag­gres­sive Vermarktung von Milchpulver in Ländern der 3. Welt, insbesondere Af­ri­ka. Man schätzt, dass dort jährlich ca. 1.5 Millionen Kinder sterben, weil ihre Mütter sie nicht mehr stillen.

Halt, bevor Sie das näher erläutern: Wo­her stammt diese Zahl? Darf ich spe­ku­lie­ren? Wahrscheinlich von „Ärzte ohne Grenzen“ oder einer anderen kom­mu­ni­s­ti­schen Splittergruppe. Sehen Sie, in Deutsch­land hatten Sie ja ein ver­gleich­bares Problem. Auschwitz. Wie viel Men­schen sind dort umgekommen? 300.000 oder 3 Millionen oder 6 Millionen? Dar­über streitet man immer noch, wie man auf der Homepage der NPD nachlesen kann. Ein geflügeltes Wort in unserem Un­ternehmen lautet schon lange: Wenn Zahlen sechs- oder mehrstellig werden, la­den sie zur Manipulation geradezu ein.

Die Zahlen sind seriös! Die Kinder ster­ben, weil das Milchpulver mit ver­schmutztem Wasser zubereitet wird, un­zulässig verdünnt wird oder weil es den Kindern nicht wie Mut­termilch ei­nen ausreichenden Immunstatus ver­mittelt.

Berücksichtigt man dabei auch die Tat­sa­che, dass der Kindstod in Afrika zum All­tag gehört, manche sagen, er ist Teil der af­rikanischen Kultur? Ich sage nur Aids, Umweltkatastrophen und Verkehrsunfälle.

Verkehrsunfälle? Afrika hat weniger Au­tos als Nordrhein-Westfalen!

Dafür aber keinen TÜV! Wenn Sie er­lauben, darf ich aber noch einmal zurück­kommen auf ihr Milchpulver-Argument, das uns sicher einiges Kopfzerbrechen be­reitet hat. Muttermilch immunisiert, sagen Sie. Aber tut dies unser Produkt nicht auch? Vor allem wenn es mit ver­schmutztem Wasser zubereitet wird?

Wie soll ich das verstehen?

In unserem Kulturkreis gibt es das Wort: „Dreck reinigt den Magen“. Gemeint ist die immunisierende Wirkung der Ver­un­reinigung. Ich will mal so sagen: Wer un­ser Milchpulver überlebt, ist gegen alles ge­feit.

In einem Interview mit dem Wirt­schafts­magazin „Capital“ haben Sie sich für die Gentechnik aus­ge­spro­chen. Mit einem provokanten aber nicht näher belegten Argument. An Gen­produkten ist noch niemand ge­storben, haben Sie gesagt, an Bio­produkten schon. Können Sie Namen von Opfern nennen?

Sie provozieren gerne, Herr Schöndorf. Aber denken Sie einmal daran, dass auf den ungespritzten Getreidefeldern der Bio­bauern das von einem Pilz her­vor­ge­ru­fe­ne hochtoxische Mutterkorn gedeiht, das den Konsumenten schon in geringster Do­sis umbringt. Wir sprechen in unserem Un­ternehmen in diesem Zusammenhang ger­ne von der Pest des biologischen Irr­wegs. Das ist auf den pilzresistenten Gen-Fel­dern mit Sicherheit kein Thema!

Herr Brabeck-Lethmathe, zum Schluss noch eine eher persönliche Frage: Herr Köhler-Schnura von der Stiftung „ethecon“ hat mir heute mor­gen vertraulich gesagt, sie beide hät­ten eine Gemeinsamkeit - nämlich ih­ren Doppelnamen. Allerdings käme bei Ihnen noch etwas hinzu - Ihre Dop­pelmoral. Stimmt das?

Herr Schöndorf, Satire ist das eine und Rufmord das andere. Ich weise diese Äu­ße­rung mit Entschiedenheit zurück. Ich ha­be keine Doppelmoral - ich habe gar keine!

Herr Brabeck-Lethmathe, ich danke Ihnen für dieses Gespräch!

 

 

 

 

 

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