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Weltschmerzen
03.07.2008

Warum uns das „Stoffwechselprinzip“ des Kapitalismus an den Rand des Abgrunds führt.
Energiesparlampen und Verschmutzungsgerechtigkeit.
„Die Gattung Mensch hat ... der Natur weiß Gott schreckliche Dinge angetan. Muss das nicht aufhören, wenn wir überleben wollen?“ Dies fragten wir in unserer Ausgabe 3 / 07 Kurt G. Blüchel, den Autor des Buches „Der Klimaschwindel“. Seine Annahme, wir könnten mit allzu enger Fixierung auf CO2-Einsparung einem Phantom hinterherjagen und dabei ins Leere schießen, war leider nicht nur auf sachliche Kritik gestoßen. Dabei hatte der Wissenschaftsjournalist die Politiker aufgefordert, uns auf die Gefahren des Klimawandels vorzubereiten. Blüchels Warnung, die Öffentlichkeit nicht mit der Parole zu beruhigen: „Macht dem CO2 den Garaus - und ihr werdet noch einmal um das sonst Unvermeidliche herumkommen!“ provoziert. Doch sie ist von einer Sorge erfüllt, die auch andere hegen. In seinem jüngst im S. Fischer Verlag erschienenen Buch „Klimakriege. Wofür im 21. Jahrhundert getötet wird“ hinterfragt der Essener Sozialpsychologe Professor Dr. Harald Welzer die ökologisch-politische Weltlage im Hinblick auf den einsetzenden Klimawandel. Wir sprachen mit ihm.
„PROVOkant“: Herr Professor Welzer, der Titel Ihres Buches klingt alarmierend. Er lässt uns ahnen, dass die Lage schlimmer ist, als wir glauben wollen. Lassen die Tatsachen den Schluss zu, dass die westliche Zivilisation einen falschen Weg gegangen ist?
Prof. Welzer: Zumindest wird mehr als deutlich, dass unsere Lebensform ganz praktisch an ihre Grenze stößt.
Und warum?
Vor allem, weil sie auf permanentes Wachstum gegründet ist. Spätestens an dem Punkt, wo sie sich zu globalisieren beginnt, wird sie überlebensunfähig. Eine solche Lebensform braucht immer ein „Außen“, das ausgebeutet werden kann. Und wenn es dieses „Außen“ nicht mehr gibt, weil unser Erdball eben endlich ist, dann funktioniert das Ganze nicht mehr.
Wirtschaft und Politik schwören aber auf Wachstum. Wollen Sie diese heilige Kuh schlachten?
Das haben schon viele andere vor mir getan.
Allerdings ohne Konsequenzen.
Leider. Man muss zwar einräumen, dass unsere westliche, durch und durch wachstumsorientierte Lebensform von einer geradezu atemberaubenden Erfolgsgeschichte gekennzeichnet ist. Offensichtlich aber um den Preis, dass das Ganze nicht lange geht. Was sind in der Geschichte schon 200 oder auch 250 Jahre! Historisch gesehen sind wir ziemlich schnell an unsere Grenzen gestoßen.
(...)
Es scheint, dass das sowohl Natur als auch Menschen ausbeutende Wachstum ein inhärentes „Stoffwechselprinzip“ kapitalistischen Wirtschaftens ist. Von allen Ideologien einmal abgesehen: Müsste nicht jede Rettungsstrategie an dieses Prinzip und damit die Identität des Systems rühren?
Das wird sich nicht vermeiden lassen. Ist doch die Identität der westlichen Gesellschaften längst nicht mehr in dem Bestreben zu finden, Sinnbedürfnisse zu befriedigen. Konsum allein ist nicht sinnstiftend.
Wobei ein zunehmend größerer Teil der Gesellschaft noch nicht einmal etwas von den Früchten dieser Konsumtionsexplosion abbekommt.
Mehr noch. Das System produziert inzwischen erhebliche Verluste. Nicht nur „außen“, sondern auch „innen“. Als da sind: Zivilisationskrankheiten wie Herz-Kreislauf- oder Krebserkrankungen, Fettleibigkeit usw., überhöhter Medienkonsum, Bewegungsarmut und was auch immer. Es drängt sich zunehmend die Frage auf, ob man eigentlich so leben will. Ob wir den Preis dafür wirklich zahlen wollen. Oder ob wir es schaffen, von einem ökonomischen zu einem mentalen Wachstum zu wechseln!
Was verstehen Sie darunter?
Dass man endlich anfängt, darüber nachzudenken, welche Dinge man wirklich braucht. Dass man sich Gedanken macht, wie wir die Gesellschaft vernünftiger einrichten, vielleicht neue Möglichkeiten der Demokratisierung schaffen, der Bürgerbeteiligung, der Teilhabe überhaupt.
Manch einer wird sagen, wir kämen vom Thema ab.
Ja, scheinbar hat das alles mit der Klimaproblematik nichts zu tun. Aber nur scheinbar! Denn Naturkatastrophen als solche gibt es ja gar nicht. Katastrophal ist immer nur das, was die Menschen trifft, worin sie involviert sind, als Opfer wie als Verursacher. Beides hängt wesentlich von den jeweiligen gesellschaftlichen Verhältnissen ab. Insofern sind es immer soziale und kulturelle Katastrophen. Und als solche muss man sie eben auch angehen.
Verantwortlich Denkende, darunter nicht wenige Wissenschaftler haben nicht erst seit gestern davor gewarnt, dass wir bei einem „Weiter-wie-bisher“ unsere Lebensgrundlagen zerstören. Warum mussten sie bisher „Rufer in der Wüste“ bleiben?
Weil die Menschen in der Regel ihren eigenen Interessen folgen bzw. dem, was sie für ihre Interessen halten. (...) Der Philosoph Hans Jonas hat einmal sinngemäß gesagt: Die Einsichtsfähigkeit der Menschen wächst, aber die Fähigkeit, daraus die richtigen Schlussfolgerungen zu ziehen, nicht!
(...)
Die meisten Probleme, die man mit unseren bisherigen Bewältigungsstrategien angehen konnte, die hörten ja irgendwann auf. Die Umweltzerstörung, die sich nun gegen uns selbst zu wenden scheint, aber nicht! Das ist ein ganz neuer Sachverhalt. Die Frage ist, an welchen Stellen und wie wir so etwas wie eine neue kollektive Vernunft herausbilden.
Es sieht nicht so aus, als stehe diese Frage bereits im Zentrum unserer öffentlichen Diskussion.
Nein, überhaupt nicht. Leider. Sie hängt noch vollkommen an der Peripherie, wenn überhaupt. Und schon gar nicht ist es etwa das zentrale Thema der politischen Klasse.
Obwohl sich die Auswirkungen der verfahrenen Entwicklung nicht erst am fernen Horizont zeigen?
Ja, vor allem weil diese Auswirkungen sehr ungleich verteilt sind. Schon innerhalb unserer Länder, vor allem aber im Weltmaßstab. Die Hungerkrise in der Dritten Welt zeigt das doch sehr makaber: dass wir es uns erlauben, das, was andere essen wollen, in unsere Tanks zu füllen! Die Zapfsäule symbolisiert plötzlich, was wir Anderen an Lebensgrundlagen wegnehmen.
(...)
Wenn, wie in diesem Fall, eine technische Lösung durch ihre soziale Brechung kontraproduktiv, ja verbrecherisch wird, bedeutet das sicherlich nicht, dass wir keine technischen Konzepte bräuchten, um der Klimakatastrophe zu begegnen.
Keine Frage! Nur muss man mit Argusaugen darüber wachen, dass dabei nicht der gleiche Weg eingeschlagen wird, der uns in die Kalamität geführt hat.
Zählt dazu auch die aufs Neue favorisierte Kernenergie? Der Ausstieg aus dem Ausstieg?
Das ist ein Riesenproblem. Die Motive der Betreiber, die längst abgeschriebenen Kernkraftwerke weiterlaufen zu lassen, sind natürlich ganz andere als die Rettung der Umwelt. Man kann damit günstig Energie erzeugen, die teuer verkauft wird. Das Dilemma besteht aber darin, dass durch einen geradezu gezüchteten Energiehunger und das beständige Setzen auf dessen gnadenlose technische Befriedigung Sachzwänge geschaffen worden sind, aus denen wir nur schlecht herauskommen. Davor bin auch ich als ein ehemaliger aktiver Atomkraftgegner nicht gefeit. Selbst wenn die damit verbundenen Risiken kaum verantwortbar sind.
Könnten wir sie vermeiden, wenn jeder von uns wirklich energieeffizient und umweltbewusst handelte? - Das Aus fürs Stand-by, Energiesparlampen statt Glühbirnen, wieder mehr aufs Rad usw. Sie geben solchen Lösungen, die vom Einzelnen abhängen, in Ihrem Buch offenbar schlechte Noten.
Nein, ich gebe ihnen durchaus keine schlechten Noten. Man sollte das alles durchaus tun. Es gehört zu der notwendigen Veränderung der Wirklichkeit. Aber es ist ein verhängnisvoller Trugschluss zu glauben, man könne allein damit die Welt retten. Das wäre reine Illusion! Deshalb bin ich grundsätzlich gegen eine Individualisierung des Problems. Selbst wenn wir uns hier alle ökologisch korrekt verhielten, würde die Wirkung unseres Tuns allein durch das Kohlekraftwerk annulliert, das nächste Woche in China seinen Betrieb aufnimmt. Und dort macht man jede Woche solche Sachen. Effektive Schritte sind erst ab nationalstaatlicher Ebene aufwärts zu erwarten.
(...)
Ist unser demokratisches Instrumentarium ausreichend, die notwendigen Änderungen herbeizuführen?
Im Prinzip ja. Im Gegensatz zu diktatorischen, also geschlossenen Systemen, die die Fehler, die sie machen, kaum oder gar nicht korrigieren können, verfügen demokratische Gesellschaften generell über ein solches Instrumentarium der Korrektur. Doch man darf nicht vergessen: Demokratien sind nicht stabil. Sie sind gefährdet, sobald es den Leuten anfängt, schlecht zu gehen.
(...)
Bieten die Sozialwissenschaften Strategien für derartige denkbare „Unfälle“?
Bislang noch nicht. Sie haben noch keine Theorie für beschleunigte gesellschaftliche Veränderungen vorgelegt. (...)
Halten Sie deshalb in Ihrem Buch einen glimpflichen Ausgang der vor uns stehenden Konflikte für wenig wahrscheinlich? Sind Sie in dieser Sache persönlich pessimistisch?
Das mag so scheinen und ist auch gewollt, um aufzurütteln. Wenn ich wirklich keine Chance mehr sähe, dann hätte ich wahrscheinlich mein Buch nicht geschrieben.
Was wäre also zu tun?
Man hört oft, die Probleme seien so prekär, dass dringend gehandelt werden müsse. Ich meine: Sie sind so neuartig, dass wir dringend darüber nachdenken müssen.
Herr Professor Welzer, danke für dieses Gespräch!
Biographisches
Prof. Dr. Harald Welzer, Jahrgang 1958, Direktor des Center for Interdisciplinary Memory Research am Kulturwissenschaftlichen Institut Essen, ist Forschungsprofessor für Sozialpsychologie an der Universität Witten/Herdecke. Neben seinem neuesten Buch „Klimakriege“ erschienen von ihm in den Fischer Verlagen „Opa war kein Nazi. Nationalsozialismus und Holocaust im Familiengedächtnis“ (mit S. Moller und K. Tschuggnall), ferner „Täter. Wie aus ganz normalen Menschen Massenmörder werden“ sowie (als Herausgeber) „Der Krieg der Erinnerung. Holocaust, Kollaboration und Widerstand im europäischen Gedächtnis“ .