Neue Ausgabe Oktober/November/Dezember 2009

Die neue Ausgabe ist seit 29. Oktober 2009 im Bahnhofsbuchhandel und über Internetbestellung erhältlich.

Mit Beihefter "Krebs als Chance"

Weltschmerzen

Nach uns die Sintflut?

03.07.2008


Warum uns das „Stoffwechselprinzip“ des Kapitalismus an den Rand des Abgrunds führt.
Energiesparlampen und Verschmutzungsgerechtigkeit.

„Die Gattung Mensch hat ... der Natur weiß Gott schreckliche Dinge angetan. Muss das nicht aufhören, wenn wir überleben wollen?“ Dies fragten wir in unserer Aus­gabe 3 / 07 Kurt G. Blüchel, den Autor des Buches „Der Klimaschwindel“. Seine Annahme, wir könnten mit allzu enger Fixierung auf CO2-Ein­sparung einem Phantom hinterherjagen und dabei ins Leere schie­ßen, war leider nicht nur auf sach­liche Kritik gestoßen. Dabei hatte der Wissen­schafts­journalist die Politiker auf­ge­fordert, uns auf die Ge­fahren des Kli­ma­wandels vorzubereiten. Blüchels Warnung, die Öffentlichkeit nicht mit der Parole zu be­ruhigen: „Macht dem CO2 den Garaus - und ihr werdet noch einmal um das sonst Un­ver­meid­liche herumkommen!“ provoziert. Doch sie ist von einer Sorge erfüllt, die auch andere hegen. In seinem jüngst im S. Fischer Verlag erschienenen Buch „Klimakriege. Wofür im 21. Jahrhundert getötet wird“ hinterfragt der Essener Sozialpsychologe Professor Dr. Harald Welzer die ökologisch-poli­ti­sche Weltlage im Hinblick auf den einsetzenden Klimawandel. Wir spra­chen mit ihm.

 „PROVOkant“: Herr Professor Welzer, der Titel Ihres Buches klingt alar­mie­rend. Er lässt uns ahnen, dass die Lage schlimmer ist, als wir glauben wollen. Lassen die Tatsachen den Schluss zu, dass die westliche Zivilisation einen falschen Weg gegangen ist?

Prof. Welzer: Zumindest wird mehr als deutlich, dass unsere Lebensform ganz praktisch an ihre Grenze stößt.

Und warum?

Vor allem, weil sie auf permanentes Wachs­­tum gegründet ist. Spätestens an dem Punkt, wo sie sich zu globalisieren beginnt, wird sie überlebensunfähig. Eine solche Lebensform braucht immer ein „Außen“, das ausgebeutet werden kann. Und wenn es dieses „Außen“ nicht mehr gibt, weil unser Erdball eben endlich ist, dann funktioniert das Ganze nicht mehr.

Wirtschaft und Politik schwö­ren aber auf Wachstum. Wollen Sie diese heilige Kuh schlachten?

Das haben schon viele andere vor mir ge­tan.

Allerdings ohne Konsequenzen.

Leider. Man muss zwar einräumen, dass unsere westliche, durch und durch wachs­tumsorientierte Lebensform von einer ge­radezu atemberaubenden Erfolgs­ge­schich­te gekennzeichnet ist. Offensichtlich aber um den Preis, dass das Ganze nicht lange geht. Was sind in der Geschichte schon 200 oder auch 250 Jahre! Historisch gesehen sind wir ziemlich schnell an un­se­re Grenzen gestoßen.

(...)

Es scheint,   dass das sowohl Natur als auch Menschen ausbeutende Wachs­tum ein inhärentes „Stoff­wech­sel­prin­zip“ kapitalistischen Wirtschaftens ist. Von allen Ideologien einmal abgese­hen: Müsste nicht jede Ret­­tungs­stra­tegie an die­ses Prinzip und damit die Identität des Systems rühren? 

Das wird sich nicht vermeiden lassen. Ist doch die Identität der westlichen Gesell­schaften längst nicht mehr in dem Bestreben zu finden, Sinnbedürfnisse zu befriedigen. Konsum allein ist nicht sinnstiftend. 

Wobei ein zunehmend größerer Teil der Gesellschaft noch nicht einmal et­was von den Früchten dieser Kon­sum­tions­ex­plo­sion abbekommt.

Mehr noch. Das System produziert in­zwi­schen erhebliche Verluste. Nicht nur „au­ßen“, sondern auch „innen“. Als da sind: Zivilisationskrankheiten wie Herz-Kreis­lauf- oder Krebserkrankungen, Fett­lei­big­keit usw., überhöhter Medienkonsum, Be­wegungsarmut und was auch immer. Es drängt sich zunehmend die Frage auf, ob man eigentlich so leben will. Ob wir den Preis dafür wirklich zahlen wollen. Oder ob wir es schaffen, von einem öko­no­mi­schen zu einem mentalen Wachstum zu wechseln!

Was verstehen Sie darunter?

Dass man endlich anfängt, darüber nach­zudenken, welche Dinge man wirklich braucht. Dass man sich Gedanken macht, wie wir die Gesellschaft vernünftiger einrichten, vielleicht neue Möglichkeiten der Demokratisierung schaffen, der Bür­ger­beteiligung, der Teilhabe über­haupt.

Manch einer wird sagen, wir kämen vom Thema ab.

Ja, scheinbar hat das alles mit der Kli­ma­problematik nichts zu tun. Aber nur schein­bar! Denn Naturkatastrophen als solche gibt es ja gar nicht. Katastrophal ist immer nur das, was die Menschen trifft, worin sie involviert sind, als Opfer wie als Verursacher. Beides hängt wesentlich von den jeweiligen gesellschaftlichen Verhält­nis­sen ab. Insofern sind es immer soziale und kulturelle Katastrophen. Und als solche muss man sie eben auch angehen.

Verantwortlich Denkende, darunter nicht wenige Wis­sen­schaftler haben nicht erst seit gestern davor gewarnt, dass wir bei einem „Weiter-wie-bis­her“ unsere Lebensgrundlagen zer­stören. Warum mussten sie bisher „Ru­fer in der Wüste“ bleiben?

Weil die Menschen in der Regel ihren eigenen Interessen folgen bzw. dem, was sie für ihre Interessen halten. (...) Der Phi­­losoph Hans Jonas hat einmal sinngemäß gesagt: Die Einsichtsfähigkeit der Men­schen wächst, aber die Fähigkeit, daraus die richtigen Schlussfolgerungen zu zie­hen, nicht!

(...)

Die meisten Probleme, die man mit un­seren bisherigen Bewältigungsstrategien angehen konnte, die hörten ja irgendwann auf. Die Umweltzerstörung, die sich nun gegen uns selbst zu wenden scheint, aber nicht! Das ist ein ganz neuer Sachverhalt. Die Frage ist, an welchen Stellen und wie wir so etwas wie eine neue kollektive Vernunft heraus­bil­den.

Es sieht nicht so aus, als stehe diese Frage bereits im Zentrum unserer öffentlichen Diskussion.

Nein, überhaupt nicht. Leider. Sie hängt noch vollkommen an der Peripherie, wenn überhaupt. Und schon gar nicht ist es etwa das zentrale Thema der po­li­ti­schen Klasse.

Obwohl sich die Auswirkungen der verfahrenen Entwicklung nicht erst am fernen Horizont zeigen?

Ja, vor allem weil diese Auswirkungen sehr ungleich verteilt sind. Schon innerhalb un­serer Länder, vor allem aber im Welt­maß­stab. Die Hungerkrise in der Dritten Welt zeigt das doch sehr makaber: dass wir es uns erlauben, das, was andere essen wol­len, in unsere Tanks zu füllen! Die Zapf­säule symbolisiert plötzlich, was wir An­deren an Le­bensgrundlagen wegneh­men.

(...)

Wenn, wie in diesem Fall, eine tech­ni­sche Lösung durch ihre so­zi­ale Bre­chung kontraproduktiv, ja verbre­che­risch wird, bedeutet das sicherlich nicht, dass wir keine tech­ni­schen Konzepte bräuchten, um der Kli­ma­ka­ta­s­trophe zu begegnen.

Keine Frage! Nur muss man mit Ar­gus­augen darüber wachen, dass dabei nicht der gleiche Weg eingeschlagen wird, der uns in die Kalamität geführt hat.

Zählt dazu auch die aufs Neue fa­vo­ri­sier­te Kernenergie? Der Ausstieg aus dem Ausstieg?

Das ist ein Riesenproblem. Die Motive der Betreiber, die längst ab­ge­schrie­benen Kernkraftwerke weiterlaufen zu lassen, sind natürlich ganz andere als die Rettung der Umwelt. Man kann damit günstig Ener­gie erzeugen, die teuer ver­kauft wird. Das Dilemma besteht aber da­r­in, dass durch einen geradezu ge­züch­te­ten Ener­giehunger und das beständige Set­zen auf dessen gnadenlose technische Be­frie­digung Sachzwänge ge­schaf­fen worden sind, aus denen wir nur schlecht her­aus­kommen. Davor bin auch  ich als ein ehemaliger aktiver Atomkraft­geg­ner nicht gefeit. Selbst wenn die damit verbundenen Ri­siken kaum verantwortbar sind.

Könnten wir sie vermeiden, wenn jeder von uns wirklich ener­gieeffizient und um­welt­be­wusst han­­delte? - Das Aus fürs Stand-by, Ener­giespar­lampen statt Glühbirnen, wieder mehr aufs Rad usw. Sie geben solchen Lösungen, die vom Einzelnen abhängen, in Ihrem Buch offenbar schlechte Noten.

Nein, ich gebe ihnen durchaus keine schlech­ten Noten. Man sollte das alles durch­aus tun. Es gehört zu der notwen­di­gen Veränderung der Wirk­lich­keit. Aber es ist ein verhängnisvoller Trug­schluss zu glauben, man könne allein da­mit die Welt retten. Das wäre reine Illusion! Deshalb bin ich grundsätzlich gegen eine Indi­vi­dualisierung des Problems. Selbst wenn wir uns hier alle ökologisch korrekt verhiel­ten, wür­de die Wirkung unseres Tuns allein durch das Kohle­kraftwerk an­nulliert, das nächste Wo­che in China sei­nen Betrieb aufnimmt. Und dort macht man jede Woche solche Sachen. Effektive Schritte sind erst ab national­staat­licher Ebene aufwärts zu erwarten.

(...)

Ist unser demokratisches Instrumen­tarium ausreichend, die notwendigen Änderun­gen herbeizuführen?

Im Prinzip ja. Im Gegensatz zu dik­ta­to­ri­schen, also geschlossenen Syste­men, die die Fehler, die sie machen, kaum oder gar nicht korrigieren können, verfügen demo­kra­tische Gesellschaften generell über ein solches Instrumentarium der Korrektur. Doch man darf nicht vergessen: Demo­kra­tien sind nicht stabil. Sie sind ge­fähr­det, sobald es den Leuten anfängt, schlecht zu gehen.

(...)

Bieten die Sozialwissenschaften Stra­tegien für derartige denkbare „Un­fälle“?

Bislang noch nicht. Sie haben noch keine Theorie für beschleunigte gesellschaftliche Veränderungen vorgelegt. (...)

Halten Sie deshalb in Ihrem Buch einen glimpflichen Ausgang der vor uns stehenden Kon­flikte für wenig wahrscheinlich? Sind Sie in dieser Sache per­sönlich pessimistisch?

Das mag so scheinen und ist auch ge­wollt, um aufzurütteln. Wenn ich wirklich keine Chance mehr sähe, dann hätte ich wahr­schein­lich mein Buch nicht ge­schrie­ben.

Was wäre also zu tun?

Man hört oft, die Probleme seien so prekär, dass dringend gehandelt werden müs­se. Ich meine: Sie sind so neuartig, dass wir dringend darüber nachdenken müssen.

Herr Professor Welzer, danke für dieses Gespräch! 


Biographisches

Prof. Dr. Harald Welzer, Jahrgang 1958,  Direktor des Center for Inter­dis­ci­pli­na­ry Me­mory Research am Kultur­wis­sen­schaft­lichen Institut Essen, ist For­schungs­pro­fessor für Sozial­psy­chologie an der Uni­versität Witten/Her­de­cke. Neben seinem neu­esten Buch „Kli­ma­kriege“  erschienen von ihm in den Fi­scher Verlagen „Opa war kein Nazi. Nationalsozialismus und Ho­­locaust im Familiengedächtnis“ (mit S. Moller und K. Tschuggnall), ferner „Täter. Wie aus ganz normalen Menschen Mas­sen­­mör­der werden“ sowie (als Her­aus­geber) „Der Krieg der Erinnerung. Ho­lo­caust, Kolla­bo­ration und Widerstand im europäischen Gedächtnis“ .

 

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