Neue Ausgabe Oktober/November/Dezember 2009

Die neue Ausgabe ist seit 29. Oktober 2009 im Bahnhofsbuchhandel und über Internetbestellung erhältlich.

Mit Beihefter "Krebs als Chance"

Alternativen

Nachgefragt in Luthers Stadt

03.07.2008


Der Wittenberger Gesundheitsfond will mehr als eine Krankenversicherung sein.

Es ist immer erfrischend, wenn Kritiker tadelnswerter Zustände diese nicht nur b­ean­standen. Wenn sie aus scheinbar unüberwindlichen Zwängen ausbrechen und dem bis­her Gewohnten machbar Besseres entgegensetzen. Dazu bedarf es, weiß Gott, nicht unbedingt des Mutes eines Robin Hood, der um der Gerechtigkeit willen die Gesetze der Ungerechten brach. Einen von so manchen Beweisen dafür, dass man im Rahmen bestehender Ordnung, ge­setzestreu, sich ein ganzes Terrain neuer Pfade schaffen kann, liefert der Verein „Ganzheitliche Wege e. V.“ in der traditionsträchtigen Stadt Luthers. Unter der Überschrift „Ausbruch aus einer Bevormundung“ stellten wir in Heft 3 /07 die ersten Erfahrungen vor, die man dort, in Wittenberg, mit einer alternativen Ge­sundheitsversicherung macht. Ein Projekt, das gedeiht und wert ist, weiterhin beachtet zu werden. Wir fragten deshalb nach bei Peter Fitzek, dem vor Ideen sprühenden Vor­sitzenden dieses Vereins.

„PROVOkant“: Als wir Sie im vergangenen Jahr über Idee und Praxis Ihres Ge­sund­heits­fond befragten, verrieten Sie uns, dass die Bemühungen Ihrer Vereinsmitglieder um eine gesunde Lebensweise nicht nur zu niedrigen Beiträgen und nicht unbeachtlichen Rück­lagen führen. Sie beabsichtigten auch, das ge­­spar­te Geld in ungewöhnliche Projekte zu in­ve­s­tieren. Wie steht es um die Realisierung?

Peter Fitzek: Gut. Wir sind bemüht, in jedem Bereich des täglichen Lebens wirkliche Alter­nativen zum bestehenden kran­ken System zu schaf­fen. Das ist das Wesen unserer An­stren­gungen. Und sie haben offenbar auch Erfolg. Wir funk­tionieren dabei, wenn man so will, wie ein kleiner Staat. Unser Gesundheitsfonds ist davon nur ein klei­ner Teil.

Was sind das für alternative Projekte?

Dazu zählen u. a. eine eigene Imkerei, eine große Öko-Gärtnerei, ein Wohnungsbauprojekt, die Ini­ti­ierung und Förderung von Geschäfts­be­trieben, die Ziele des Vereins verwirklichen helfen und anderes mehr. Viele Dinge, die man zum Leben braucht oder die uns einfach Freude be­reiten, schaffen wir dabei selbst.

Alles gemeinnützige Unternehmungen inner­halb Ihres Vereins?

Im Wesentlichen ja, obwohl wir natürlich auch tätige Beziehungen „nach außerhalb“ pflegen. Wir leben schließ­lich nicht auf einer ein­samen Insel. Aber, wie Sie wissen, gibt unser Verein „Ganz­heit­liche Wege e. V.“ eine eigene Regional­wäh­rung, den ENGEL, heraus. Mit ihrer Hilfe ge­lingt es uns, immer mehr unserer Mitglieder in Arbeit zu brin­gen, und zwar innerhalb der Ver­eins-Projekte, und das heißt eben na­hezu völlig unabhängig von der je­weiligen Marktlage. Der ENGEL macht es mög­lich, dass jedem von uns seine Leistung gerecht ent­golten wird. Ein fairer Austausch. Jeder kann dieses „Geld“ wieder dazu benutzen, sich in un­se­ren Einrichtungen bei­spielsweise gesunde Nah­rungs­­mittel zu kaufen, Möbel oder auch Ge­schenke. In einem mit uns zusam­menarbeitenden Bau­­markt bekommt er so­gar Baustoffe. Ja, er kann sich gegen ENGEL die Haare schneiden lassen und auch seinen Beitrag zum Gesundheitsfonds be­gleichen, wenn er das will, Seminarkosten be­strei­­ten und - in naher Zukunft - auch seine Woh­nungs­miete bezahlen oder in ein Biorestaurant es­sen gehen.

Könnte diese Palette bald noch bunter aus­sehen?

Auf jeden Fall wird sie das. Denn wenn wir ganz­heitlich ein neues Miteinander schaffen wol­len, müs­sen wir möglichst jeden Bereich des Lebens re­formieren. So revolutionär und neu unser Ge­sund­heitsfond ist, so völlig andersartig sind auch die weiteren Projekte, die dieser Fond fördern hilft.

Was unterscheidet Ihre Projekte von ähn­lich ge­lagerten Unternehmungen im „normalen“ Alltag?

Eine ganze Menge. Nehmen wir als Beispiel ein­mal nur die bei uns möglichen Ausbildungen. Unsere „Azubis“ müssen nicht den üblichen konkreten Aus­­bil­dungs­vertrag abschließen. Denn der würde den Lernenden und damit auch uns auf aus­schließlich einen, d. h. den anfangs gewählten Be­ruf „fest­nageln“. Wie kann man sich aber auf eine Tätigkeit fürs halbe Leben festlegen, wenn man noch gar keine praktischen Erfahrungen ge­sam­melt hat und seine Neigungen nicht kennt? Auch eine Berufsschule fällt dadurch weg.

Haben dann die jungen Leute nicht Schwie­rigkeiten auf dem Arbeitsmarkt, wenn sie kei­nen staatlichen Lehrabschluss besitzen?

Eine Lehre mit staatlichem Abschluss bedeutet doch heute nicht, auch einen Job zu bekommen und erst recht nicht eine Arbeit, die man auch wirk­lich ausüben will. Nach einer Ausbildung bei uns sieht das völlig anders aus. Innerhalb unserer Vereinsprojekte wird jedem eine Arbeit garan­tiert. Und dabei findet ein jeder das, was per­sönliches Wachs­tum ermöglicht, Erfüllung im täglichen Wir­ken bringt und damit einfach glücklich machen kann.

Garantieren Sie da nicht ein bisschen viel?

Nein. Natürlich ist jeder seines Glückes Schmied. Aber damit sich diese alte Volksweisheit be­wahr­heiten kann, müssen die entsprechenden Be­din­gun­gen dafür vorhanden sein. Unsere „Lehrlinge“, ganz gleich welchen Alters, können zwischen den ver­schie­denen Aus­bildungsrichtungen, die wir be­reits anbieten, jederzeit wechseln. Sie können sich sogar mehrere gleichzeitig aneignen. Zudem haben sie die Möglichkeit, ihre Arbeitszeiten, ih­re freien Tage und die Urlaubszeiten selbst mit zu be­stim­men. Fragen Sie sie, ob sie je wieder etwas Anderes machen wollten. Ich glaube nicht.

Aber wird ihnen nicht zumindest das Wissen der Berufsschule irgendwann fehlen?

Sicherlich nicht. Denn wir bieten ihnen nicht nur das Wichtigste von dem, was in dem bestehenden Ausbildungssystem üblich ist, sondern viel wei­ter gehendes Wissen und Können, was nie an einer Berufsschule gelehrt würde.

Und das wäre?

Dazu gehören ganzheitliche Persön­lich­keits­ent­wick­lung, Ethik, Kenntnisse über Selbstheilung, Wissen und Fähigkeiten für eine Angst- und Kon­flikt­bewältigung, konfliktlose Kommunika­ti­on und andere Dinge, die man im Leben be­nötigt. Ziel der Ausbildung ist immer eine ausgeprägte Selbst­stän­digkeit der Lernenden, und zwar in­ner­halb einer Ko­operationsgemeinschaft, die Ge­bor­genheit gibt, ohne in irgendeiner Weise abhängig zu machen. Denn wie dann beispielsweise die letzt­endliche Berufswahl des Einzelnen aussieht, entscheidet der „Azubi“ selbst.

Gibt es genug Leute, die Sie bei all dem unter­stützen?

Es können nie genug sein. Ich schaue immer nach Helfern, nach Menschen, die eine mit Sinn erfüllte Arbeit oder Ausbildung su­chen. Wenn sich ge­nügend davon in einer Stadt finden, dann bilden wir sie aus und un­terstützen sie, damit sie auch dort ganzheitliche Projekte realisieren kön­nen. Es melden sich immer mehr Bürger bei mir, die nach unserem Vorbild etwas anpacken, etwas kon­struk­tiv verändern wollen. Allein im letzten Monat habe ich in drei Städten Projektgruppen gründen helfen. Sie alle wollen den Gesundheitsfond, die Re­gionalwährung, ein al­ternatives Ge­sund­heits­zen­trum, eine ökolo­gi­sche Gärtnerei oder auch ein Kin­dergarten- und Schulprojekt auf den Weg brin­gen. Es tut sich also etwas in unserem Land.

Um nochmals auf Ihren Gesundheitsfond zu­rückzukommen: Es war voriges Jahr noch nicht ausgemacht, ob Sie damit auch über­re­gional, vielleicht sogar deutschlandweit ar­bei­ten wollen.

Das tun wir mittlerweile schon. Es ist, denke ich, an der Zeit, das immer mehr in sich zu­sam­men­bre­chende Gesundheitswesen zu erneuern. Der Weg, den wir gehen, ist ein sanfter. Keiner ver­liert dabei etwas, alle werden gewinnen.

Auch die bislang etablierte Medizin?

Die Menschen, die für sie täglich fleißig arbeiten, ja! Sicher werden sich viele Dinge verändern, viele systembedingte Sachzwänge sich auf­lösen. Der Mensch und seine Heilung werden wieder in den Mittelpunkt rücken müssen. Die Art und Weise, in der wir das Versicherungsprinzip mit der Ver­mittlung von Wissen für eine gesunde Le­bens­führung verbinden, ist äußerst erfolgreich. Das sehe ich an den sinkenden Krankenständen nach den entsprechenden Seminaren. Deshalb heißt un­ser Projekt auch Gesundheitsfond und nicht etwa Krankenkasse.

Herr Fitzek, wir danken für das Gespräch!

Die wichtigsten Adressen der Wittenberger Initia­ti­ven:


www.der-gesundheitsfond.de

www.Engelgeld.de

www.Kooperationskasse.de

www.Lichtzentrum-Wittenberg.de

www.Neudeutschland.net

www.GanzheitlicheWege.net

 

 

 

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