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Alternativen
03.07.2008

Der Wittenberger Gesundheitsfond will mehr als eine Krankenversicherung sein.
Es ist immer erfrischend, wenn Kritiker tadelnswerter Zustände diese nicht nur beanstanden. Wenn sie aus scheinbar unüberwindlichen Zwängen ausbrechen und dem bisher Gewohnten machbar Besseres entgegensetzen. Dazu bedarf es, weiß Gott, nicht unbedingt des Mutes eines Robin Hood, der um der Gerechtigkeit willen die Gesetze der Ungerechten brach. Einen von so manchen Beweisen dafür, dass man im Rahmen bestehender Ordnung, gesetzestreu, sich ein ganzes Terrain neuer Pfade schaffen kann, liefert der Verein „Ganzheitliche Wege e. V.“ in der traditionsträchtigen Stadt Luthers. Unter der Überschrift „Ausbruch aus einer Bevormundung“ stellten wir in Heft 3 /07 die ersten Erfahrungen vor, die man dort, in Wittenberg, mit einer alternativen Gesundheitsversicherung macht. Ein Projekt, das gedeiht und wert ist, weiterhin beachtet zu werden. Wir fragten deshalb nach bei Peter Fitzek, dem vor Ideen sprühenden Vorsitzenden dieses Vereins.
„PROVOkant“: Als wir Sie im vergangenen Jahr über Idee und Praxis Ihres Gesundheitsfond befragten, verrieten Sie uns, dass die Bemühungen Ihrer Vereinsmitglieder um eine gesunde Lebensweise nicht nur zu niedrigen Beiträgen und nicht unbeachtlichen Rücklagen führen. Sie beabsichtigten auch, das gesparte Geld in ungewöhnliche Projekte zu investieren. Wie steht es um die Realisierung?
Peter Fitzek: Gut. Wir sind bemüht, in jedem Bereich des täglichen Lebens wirkliche Alternativen zum bestehenden kranken System zu schaffen. Das ist das Wesen unserer Anstrengungen. Und sie haben offenbar auch Erfolg. Wir funktionieren dabei, wenn man so will, wie ein kleiner Staat. Unser Gesundheitsfonds ist davon nur ein kleiner Teil.
Was sind das für alternative Projekte?
Dazu zählen u. a. eine eigene Imkerei, eine große Öko-Gärtnerei, ein Wohnungsbauprojekt, die Initiierung und Förderung von Geschäftsbetrieben, die Ziele des Vereins verwirklichen helfen und anderes mehr. Viele Dinge, die man zum Leben braucht oder die uns einfach Freude bereiten, schaffen wir dabei selbst.
Alles gemeinnützige Unternehmungen innerhalb Ihres Vereins?
Im Wesentlichen ja, obwohl wir natürlich auch tätige Beziehungen „nach außerhalb“ pflegen. Wir leben schließlich nicht auf einer einsamen Insel. Aber, wie Sie wissen, gibt unser Verein „Ganzheitliche Wege e. V.“ eine eigene Regionalwährung, den ENGEL, heraus. Mit ihrer Hilfe gelingt es uns, immer mehr unserer Mitglieder in Arbeit zu bringen, und zwar innerhalb der Vereins-Projekte, und das heißt eben nahezu völlig unabhängig von der jeweiligen Marktlage. Der ENGEL macht es möglich, dass jedem von uns seine Leistung gerecht entgolten wird. Ein fairer Austausch. Jeder kann dieses „Geld“ wieder dazu benutzen, sich in unseren Einrichtungen beispielsweise gesunde Nahrungsmittel zu kaufen, Möbel oder auch Geschenke. In einem mit uns zusammenarbeitenden Baumarkt bekommt er sogar Baustoffe. Ja, er kann sich gegen ENGEL die Haare schneiden lassen und auch seinen Beitrag zum Gesundheitsfonds begleichen, wenn er das will, Seminarkosten bestreiten und - in naher Zukunft - auch seine Wohnungsmiete bezahlen oder in ein Biorestaurant essen gehen.
Könnte diese Palette bald noch bunter aussehen?
Auf jeden Fall wird sie das. Denn wenn wir ganzheitlich ein neues Miteinander schaffen wollen, müssen wir möglichst jeden Bereich des Lebens reformieren. So revolutionär und neu unser Gesundheitsfond ist, so völlig andersartig sind auch die weiteren Projekte, die dieser Fond fördern hilft.
Was unterscheidet Ihre Projekte von ähnlich gelagerten Unternehmungen im „normalen“ Alltag?
Eine ganze Menge. Nehmen wir als Beispiel einmal nur die bei uns möglichen Ausbildungen. Unsere „Azubis“ müssen nicht den üblichen konkreten Ausbildungsvertrag abschließen. Denn der würde den Lernenden und damit auch uns auf ausschließlich einen, d. h. den anfangs gewählten Beruf „festnageln“. Wie kann man sich aber auf eine Tätigkeit fürs halbe Leben festlegen, wenn man noch gar keine praktischen Erfahrungen gesammelt hat und seine Neigungen nicht kennt? Auch eine Berufsschule fällt dadurch weg.
Haben dann die jungen Leute nicht Schwierigkeiten auf dem Arbeitsmarkt, wenn sie keinen staatlichen Lehrabschluss besitzen?
Eine Lehre mit staatlichem Abschluss bedeutet doch heute nicht, auch einen Job zu bekommen und erst recht nicht eine Arbeit, die man auch wirklich ausüben will. Nach einer Ausbildung bei uns sieht das völlig anders aus. Innerhalb unserer Vereinsprojekte wird jedem eine Arbeit garantiert. Und dabei findet ein jeder das, was persönliches Wachstum ermöglicht, Erfüllung im täglichen Wirken bringt und damit einfach glücklich machen kann.
Garantieren Sie da nicht ein bisschen viel?
Nein. Natürlich ist jeder seines Glückes Schmied. Aber damit sich diese alte Volksweisheit bewahrheiten kann, müssen die entsprechenden Bedingungen dafür vorhanden sein. Unsere „Lehrlinge“, ganz gleich welchen Alters, können zwischen den verschiedenen Ausbildungsrichtungen, die wir bereits anbieten, jederzeit wechseln. Sie können sich sogar mehrere gleichzeitig aneignen. Zudem haben sie die Möglichkeit, ihre Arbeitszeiten, ihre freien Tage und die Urlaubszeiten selbst mit zu bestimmen. Fragen Sie sie, ob sie je wieder etwas Anderes machen wollten. Ich glaube nicht.
Aber wird ihnen nicht zumindest das Wissen der Berufsschule irgendwann fehlen?
Sicherlich nicht. Denn wir bieten ihnen nicht nur das Wichtigste von dem, was in dem bestehenden Ausbildungssystem üblich ist, sondern viel weiter gehendes Wissen und Können, was nie an einer Berufsschule gelehrt würde.
Und das wäre?
Dazu gehören ganzheitliche Persönlichkeitsentwicklung, Ethik, Kenntnisse über Selbstheilung, Wissen und Fähigkeiten für eine Angst- und Konfliktbewältigung, konfliktlose Kommunikation und andere Dinge, die man im Leben benötigt. Ziel der Ausbildung ist immer eine ausgeprägte Selbstständigkeit der Lernenden, und zwar innerhalb einer Kooperationsgemeinschaft, die Geborgenheit gibt, ohne in irgendeiner Weise abhängig zu machen. Denn wie dann beispielsweise die letztendliche Berufswahl des Einzelnen aussieht, entscheidet der „Azubi“ selbst.
Gibt es genug Leute, die Sie bei all dem unterstützen?
Es können nie genug sein. Ich schaue immer nach Helfern, nach Menschen, die eine mit Sinn erfüllte Arbeit oder Ausbildung suchen. Wenn sich genügend davon in einer Stadt finden, dann bilden wir sie aus und unterstützen sie, damit sie auch dort ganzheitliche Projekte realisieren können. Es melden sich immer mehr Bürger bei mir, die nach unserem Vorbild etwas anpacken, etwas konstruktiv verändern wollen. Allein im letzten Monat habe ich in drei Städten Projektgruppen gründen helfen. Sie alle wollen den Gesundheitsfond, die Regionalwährung, ein alternatives Gesundheitszentrum, eine ökologische Gärtnerei oder auch ein Kindergarten- und Schulprojekt auf den Weg bringen. Es tut sich also etwas in unserem Land.
Um nochmals auf Ihren Gesundheitsfond zurückzukommen: Es war voriges Jahr noch nicht ausgemacht, ob Sie damit auch überregional, vielleicht sogar deutschlandweit arbeiten wollen.
Das tun wir mittlerweile schon. Es ist, denke ich, an der Zeit, das immer mehr in sich zusammenbrechende Gesundheitswesen zu erneuern. Der Weg, den wir gehen, ist ein sanfter. Keiner verliert dabei etwas, alle werden gewinnen.
Auch die bislang etablierte Medizin?
Die Menschen, die für sie täglich fleißig arbeiten, ja! Sicher werden sich viele Dinge verändern, viele systembedingte Sachzwänge sich auflösen. Der Mensch und seine Heilung werden wieder in den Mittelpunkt rücken müssen. Die Art und Weise, in der wir das Versicherungsprinzip mit der Vermittlung von Wissen für eine gesunde Lebensführung verbinden, ist äußerst erfolgreich. Das sehe ich an den sinkenden Krankenständen nach den entsprechenden Seminaren. Deshalb heißt unser Projekt auch Gesundheitsfond und nicht etwa Krankenkasse.
Herr Fitzek, wir danken für das Gespräch!
Die wichtigsten Adressen der Wittenberger Initiativen:
www.Lichtzentrum-Wittenberg.de