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Essen und Trinken
04.07.2008

...ist dies des andern Steak?
Warum man seinem Stoffwechseltyp gehorchen sollte.
Auf Anhieb vermag wohl niemand zu sagen, ob es in unseren Buchhandlungen und Bibliotheken mehr Krimis gibt oder mehr Abhandlungen über gesunde Ernährung. Es ist ein Graus: Die Fingerzeige in diesen Ratgebern weisen nahezu alle in eine andere Richtung. Warum scharen sie dennoch immer wieder treue Jünger hinter sich? Auf jeden Fall mangelt es an Dokumentation über die Enttäuschung derer, die sich ohne großes Aufsehen aus den Anhängerschaften wieder davonstahlen. Offenbar lassen sich auch (oder gerade!) auf diesem Gebiet nicht alle über einen Leisten schlagen. Zwei Wiener Ernährungsberaterinnen, Dr. Karin Stalzer und Christina Szalai, gehen seit längerem dieser Frage nach. Sie haben ein etwas anderes Buch darüber geschrieben. Wir sprachen mit ihnen.
„PROVOkant“: Frau Szalai, Frau Dr. Stalzer, „Otto Normalmensch“ findet sich im Angebot an Ernährungskonzepten kaum mehr zurecht. Warum haben Sie nun ein weiteres vorgelegt?
Christina Szalai: Ja, Konzepte für eine angeblich gesunde Ernährung gibt es zuhauf. In der Regel gehen sie jedoch davon aus, dass wir, was unseren Stoffwechsel betrifft, alle auf die gleiche Weise funktionieren. Dem ist aber nicht so. Wenn einer mit den entsprechenden Vorschriften gut zurechtkommt, dann hat er vermutlich den gleichen oder einen ähnlichen Stoffwechsel wie der betreffende Verfasser. Er wird zum Anhänger dieser Richtung, oft auch zum Vorzeigebeispiel. Doch mitunter haut es einen, der nicht damit klar kommt, richtig um.
Was nun machen Sie da anders?
Karin Stalzer: Salopp gesagt: Wir scheren nicht alle über einen Kamm. Wir gehen davon aus, dass es verschiedene Stoffwechseltypen gibt. Das berücksichtigen wir bei jedem Ratsuchenden. Eben deshalb heißt unser Buch „Was den Einen nährt, macht den Anderen krank“.
Neu ist aber die Berücksichtigung von Stoffwechseltypen nicht. Sie führen u. a. den Ernährungsforscher Wolcott an.
K. St.: Ja, sein mit Trish Fahey verfasstes Buch „Essen, was mein Körper braucht“ gehörte zu den Anregungen für unsere Überlegungen. Aber wir gehen einen guten Schritt weiter und beziehen, kurz gesagt, die energetische Komponente ein, die die Ernährungslehre der Traditionellen Chinesischen Medizin, der TCM, bietet.
Wie sind Sie auf die Idee gekommen?
Ch. Sz.: Ursprünglich studierten wir diese interessante Ernährungslehre und wandten sie bei uns selbst an. Wir fuhren auch recht gut damit, da wir für uns ungünstige Mahlzeiten wie rohes Gemüse und rohes Obst, viele Milchprodukte und Brot durch gekochte und somit leichter verdauliche Gerichte ersetzten. Wir fühlten uns wesentlich besser, hatten mehr Energie und weniger Blähungen. Vielen unserer Klienten ging es genauso, nur eben längst nicht allen. Später aber bekamen wir dann Gewichtsprobleme und fühlten uns durchaus nicht optimal versorgt. Ja, wir wurden „grantig“, wenn wir nicht alle 2-3 Stunden etwas zu essen bekamen und hatten trotz - wie wir glaubten - bester Ernährung oft das Gefühl, entschlacken zu müssen. Mit der Berücksichtigung unseres Stoffwechseltyps wurde das anders. Die von uns favorisierte Kombination hat sich bei uns wie bei unseren Klienten vollauf bewährt.
Was ist der Kern dieses Konzepts?
K. St.: Jeder Klient wird gemäß der TCM ausführlich befragt. Es entsteht ein Bild an körperlichen und seelischen Ungleichgewichten, die sich in erstaunlichem Maße tatsächlich durch Ernährung ausgleichen lassen. Zudem bestimmen wir den Stoffwechseltyp, der uns sagt, wie viel Eiweiß, Fett und Kohlenhydrate der Klient benötigt und welche Nahrungsmittel ihn zufrieden machen.
Ch. Sz.: Der eine braucht mageres helles Eiweiß, der andere rotes Muskelfleisch und Innereien. Wir schauen, wie viel Getreide welcher Sorte jemand verträgt usw. Aus diesem Gesamtbild resultieren die individuellen Empfehlungen. Dabei kommt es darauf an, die richtigen Zutaten im richtigen Mengenverhältnis zusammenzustellen und auch so zuzubereiten, dass sie der Betreffende „verstoffwechseln“ kann.
Heißt dies: Ade Gemütlichkeit, ade spontaner Genuss?
Ch. Sz.: Nein, die Regeln, die wir ableiten, sind nicht stressig. Die Klienten erfahren bei der Beratung, welche Fleisch-, Getreide-, Gemüse- und Obstsorten usw. ihnen gut tun, in welchen Mengenverhältnissen sie diese kombinieren sollten und welche Zubereitung günstig ist. Meistens passen die Empfehlungen sehr gut mit den persönlichen Vorlieben zusammen. Ihre Umsetzung erfordert, das gebe ich auch zu, anfänglich einen gewissen Mehraufwand.
K. St.: Diese Mühe aber wird mit einer erheblichen Portion Wohlbefinden belohnt. Dabei fällt es einem gar nicht auf, dass man auf manche Nascherei ganz freiwillig verzichtet, ohne sich zu kasteien.
Welche Stoffwechseltypen unterscheiden Sie?
Ch. Sz.: Insgesamt fünf. Je zwei mit quasi konträren Stoffwechselmustern sowie einen, den Ausgewogenen, bei dem beide Tendenzen gleich stark sind.
K. St.: Zur Erläuterung: Sympatikus und Parasympatikus, die Gegenspieler des Autonomen Nervensystems, die uns, vereinfacht gesagt, in Handlungsbereitschaft oder aber in Entspannung versetzen, sind ein wunderbares Regulationssystem. Bei manch einem von uns ist eine der beiden Komponenten zu stark ausgeprägt. Wir sind dann entweder ständig ein bisschen auf der Flucht bzw. in Angriffsposition und können deshalb nicht gut abschalten, oder aber wir haben „die Ruhe weg“. Beides kann auf Dauer unangenehm sein, ja, krank machen. Mit den passenden Nahrungsmitteln und Anteilen an Eiweiß, Fett und Kohlenhydraten kann man die Extreme aber recht gut ausgleichen.
Ch. Sz.: Auch die Verbrennung auf Zellebene ist unterschiedlich. Es gibt Menschen, die Kohlenhydrate sehr schnell verbrennen und andere, die wiederum Fett sehr rasch umwandeln. Der Eine hat nach dem Genuss kohlenhydratreicher Kost sehr bald wieder Hunger. Und wenn er dem regelmäßig nachgibt, sind Übergewicht und Diabetes vorprogrammiert, es sei denn, er verlangsamt diese Verbrennung mit ausreichend Eiweiß und Fett. Der Andere wandelt das aufgenommene Fett viel zu schnell um, bremst so die Verwertung der übrigen Nahrungsanteile und wird deshalb müde. In seinem Falle hilft dann wirklich eine fettarme Ernährung.
Wie finden Sie heraus, welchem Stoffwechseltyp jemand zuzurechnen ist?
Ch. Sz.: Derzeit kennen wir dafür zwei zuverlässige Methoden. Die eine arbeitet mit einem Fragebogen, den man von Experten auswerten lassen kann. Das ist allerdings recht zeitaufwendig. Die andere - und für die haben wir uns entschieden - bedient sich eines sehr sensiblen Messgerätes, das von Dr. Holzrichter entwickelt worden ist. Es liefert in Verbindung mit kinesiologischen Methoden das individuelle Ergebnis in kaum 10 Minuten. Wir haben damit gute Erfahrungen gemacht.
Auch bei Lebensmittelunverträglichkeiten, Allergien, Organerkrankungen und Umweltbelastungen?
Ch. Sz.: Solche Faktoren darf man in der Ernährungsberatung keinesfalls übersehen. Wir testen Getreidesorten und Milchprodukte auf Verträglichkeit und berücksichtigen mögliche Umweltbelastungen. Bei Erkrankungen wirkt sich die passende Ernährung unterstützend zu ärztlichen Behandlungen aus. Generell aber kann man sagen, dass eine typgerechte Ernährung in Kombination mit der chinesischen Ernährungslehre die Klienten widerstandsfähiger macht und lästige Symptome in der Regel mildert oder auch völlig zum Verschwinden bringt.
K. St.: Übrigens: Wir sind keine Dogmatiker. Wir glauben nicht, man könne alle Esser in ein paar Schubfächer stecken. Die Stoffwechselvorgänge im Organismus sind viel zu kompliziert, als dass man sie mit einer Handvoll Typen erfassen könnte. Die Individualität eines jeden bleibt immer entscheidend. Behutsames Ausprobieren hat sich bewährt. Die fünf Stoffwechseltypen, die wir beschreiben, sind wichtige Grundmuster, an denen man sich orientieren kann, ohne auf Anpassungen zu verzichten. Die „Feinabstimmung“ schaffen die meisten selbst am besten, wenn sie lernen, auf ihr Körpergefühl zu hören.
Macht Ihr Konzept andere Alternativen überflüssig wie etwa vegetarische oder Rohkost oder Trennkost?
K. St.: Im Prinzip schon. Viele solcher Ernährungsweisen haben gewiss ihre Berechtigung - für diesen oder jenen oder für bestimmte Gruppen von Menschen. Vor allem für eine begrenzte Zeit. Die Erfahrungen besagen jedoch, dass solche Diäten auf lange Sicht nur sehr wenigen nützen. Oft werden sie nur deshalb anfangs als wohltuend empfunden, weil man mit ihnen schlechtere Essgewohnheiten ablöste.
Welches Echo fand Ihr Angebot?
Ch. Sz.: Bereits nach fünf Monaten ist unser Buch in die 2. Auflage gegangen. Leser schrieben uns, dass sie erstmals verstehen, warum sie selbst eine andere Ernährung brauchen als ihre Ehehälfte oder ihre Kinder. Und warum ihnen oft nicht gut tut, was für jedermann als gesund gilt.
Frau Dr. Stalzer, Frau Szalai, vielen Dank für das Gespräch!
Biographisches
Dr. jur Karin Stalzer, Jahrgang 1959, war 13 Jahre als Juristin in der freien Wirtschaft tätig, bevor sie sich zur Ernährungsberaterin gemäß der Traditionellen Chinesischen Medizin ausbilden ließ. Sie praktiziert in diesem Beruf seit 2001.
www.stalzer.at
Christina Szalai, geboren 1962 in Berlin, absolvierte die gleiche Ausbildung zur Ernährungsberaterin und ist Vorstandsmitglied der „Gesellschaft für Ernährung nach den Fünf Elementen“ in Wien. Beide wohnen und arbeiten in der österreichischen Hauptstadt.
www.szalai.at /beratung