Neue Ausgabe Oktober/November/Dezember 2009

Die neue Ausgabe ist seit 29. Oktober 2009 im Bahnhofsbuchhandel und über Internetbestellung erhältlich.

Mit Beihefter "Krebs als Chance"

Essen und Trinken

Was des einen Müsli, ...

04.07.2008


...ist dies des andern Steak?
Warum man seinem Stoffwechseltyp gehorchen sollte.

Auf Anhieb vermag wohl niemand zu sagen, ob es in unseren Buch­handlungen und Bibliotheken mehr Krimis gibt oder mehr Abhandlungen über gesunde Ernährung. Es ist ein Graus: Die Fingerzeige in diesen Ratgebern weisen na­he­zu alle in eine an­dere Richtung. Warum scharen sie dennoch immer wieder treue Jünger hinter sich? Auf jeden Fall mangelt es an Doku­men­ta­tion über die Enttäuschung derer, die sich ohne großes Auf­se­hen aus den Anhänger­schaf­ten wieder davonstahlen. Offen­bar lassen sich auch (oder gerade!) auf diesem Gebiet nicht alle über einen Leisten schlagen. Zwei Wie­ner Ernährungs­be­ra­te­rin­nen, Dr. Karin Stalzer und Chris­ti­na Szalai, gehen seit län­gerem die­ser Frage nach­­. Sie haben ein etwas anderes Buch darüber ge­schrieben. Wir sprachen mit ihnen.

„PROVOkant“: Frau Szalai, Frau Dr. Stalzer, „Otto Normalmensch“ fin­­det sich im Angebot an Er­näh­rungs­kon­zepten kaum mehr zu­recht. Warum ha­ben Sie nun ein wei­te­res vorgelegt?

Christina Szalai: Ja, Konzepte für eine angeblich gesunde Ernährung gibt es zu­hauf. In der Regel gehen sie jedoch da­von aus, dass wir, was unseren Stoff­wechsel be­trifft, alle auf die gleiche Weise funktio­nie­­ren. Dem ist aber nicht so. Wenn einer mit den entsprechenden Vor­­­schriften gut zu­recht­kommt, dann hat er vermutlich den glei­chen oder einen ähn­­­lichen Stoff­wech­sel wie der be­tref­fen­de Ver­fasser. Er wird zum An­hänger dieser Richtung, oft auch zum Vor­zeigebeispiel. Doch mit­unter haut es einen, der nicht damit klar kommt,  richtig um.

Was nun machen Sie da anders?

Karin Stalzer: Salopp gesagt: Wir scheren nicht alle über einen Kamm. Wir ge­hen davon aus, dass es ver­schiedene Stoff­­wech­­sel­typen gibt. Das be­rück­sich­tigen wir bei jedem Rat­su­chenden. Eben des­halb heißt unser Buch „Was den Einen nährt, macht den Anderen krank“.

Neu ist aber die Berücksichti­gung von Stoffwechseltypen nicht. Sie füh­ren u. a. den Ernährungs­for­scher Wolcott an.

K. St.: Ja, sein mit Trish Fahey ver­fass­tes Buch „Es­sen, was mein Körper braucht“ ge­hörte zu den An­regungen für un­sere Über­­legungen. Aber wir gehen einen gu­ten Schritt wei­ter und beziehen, kurz ge­sagt, die ener­ge­tische Kom­po­nente ein, die die Er­näh­rungslehre der Tradi­tio­nel­len Chine­si­schen Medizin, der TCM, bietet.

Wie sind Sie auf die Idee gekommen?

Ch. Sz.: Ursprünglich studierten wir diese in­te­res­san­te Ernäh­rungs­lehre und wand­ten sie bei uns selbst an. Wir fuhren auch recht gut damit, da wir für uns un­günstige Mahl­zeiten wie rohes Gemüse und rohes Obst, vie­le Milchprodukte und Brot­ durch ge­­koch­te und somit leichter ver­dauliche Ge­­richte er­­setzten. Wir fühlten uns we­sent­­lich bes­ser, hatten mehr Energie und we­ni­ger Blä­hun­gen. Vielen unserer Klien­ten ging es genauso, nur eben längst nicht allen. Spä­ter aber bekamen wir dann Ge­wichts­pro­bleme und fühlten uns durchaus nicht op­timal versorgt. Ja, wir wurden „gran­tig“, wenn wir nicht alle 2-3 Stunden etwas zu essen bekamen und hatten trotz - wie wir glaubten - bester Ernährung oft das Ge­fühl, entschlacken zu müssen. Mit der Be­rücksichtigung unseres Stoff­wech­seltyps wur­de das anders. Die von uns fa­vorisierte Kombination hat sich bei uns wie bei unseren Klienten voll­auf be­währt.

Was ist der Kern dieses Konzepts?

K. St.: Jeder Klient wird gemäß der TCM aus­führlich befragt. Es entsteht ein Bild an kör­perlichen und seelischen Un­gleich­ge­wichten, die sich in erstaunlichem Maße tat­sächlich durch Er­nährung ausgleichen lassen. Zudem bestimmen wir den Stoff­wechseltyp, der uns sagt, wie viel Eiweiß, Fett und Kohlenhydrate der Klient be­nö­tigt und welche Nahrungsmittel ihn zu­frieden machen.

Ch. Sz.: Der eine braucht ma­ge­res helles Eiweiß, der andere rotes Muskelfleisch und Innereien. Wir schauen, wie viel Ge­treide welcher Sorte jemand ver­­trägt usw. Aus diesem Gesamtbild re­sul­tieren die in­di­viduellen Empfeh­lun­gen. Dabei kommt es darauf an, die richtigen Zutaten im rich­tigen Men­gen­ver­hältnis zusam­men­zu­stel­len und auch so zuzu­be­reiten, dass sie der Betreffende „ver­stoff­wechseln“ kann.

Heißt dies: Ade Gemüt­lich­keit, ade spon­taner Genuss?

Ch. Sz.: Nein, die Regeln, die wir ableiten, sind nicht stressig. Die Klienten er­­fah­ren bei der Beratung, welche Fleisch-, Ge­trei­de-, Gemüse- und  Obstsorten usw. ihnen gut tun, in welchen Men­gen­ver­hält­nissen sie diese kombinieren soll­ten und wel­che Zu­bereitung gün­­stig ist. Meistens passen die Emp­feh­lungen sehr gut mit den per­sönlichen Vor­lieben zusammen. Ihre Um­setzung er­fordert, das gebe ich auch zu, an­­fänglich einen gewissen Mehr­auf­wand.

K. St.: Diese Mühe aber wird mit einer er­heb­lichen Portion Wohlbefinden belohnt. Dabei fällt es einem gar nicht auf, dass man auf manche Na­sche­rei ganz freiwillig ver­zich­tet, ohne sich zu kasteien.

Welche Stoffwechseltypen unterschei­den Sie?

Ch. Sz.: Insgesamt fünf. Je zwei mit quasi kon­trären Stoffwech­sel­mustern so­wie ei­nen, den Ausgewogenen, bei dem bei­de Ten­­denzen gleich stark sind.

K. St.: Zur Erläuterung: Sympatikus und Parasympatikus, die Ge­genspieler des Au­to­nomen Ner­­ven­systems, die uns, ver­ein­facht ge­sagt, in Handlungsbereit­schaft oder aber in Ent­­spannung ver­set­zen, sind ein wun­der­bares Re­gu­la­tions­sy­stem. Bei man­ch einem von uns ist eine der beiden Kom­po­nenten zu stark aus­geprägt. Wir sind dann ent­weder ständig ein bisschen auf der Flucht bzw. in Angriffsposition und können des­halb nicht gut ab­schalten, oder aber wir haben „die Ruhe weg“. Bei­des kann auf Dau­er unangenehm sein, ja, krank ma­chen. Mit den pas­senden Nah­rungsmitteln und An­teilen an Eiweiß, Fett und Kohlen­hydraten kann man die Ex­treme aber recht gut ausgleichen.

Ch. Sz.: Auch die Verbrennung auf  Zell­ebene ist un­ter­schiedlich. Es gibt Men­schen, die Kohlen­hydrate sehr schnell ver­brennen und an­dere, die wiederum Fett sehr rasch um­wandeln. Der Eine hat nach dem Genuss koh­len­hy­drat­rei­cher Kost sehr bald wie­der Hun­ger. Und wenn er dem re­gelmäßig nachgibt, sind Über­ge­wicht und Diabetes vorprogram­miert, es sei denn, er verlangsamt diese Ver­bren­nung mit aus­reichend Eiweiß und Fett. Der Andere wandelt das aufgenommene Fett viel zu schnell um, bremst so die Ver­wertung der übrigen Nah­­rungs­an­teile und wird deshalb müde. In seinem Falle hilft dann wirk­lich eine fett­arme Ernährung.

Wie finden Sie heraus, welchem Stoff­wechseltyp jemand zuzurechnen ist?

Ch. Sz.: Derzeit kennen wir dafür zwei zu­ver­läs­sige Methoden. Die eine ar­beitet mit ei­nem Fragebogen, den man von Ex­perten auswerten lassen kann. Das ist al­ler­dings recht zeit­aufwendig. Die andere - und für die haben wir uns entschieden - be­dient sich eines sehr sensiblen Mess­ge­rätes, das von Dr. Holz­richter ent­wickelt wor­den ist. Es liefert in Ver­bin­dung mit kinesio­lo­gi­schen Metho­den das in­di­vi­du­elle Ergebnis in kaum 10 Minuten. Wir haben damit  gu­te Er­fah­run­gen gemacht.

Auch bei Lebensmittel­unver­träg­lich­­kei­ten, Allergien, Organ­er­­kran­kun­gen und Umweltbelastun­gen?

Ch. Sz.: Solche Fakto­ren darf man in der Er­nährungsberatung keinesfalls überse­hen. Wir te­sten Getrei­de­sor­ten und Milch­produkte auf Ver­­träg­lichkeit und be­rück­sichtigen mögliche Umwelt­be­las­tun­­gen. Bei Erkrankungen wirkt sich die passende Ernährung unterstützend zu ärztlichen Behandlungen aus. Gene­rell aber kann man sagen, dass eine typ­ge­rechte Er­nä­h­rung in Kom­bi­na­tion mit der chi­ne­si­schen Er­näh­rungslehre die Klien­ten wi­der­stands­­fä­hi­ger macht und lä­s­tige Symp­to­me in der Regel mildert oder auch völlig zum Ver­schwin­den bringt.

K. St.: Übrigens: Wir sind keine Dog­­ma­tiker. Wir glau­ben nicht, man könne alle Esser in ein paar Schubfächer ste­cken. Die Stoff­wech­­sel­vor­gänge im Or­ganis­mus sind viel zu kompli­ziert, als dass man sie mit einer Hand­voll Typen er­fas­sen könn­te. Die In­dividualität eines jeden bleibt immer ent­scheidend. Be­hut­sames Aus­pro­bie­ren hat sich be­währt. Die fünf Stoff­­wech­sel­typen, die wir be­schreiben, sind wichtige Grundmuster, an denen man sich ori­en­tieren kann, ohne auf An­passungen zu ver­zichten. Die „Fein­ab­stim­mung“ schaf­­­­­fen die mei­­sten selbst am besten, wenn sie lernen, auf ihr Kör­pergefühl zu hören.

Macht Ihr Konzept andere Al­ter­nati­ven überflüssig wie etwa vegetari­sche oder Roh­kost oder Trenn­kost?

K. St.: Im Prinzip schon. Viele solcher Er­nährungsweisen haben gewiss ihre Be­rech­ti­gung - für diesen oder jenen oder für be­stimm­te Gruppen von Menschen. Vor al­lem für eine begrenzte Zeit. Die Er­fah­run­gen be­sagen jedoch, dass sol­che Diä­ten auf lange Sicht nur sehr we­ni­gen nützen. Oft wer­den sie nur des­halb an­fangs als wohl­tuend empfun­den, weil man mit ih­nen schlech­tere Ess­ge­wohn­heiten ablöste.

Welches Echo fand Ihr Angebot?

Ch. Sz.: Bereits nach fünf Mo­na­ten ist unser Buch in die 2. Auflage gegangen. Leser schrieben uns, dass sie erst­mals ver­stehen, warum sie selbst eine an­dere Er­näh­rung brauchen als ihre Ehehälfte oder ihre Kinder. Und warum ihnen oft nicht gut tut, was für je­dermann als gesund gilt.

Frau Dr. Stalzer, Frau Szalai, vielen Dank für das Gespräch!


Biographisches

 

Dr. jur Karin Stalzer, Jahrgang 1959, war 13 Jahre als Juristin in der freien Wirt­schaft tätig, bevor sie sich zur Ernäh­rungs­beraterin gemäß der Traditionellen Chinesischen Medizin ausbilden ließ. Sie praktiziert in diesem Beruf seit 2001.

www.stalzer.at

 
Christina Szalai, geboren 1962 in Berlin, absolvierte die gleiche Ausbildung zur Er­nährungsberaterin und ist Vor­stands­mit­glied der „Gesellschaft für Ernährung nach den Fünf Elementen“ in Wien. Beide wohnen und arbeiten in der öster­rei­chi­schen Hauptstadt.

www.szalai.at /beratung

 

 

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