Neue Ausgabe Oktober/November/Dezember 2009

Die neue Ausgabe ist seit 29. Oktober 2009 im Bahnhofsbuchhandel und über Internetbestellung erhältlich.

Mit Beihefter "Krebs als Chance"

Politisches

Wenn alle Messen gesungen sind

03.07.2008


Weshalb man die Völker vor Europas politische Tür setzte
Demokraten-Allianz und Öffentlichkeit bleiben Chance für den Kontinent

Damit keine Missverständnisse entstehen: Wir sind keine Don Quichottes. Wir kämpfen nicht gegen Windmühlen. Die europäische Integration ist, wie die Globalisierung auf dem Planeten, ein objektiver Entwicklungsprozess der Pro­duk­tionsweise. Von einem Zurück zu den nationalen Maßstäben mag mancher nostalgisch träumen. Mit Realität und Realitätssinn hat das jedoch nichts zu tun. Indes scheint es notwendiger denn je, sich klar zu werden über den politischen und sozialen Charakter dieses historischen Vorgangs. Es ist zu erhellen, wer seine Gewinner und wer seine Verlierer sind. Und es ist zu fragen,  ob und wie sich entstandene Missverhältnisse korrigieren lassen. Die Rechtswissenschaftler Regina Viotto und Andreas Fisahn von der Universität Bielefeld haben unter diesen Aspekten ein Buch herausgegeben, in dem sich elf kritische Autoren aus sieben europäischen Ländern mit dem „Quo vadis?“ unseres Kontinents befassen. Wir sprachen mit einem der Herausgeber, Prof. Andreas Fisahn.

"PROVOkant": Herr Prof. Fisahn, Sie haben Ihr Buch „Europa am Schei­deweg“ genannt. Sind aber nicht, wie man zu sagen pflegt, „schon alle Mes­sen gesungen“?

Prof. Fisahn: Wenn man dies auf den ak­tuel­len Entscheidungsprozess in Sa­chen EU-„Re­form­vertrag“ bezieht, ist das so. Leider. Die potenziellen Hürden Frank­reich und Niederlande sind ja bereits „ele­gant“ genommen. Ihre Völ­ker, diese - pardon - „un­sicheren Kan­to­nis­ten“, die den frü­he­ren, noch nicht um­frisierten Ver­­fas­sungs­entwurf zu Fall gebracht hat­ten, sind ja diesmal gar nicht mehr gefragt worden.

Theoretisch könnten aber noch die Iren mit einem Nein im Referendum die Sache platzen lassen.

Sie haben es richtig formuliert: theo­re­tisch! In der Praxis wäre ein mög­li­cher­weise ablehnendes Votum nur von ge­rin­ger Bedeutung. Es würde dann eben noch einmal abgestimmt. Das hat es doch im Falle Dänemarks und Irlands anlässlich früherer EU-Vertrags­än­de­run­gen bereits ge­ge­ben.

(...)

Wieso reagiert das politische Es­tab­lish­ment in den meisten EU-Staaten so al­ler­gisch, wenn es um die Mög­lichkeit eines Plebiszits geht?

Es hat offenbar Angst vor der eigenen Bevölkerung. Die könnte ihm näm­­lich ihre schönen Pläne um die Oh­ren hauen, und das zu Recht! Die Ergebnisse der Volks­abstimmungen von 2005 in den Niederlanden und in Frankreich wollten die Regierungen zu einer Denkpause nutzen. Viel heraus gekommen ist dabei nicht. Der Verfassungsentwurf blieb in der Substanz gleich. Damit man aber nicht Gefahr lief, mit seiner markt­ra­di­kalen Substanz wieder Schiffbruch zu er­leiden, sollten Volksabstimmungen ver­mie­den werden.

Hätte nicht, wenn man nach de­mo­kra­tischen Prinzipien ginge, sogar EU-weit die Wahl einer verfas­sungs­gebenden Versammlung ange­stan­den?

Dies oder eben generell Volks­ab­stim­mun­gen in den einzelnen Ländern. Bei­des wird es aber nicht geben.

Wozu ist denn die viel beschworene Denkpause nun genutzt wor­den?

Leider nicht zu der notwendigen öf­fent­lichen Diskussion. Anstatt die ernst­haf­ten Sorgen der Verfassungskritiker zum Aus­­gangspunkt einer echten Über­ar­bei­tung die­ses Gesetzeswerks zu ma­chen, hat man sich lediglich in kosmetischen Korrek­tu­ren geübt.

Keine Hymne mehr und keine Flagge und flugs ein anderes Wort: statt Ver­fassung nun Reformvertrag?

Es ist schon mehr ein Witz, wenn ein ge­­stan­dener Politiker wie der nieder­län­di­sche Pre­mier Balkenende ernsthaft die Un­­­nö­tigkeit einer erneuten Volks­ab­stim­mung in seinem Land mit solchen peri­pheren Änderungen be­grün­dete. Seine Lands­leute haben mit Sicherheit nicht gegen die Verfassung gestimmt, weil sie keine ge­meinsame Flagge und Hymne haben wollten.

(...)

In­zwi­schen hat aber die eu­ropäische In­tegration einen sol­chen Ent­wick­lungs­stand erreicht, der eine echte Ver­fassung unbedingt auf die Ta­ges­ordnung setzt. Ein neuer Schritt stand durchaus an! Der Vorschlag, eine Ver­fassung für die Euro­päische Union zu schaffen, ent­sprach gleichsam der realen Be­deutung der Europäischen Verträge.

Kann man die Richtung, in der dieser Schritt gegangen werden müsste, mit der Forderung Ihres französischen Mit­­autors Pierre Khalfa umreißen: vom Europa der Staaten zu einem Europa der Bürger?

Die­ser Anspruch ist offenbar der Kern der Problematik. Immer mehr nationale Kompetenzen werden bewusst und ge­wiss auch zwangsläufig an die supra­na­ti­o­nalen In­stanzen der EU übertragen. Aber wäh­rend in den Nationalstaaten all­gemein verbindliche Entscheidungen das Er­gebnis eines demokratischen Ver­fah­rens sind und das Parlament das wich­tig­ste Gesetzgebungsorgan ist, bleibt die Uni­on auch nach den Lissabonner Re­form­verträgen im Hinblick auf die Demokratie weit hinter den euro­pä­ischen Mitgliedsstaaten zurück. Die De­mo­kratie der EU entspricht etwa der­jenigen des Deutschen Reiches von 1871 - die Exekutive ist übermächtig.

(...)

Ein Staatsgebilde vom Demo­kra­tie-Niveau der EU würde mit jedem An­trag auf Mit­glied­schaft in der Eu­ro­pä­i­schen Union schei­tern.

(...)

Es verwun­dert, dass sich un­­se­re Be­völ­kerung nicht vehe­men­ter für die­se Mechanismen inter­es­siert.

Hier gibt es ein erhebliches Defizit an Öf­­fentlichkeit, und daran sind die Me­dien nicht ganz unschuldig. Bisher ist die Ver­fas­sungsfrage im Wesentlichen eine An­­ge­le­gen­heit der europäischen Oligar­chien.

Und wem nützt das?

Selbstredend den Oligarchien. Die Wirt­schaft hat sich doch in weiten Teilen des Kontinents de facto schon lange die vol­le Ka­pitalsverkehrsfreiheit ver­schafft. Die grundlegenden europäischen Ver­trä­ge haben uns zudem auf eine markt­ra­dikale Ordnung festgeschrieben. Unser Grundgesetz hingegen ist mit Blick auf die Wirtschaftsverfassung neutral, d. h. es ist innerhalb unserer Verfassung zu­lässig, die Systemfrage zu stellen. Bei­spiels­weise eine solidarische Ökonomie ein­zufordern. In Europa ist das un­möglich. Die Gemeinschaft wird auf ei­ne offene Marktwirtschaft mit freier Kon­kurrenz eingeschworen.

(...)

Was gehörte denn vor allem in eine Europäische Verfassung hinein?

Neben der realen Chance, dass der Ein­zelne im Rahmen der Verfassung seinen in­dividuellen Le­bens­entwurf ver­wirk­li­chen kann, müsste diese un­bedingt ab­si­chern,  dass im Hinblick auf die konkrete Politik die jeweilige Minderheit gewaltlos zur politischen Mehr­heit werden und dann die eigenen politischen Konzepte um­setzen kann. Man könnte das auch als Zu­kunftsoffenheit einer Ver­fas­sung be­zeich­nen. Wenn die Verträge aber z. B. auf eine marktradikale Ordnung ver­pflich­ten, dann hätten neue Mehrheiten, die nicht alles über den Markt lösen wol­len, Schwierigkeiten, ihre politischen Vor­­stellungen durchzusetzen. Für sie bliebe dann nur der offene oder sub­ver­sive Austritt aus der EU.

Müssen wir den Vertrag nun also erst einmal hinnehmen, da, wie schon bedauert, die "Messen bereits ge­sun­gen" sind?

Rein rechtlich ja! Es ist zwar bereits  Ver­fassungsklage eingereicht worden, aber es ist schwer zu kalkulieren, ob solche Vorstöße erfolgreich sein werden. Wenn nicht, dann befürchte ich, dass es in den näch­sten 15 Jahren keine rele­van­ten Ver­bes­se­rungen geben wird. Auf längere Sicht aber hat noch nie in der Geschichte et­was ewig gehalten. Und die heutigen Zeit­­läufte sind  bekanntlich schnell ge­worden.

Was sollten die Kritiker der Ver­fas­sung und die durch sie Be­nach­tei­ligten also tun?

Wichtig wäre es, in den nationalen Öf­fent­lichkeiten die Inhalte der Kritik be­wusst zu machen und wach zu halten. Und in diesem Sinne können wir eine ech­te europäische Öf­fentlichkeit be­för­dern und europaweite demokratische Al­lian­zen ausbauen. Erst wenn die Eu­ro­pä­i­sierung der sozialen Kräf­te nach­geholt ist und jenes Niveau erreicht hat, auf dem sich das Kapital schon geraume Zeit be­wegt, dann gibt es auch eine Chance, Europa de­mokratisch neu zu er­finden.

Professor Fisahn, danke für das Gespräch!

Biographisches

Dr. Andreas Fisahn, Jahrgang 1960, ist Professor für Öf­fentliches Recht, Um­welt- und Technikrecht und Rechts­theo­rie an der Universität Bielefeld. Einen Schwer­punkt seiner Forschungsarbeit bil­­den Fragen der Demokratie-Ent­wick­lung. Zurzeit befasst sich Prof. Fisahn zudem mit der rechtlichen Prüfung von Marktzulassungsregelungen für gentech­nisch veränderte Organismen. Er ist Mitglied des Wissenschaftlichen Beirates von Attac.

Der Redaktionsschluss für diesen Artikel war der 6. juni 2008. Prof. Fisahnhat seine Äußerungen zum irischen Referendum vor dem Datum der Volksabstimmung gemacht.

Die Redaktion

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