Neue Ausgabe Oktober/November/Dezember 2009

Die neue Ausgabe ist seit 29. Oktober 2009 im Bahnhofsbuchhandel und über Internetbestellung erhältlich.

Mit Beihefter "Krebs als Chance"

Heiße Eisen

Wenn Scheine zu gebären scheinen

03.07.2008


Lassen wir uns mit Geld beherrschen, oder könnte es uns dienen?
Warum die über 100jährige Theorie Silvio Gesells höchst aktuell ist.

„Hat je schon einer ein Stück bedrucktes Papier arbeiten sehen? Nein. Es arbeiten doch immer nur Menschen...“ Dies sagte uns der erfahrene Raif­f­ei­sen­banker Fritz Vogt, als wir ihn für unsere erste Ausgabe zum Problem des Zinses befragten. Er muss es wissen, und er weiß auch: Wer weniger als 300.000 Euro sein Eigen nennt, mit dem gehe es in der Regel abwärts. Wer aber mehr besitze, so sagt er, werde automatisch reicher. Dies mutet mys­tisch an. Hat der Teufel nicht nur den Schnaps, sondern auch das Geld ge­macht?

An­fang des vergangenen Jahrhunderts bereits hat der Sozialreformer Silvio Gesell ein Konzept dafür vorgelegt, wie ein offensichtlicher Fluch in einen wahren Segen verwandelt werden kann: durch „fließendes“ Geld ohne die Übel von Zins und Zinseszins. Über das Schicksal dieser Idee sprachen wir mit dem Ökonomen Professor Dr. Wolfgang Berger, Karlsruhe.

PROVOkant: Trotz ihrer fast hun­dert­jährigen Geschichte haben die Geld­re­form­ideen Silvio Gesells im Be­wusst­sein der Menschen kaum Fuß ge­fasst. Selbst unter den akade­mi­­schen Eliten sind sie nur wenig be­kannt. Woran liegt das?

Prof. Dr. Wolfgang Berger: Hundert Jah­re sind wenig gegen die mehr als tau­send Jahre, in denen die Menschen ver­ges­sen hatten, dass die Erde eine Kugel ist und nicht der Mittelpunkt der Welt. Die eu­ropäische Antike, die amerikanischen In­­­­dio­hoch­kul­turen, die Ägypter der Pha­ra­­onenzeit und viele andere vor ihnen ha­ben das schon lange vor Kopernikus ge­wusst. Aber mehr als tau­send Jahre in Eu­ropa wurden alle ge­foltert oder getötet, die dies wussten und auch ge­sagt haben, dass sie es wussten. Ähnliches geschieht ge­genwärtig noch im­mer mit denen, die die Ideen Silvio Gesells für ein Geld ohne Zins pro­pagieren.

Ein Argument seiner Gegner, das of­fen­bar auch wir „Nor­mal­ver­brau­cher“ ver­innerlicht haben, lautet: Wenn je­mand Geld zur Verfügung stellt, ist es nur gerecht, dass er dafür ein Entgelt be­kommt. Schließlich können mit dem Dar­­le­hen Werte geschaffen werden.

Geld hat noch nie Werte geschaffen. Oder haben Sie schon einmal erlebt, dass Geld sich von allein vermehrt? Die Scheine, die in meinem Portemonnaie nebeneinander lie­gen, machen keinerlei An­stalten, weitere Scheine zu zeugen und zu gebären. Werte kön­nen immer nur durch Arbeit ge­schaf­fen werden. Weil nun aber unsere Geld­ord­nung verlangt, dass die Geld­verleiher (Je­sus hat sie übrigens als Mör­der be­zeichnet) vergütet werden, ohne dass sie je eine Leistung erbracht hätten, muss der Wert ihrer Vergütung denen weg­ge­nom­men werden, die ihn erarbeiten. Wir be­ob­achten das zurzeit auf der gan­zen Welt in dra­matischem Ausmaß.

Zinsregime wäre also Diebstahl?

Wenn Sie die Verhältnisse so benennen wol­len, wie sie sind, kann man das nicht an­ders sagen.

Merken das die Bestohlenen nicht?

Solange die Wachstumsraten der Wirt­schaft höher sind als die Zinssätze, fällt dieser Dieb­stahl kaum auf oder scheint er erträglich. Westdeutschland hatte nach dem Krieg zwei­stellige Wachstumsraten (so wie heute China). Bei 12% Wachstum und einem Zins­satz von 5%  können mithin 7% unter denen verteilt werden, die das Wachs­tum produziert haben. - Wie das zwi­schen Ar­beitgebern und Arbeit­neh­mern erfolgt und erfolgen sollte, steht auf einem anderen Blatt! - Heute aber ist Deutsch­­­land eine reife Volkswirtschaft mit niedrigen Wachs­tums­raten, wie China sie vielleicht in 60 Jahren auch haben wird. Bei 2% Wachstum und einem Zins­satz von 5% gibt es ganz of­fen­sichtlich nichts mehr zu verteilen. Im Ge­gen­­teil: Ir­gendjemandem muss der Fehl­betrag von 3% weg­ge­nommen wer­den.

Und wem wohl?

Ja, da muss man nicht lange überlegen! Das haben wir die letzte Zeit und bis heu­te recht hautnah erlebt: Die Real­löhne sin­ken, die staatlichen Leistungen wer­den re­duziert, die Infrastruktur verkommt, ja,  wird sogar ab­gebaut, öffentliches Eigen­tum wird priva­ti­siert, d. h. verkauft, nicht selten ver­schleu­dert. Das sind nur die of­fen­sichtlichsten Fol­gen. Und all dies ge­schieht, damit die An­­sprü­che der Geld­­halter erfüllt werden kön­nen. 

Wirtschaftswachstum in der bishe­ri­gen Weise wäre mithin gar nicht so not­­wendig, wie es von Politik und In­dus­trie immer behauptet wird?

Nein. Wirtschaftswachstum ist heute nur dann eine schöne Sache, wenn wir dabei we­niger Res­sourcen verbrauchen, wenn wir die Umwelt re­vitalisieren, uns das Le­ben ver­ein­fachen und den Fortschritt für un­sere eigene Entwicklung und die Ver­bes­­serung der Lebensbedingungen der Men­schen nutzen. Das aber geschieht ge­gen­­wärtig überhaupt nicht. Im Gegenteil: Wachs­tum der Wirtschaft verbraucht im­mer mehr Ressourcen, und der Planet Er­de wird immer mehr zerstört. Diese wahn­sinnige Art zu wach­sen wird wesentlich durch das Zinssystem erpresst.

Heißt das, der Raubbau an den Res­sourcen - sowohl der Menschen als auch seiner Umwelt - ließe sich mit Hilfe einer Geldreform nach den Ideen Gesells spürbar eindämmen?

Ja, das heißt es. Denn wir hätten die Zins­­ansprüche des Kapitals nicht mehr durch quantitatives Wachstum zu be­frie­di­gen.

Und die in die Armut gedrückte Mehr­heit der Welt­bevölkerung bekäme eine reale Chance?

Aber eben nur dann! Schauen Sie: Seit wir beide hier begonnen haben, dieses In­ter­view zu führen, sind weltweit etwa 500 Men­schen verhungert und 300 durch ver­seuchtes Wasser ge­storben. Letztlich nur, weil ihnen die Mittel „abgenommen“ wur­den, die sie brauchen, um sich zu ernähren bzw. sauberes Wasser trinken zu können. Diese 800  Toten der letzten 10 Minuten sind mithin Opfer un­seres destruktiven öko­no­mischen Systems. (...)

Silvio Gesell sagte Anfang des ver­gan­genen Jahrhunderts einen Krieg für den Fall voraus, dass das Fi­nanz­sys­tem so bliebe, wie es ist. Lei­der hatte er inzwischen mehrmals Recht. Gibt es da einen zwingenden Mechanis­mus?

In unserer Geldordnung muss das Geld Zinsen bringen, d. h. sich immer schneller ver­mehren. Bei einer Verzinsung von ca. 7% ver­dop­pelt es sich etwa alle zehn Jah­re. Die Milliardäre suchen und finden aber immer wieder neue Möglichkeiten ei­ner noch schnelleren Vermehrung. Ge­gen­wär­tig ver­­doppeln sie ihre Vermögen bereits alle 2½ Jahre. Wer heute also zehn Mil­liar­den besitzt, nennt nach zehn Jahren - den gleich­bleiben­den Verdoppelungs­zeit­­raum vorausgesetzt - bereits 160 Mil­liarden sein Eigen. Wohlgemerkt: alles auf Kosten de­rer, die die Werte schaffen. Eine beson­dere Möglichkeit, auf diese Weise sein Geld zu vermehren, bietet sich, wenn große Territorien, ja ganze Länder durch Krieg zerstört werden und wieder auf­ge­baut werden müssen. Das kennen wir aus der Geschichte, und das gilt heute z. B. für den Irak-Krieg genauso. (...) 

 (...)

Ist es wahr, dass die wichtigsten No­ten­banken der Welt, also jene Geld­in­stitute, die Währungen heraus­ge­ben, zuvörderst die der USA, die Federal Reserve Bank, sich längst in privatem Besitz befinden und darum gar nicht mehr unter gesell­schaftlicher Kont­rol­le stehen?

Die Federal Reserve der USA ist tat­säch­lich eine reine Privatbank. Die Euro­pä­i­sche Zentra­l­bank ist zwar staatlich, dies aber eigentlich nur noch formal. Denn per Ver­trag ist auch sie der Kontrolle ihrer Ei­gentümerstaaten ent­zogen. (...)

Dann haben diese Notenbanken auch das Recht, nicht nur den Leitzins fest­zulegen, sondern auch nach ei­ge­nem Gutdünken Geld zu drucken und in Ver­kehr zu bringen? Mit nicht ab­seh­baren Fol­gen?

Ja. Die Dollargeldmenge ist in den letzten Jahren tatsächlich in gigantischem Um­fang aufgebläht worden, um die hor­ren­den De­fizite in den US-Haus­halten sowie die diversen Kriege zu fi­nanzieren. Diese Summen stehen in keinem Verhältnis zur Wirtschaftskraft der Vereinigten Staaten. Deshalb sehen nahezu alle Finanzex­perten dar­in eine große Gefahr. Die mittlerweile fast einjährige Hypothekenkrise, die auch et­liche der europäischen Banken in große Schwie­­rig­keiten gebracht hat, ist wohl erst der Anfang von Konsequenzen, die die gan­ze Welt ausbaden muss.

Ist an diesen Verwerfungen allein das Zinssystem schuld? Würden also mit Zins und Zinseszins zugleich Armut und Unge­rech­tig­keit aus der Welt verschwinden ?

Nein, aber die Überwindung des der­zeitigen Finanzsystems wäre, einmal sa­­lopp ausgedrückt, mindestens „die halbe Miete“. Es gibt Gründe für Armut und Ungerechtigkeit, die nicht mit der Geld­ord­nung zusammenhängen. Was wir aber heu­te haben, ist eine zwangsweise und sy­s­temimmanente Entwicklung zu einer sich beschleunigenden Verar­mung der Mehr­heit der Menschheit und zu einem immer schnelleren Wachstum der Mil­liar­den­ver­mögen. Die­se im System angelegte Zwangs­­läufigkeit - dieses immer raschere Aus­einanderdriften von „unten“ und „oben“ - das gibt es in einer vom Zins befreiten Geldordnung nicht mehr.

Wäre es darum nützlich, wenn die Politik da­­zu gebracht werden könnte, die Er­hebung von Zinsen zu ver­bieten?

Alle großen Religionen haben ur­sprüng­lich den Zins verboten, und Religionen sind bekanntlich Horte großer Weisheit. Dennoch ist das kein Ausweg. Ich bin zu sehr Ökonom, um an die Wirksamkeit von Verboten zu glauben. Wir brauchen ein anderes Geldsystem - eines, das durch eine Gebühr auf Geld, eine so genannte demurrage,  bewirkt, dass das Geld gleich­sam immer fließt und dadurch der Zins auf dem Markt von ganz allein gegen Null tendiert. (...)

(...)

Gäbe es eine Mög­lichkeit, so etwas in großem Rah­men zu ver­wirklichen?

Früher oder später schon. Irgendein Wäh­rungsraum auf der Welt müsste die Cou­ra­ge haben, in Anlehnung an Silvio Ge­sells Idee ein „fließendes Geld“ ein­zu­füh­ren. Würde man ein solches Pro­jekt hand­­­werk­lich sauber und solide vor­be­reiten, hätte es sehr wahrscheinlich großen Erfolg, und an­de­re würden nachziehen. Ich habe kei­nen Zweifel daran, dass es zu einer Art Do­­­mi­no­effekt käme und sich die Welt ver­änderte.  Es brauchte nur ein solches er­­stes Land bzw. eine Zentralbank, die die­sen Weg ge­hen will. An der nötigen Bera­tungs­kom­pe­tenz, die dabei Unter­stüt­zung geben könn­te, fehlt es wahrhaftig nicht.

Welche konkreten Schritte müssten ge­gangen werden?

Es bräuchte zunächst eine politische oder private Stiftung oder Organisation, die ein sol­ches Projekt mit einem Team von Fach­­leuten technisch, organisatorisch und prak­tisch vorbereiten lässt und es dann den Zentralbanken der Welt anbietet. Die­se müssten es aber dann noch ge­meinsam mit ihren eigenen Fachleuten an ihre na­ti­o­nalen und kulturellen Ge­ge­ben­hei­ten an­passen.

Besteht nicht die Gefahr, dass die mäch­tigen Nutz­nießer des bisherigen Fi­nanz­systems sich gegen jegliche Be­stre­bungen dieser Art mit allen Mitteln zur Wehr setzen?

Ja, diese Gefahr besteht tatsächlich. Aber aus der Physik kennen wir die Bedeutung der so genannten kritischen Masse für die Veränderung ei­nes Systems. Die Erfah­run­gen mit den Mechanismen der Wende von 1989 lassen uns nicht mutlos werden.

Herr Professor Berger, wir danken Ihnen für dieses Gespräch!

 

Biographisches

Der Philosoph und Ökonom Prof. Dr. Dr. Wolfgang Berger, war 20 Jahre Ma­na­ger in Europa, Amerika und Asien und neun Jahre Professor für Betriebs­wirtschaftslehre in Deutschland und den USA. Er ist Autor des Buches „Business Reframing Erfolg durch Resonanz“ und leitet jetzt das Business Reframing Institut in Karlsruhe, eine Einrichtung, die Unternehmen im Sinne einer huma­nen, ökonomischen und ökologischen Nachhaltigkeit berät.

www.business-reframing.de

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