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Andere Medizin
04.07.2008

Geistige Heiler auf dem Prüfstand.
Hilfesuchende brauchen einen verlässlichen Kompass.
Bestimmte Menschen besitzen die Fähigkeit, auf körperlich oder psychisch Kranke unmittelbar heilend einzuwirken - ohne jede materielle Intervention, ohne Medikamente, ohne chirurgische oder chiropraktische Eingriffe, ohne physiotherapeutische Maßnahmen, ohne therapeutisches Gespräch. Sie befördern Heilung allein durch den Einsatz ihrer energetischen und/oder mentalen „Ausstrahlung“ - mit oder ohne Berührung, mit oder ohne Worte bzw. Rituale, vor Ort oder gar aus der Ferne. Ein Phänomen, das bereits seit Jahrtausenden bekannt, seit Jahrzehnten in den Gefilden der Esoterik als Geistiges Heilen geübt, zuweilen aber auch unangenehm vermarktet wird. Für viele Zeitgenossen, vor allem für die gewohnte Medizin ist diese spirituelle Variante von Heilbehandlungen eher Humbug. Allenfalls gilt es für zulässig, sie als Placebo zu interpretieren. Doch gibt es zunehmend ernsthafte Wissenschaftler, die, frei von jeder Ideologie, auch auf diesem Gebiet die Tatsachen anerkennen und sie vorurteilslos hinterfragen. Für jene aber, die bei Geistigen Heilern eine Chance suchen, gesund zu werden - und diese oft auch finden, sind dumme Voreingenommenheiten wie akademische Dispute gleichermaßen ohne Belang. Für sie zählt: „Wer heilt, hat Recht!“ Für sie ist es dabei jedoch oft überlebensnotwendig, die richtigen und nicht die falschen Heiler zu finden.
Seit mehr als 15 Jahren befasst sich der Philosoph und Psychologe Dr. Harald Wiesendanger mit dem Geistigen Heilen und mit den Methoden, auf diesem Gebiet die Spreu vom Weizen zu trennen. Siebzehn Bücher und Hunderte von Artikeln hat er bereits dazu verfasst. Sein neuestes Büchlein mit dem Titel „Könner gesucht“ widmet sich gleichsam resümierend kritisch dieser Thematik. Mit freundlicher Genehmigung des Autors stellen wir Ihnen nachfolgende Auszüge daraus vor - anschauliche Antwort auf die Frage: „Wie stellt man fest, ob einer wirklich heilen kann?“
Es gibt, grob gesagt, vier Strategien, diese Frage anzugehen, und bis zu einem gewissen Punkt lassen sie sich am Beispiel des Problems verdeutlichen: Wie stellt man fest, ob einer fliegen kann?
Die erste Strategie wird seit längerem hingebungsvoll von Heilerverbänden und Heilerschulen praktiziert. Dazu wird ein angeblich Flugtüchtiger in ein Prüfungszimmer zitiert. Dort muss er unter Beweis stellen, dass er Bescheid weiß über Gravitation, Auftrieb, Luftwiderstand, Aerodynamik und die Geschichte des Vogelflugs. Er muss vorführen können, wie man mit den Flügeln schlägt. Er muss Bescheinigungen anderer Vögel beibringen, dass er zu ihrem Schwarm gehört, und ein paar weitere Bescheinigungen von fluguntüchtigen Viechern, dass es ihnen schon mal so vorkam, als hätten sie ihn fliegen gesehen. Eine Persönlichkeitsprüfung muss ergeben, dass er frei von Höhenangst ist und andere Vögel weder beim Fliegen behindert noch ihnen von oben aufs Gefieder kackt. Außerdem muss er versprechen, dass er für künftige Flugschauen nicht mehr als 60, 70 Euro verlangt. Ist das alles erfüllt, bekommt er ein Diplom und darf sich auf seiner Visitenkarte künftig mit Titeln schmücken wie "ABCD-geprüft im Fliegen" oder "Anerkannter Flieger EFG".
Die zweite Strategie bevorzugen gewisse Wissenschaftler. Dazu wird der angebliche Vogel in eine standardisierte Voliere gesperrt. Um zu verhindern, dass er nicht irgendwelche raffinierten Triebwerke oder andere Auftriebstechniken einschaltet, wird er gefesselt. Um die Voliere herum werden mehrere Kameras und argwöhnische Beobachter platziert, die jede Regung peinlichst genau festhalten. Wenn der Kandidat unter diesen Umständen nicht fliegt, wird ihm das Etikett "Scharlatan" aufs Gefieder geklebt.
Eindeutig die sinnvollste Strategie wäre eine dritte: Wir begleiten den angeblichen Vogel ins Freie und schauen, ob er hier abheben kann.
Leider fängt an genau diesem Punkt der Vergleich zu hinken an: Ein Flug kann im Nu stattfinden, und jeder in Blicknähe kann ihn unmittelbar beobachten. Eben das geht nicht, wenn Heilung stattfindet. Von wenigen glücklichen Ausnahmen abgesehen, vollziehen sich Geistheilungen über Zeiträume von Wochen, wenn nicht Monaten und Jahren; dabei erfolgen sie nicht nur auf der Ebene von äußerlichen Symptomen, sondern in Bereichen, die der Beobachtung entzogen sind. Was also tun?
Der eine Ausweg bestünde darin, einem angeblichen Heiler die nötige Zeit zu geben und ihn über einige Monate lang unter Praxisbedingungen zu beobachten - und zwar nicht bloß bei einem Patienten, sondern möglichst bei allen, um die er sich innerhalb dieser Frist kümmert. Ob er Fortschritte erzielt, sollte nicht seinem eigenen Gutdünken und dem subjektiven Ermessen seiner Patienten überlassen bleiben, sondern medizinisch kontrolliert sein - was ärztliche Vor- und Nachuntersuchungen erfordert.
Solcherlei Tests haben seit den sechziger Jahren zu Dutzenden stattgefunden, und in vielen Fällen bescheinigten beteiligte Ärzte und Wissenschaftler, dass es teilweise zu verblüffenden Fortschritten kam, entgegen den ursprünglichen schulmedizinischen Prognosen.
Aber derartige Tests sind natürlich keine brauchbaren Orientierungshilfen für Patienten, und zwar aus drei Gründen:
- Sie besagen immer nur etwas über die Fähigkeiten der jeweils geprüften Heiler, und das auch nur im Zeitraum der Prüfung, unter den besonderen Untersuchungsbedingungen, an den ausgewählten Patienten, bei ihren speziellen Diagnosen. Sie besagen nichts über die Fähigkeiten anderer echter oder vermeintlicher Heiler bei anderen Leiden; ja, sie machen uns noch nicht einmal sicher, dass die getesteten Heiler später und unter anderen Bedingungen auch nur annähernd ebenso gut abschneiden. ...
Hinzu kommt das Problem, dass wir bei dieser Art von Untersuchung niemals wissen können, worauf die beobachteten Heilerfolge beruhen. Sie könnten weitgehend oder gar ausschließlich von Suggestionen und Erwartungen herrühren - dann wären die betreffenden Heiler ungeeignet für Patienten, die skeptisch sind. Um das auszuschließen, bräuchten wir eine Placebo-Kontrolle, und dazu müssten wir sozusagen zurück zur Voliere: Wir müssten nämlich die Patienten, und am besten gleich auch noch die beteiligten Ärzte und Wissenschaftler, "verblinden", d.h. im Ungewissen darüber lassen, wer behandelt wird und wer nicht. Und genau damit entfernen wir uns von der Praxis des Heilens, wir schaffen hochgradig künstliche Bedingungen, denn zum Alltag gehört ein kontinuierlicher persönlicher Austausch zwischen Heiler und Patient auf vielen Ebenen.
"Heilkraft" messen?
Deshalb ist womöglich ein vierter Ansatz aussichtsreicher. Wenn Geistiges Heilen tatsächlich mehr ist als bloß eine Placebo-Therapie, dann aufgrund irgendeines immateriellen Etwas, das dabei ins Spiel kommt: eben das, was Heiler selbst "Energie" nennen, vielleicht aber auch auf einem ganz anderen physikalischen Prinzip beruht - nennen wir es einfach "Q". Für einen Patienten ideal wäre es doch, wenn es ein Messgerät gäbe, das zuverlässig anzeigt, ob und wann ein Heiler dieses „Q“ einsetzt - hier und jetzt, in dieser Sitzung, bei diesem bestimmten Patienten; ob ihm dies nicht nur ab und zu gelingt, sondern einigermaßen regelmäßig; ob er „Q“ nicht bloß irgendwie beeinflusst, sondern in beabsichtigter Weise - d.h. ob er es kontrolliert ins Spiel bringt, abgestimmt auf den jeweiligen therapeutischen Zweck; ob dieses „Q“ den jeweiligen Patienten überhaupt erreicht; und ob es in ihm nicht nur irgendwelche biologischen Prozesse in Gang setzt, sondern genau die richtigen. Auf Szenemessen, in Szenefachzeitschriften wimmelt es von verheißungsvollen Techniken und Theorien, die in eben diese Richtung zielen: nämlich darauf, Geistiges Heilen zu objektivieren, indem man begleitende physikalische Vorgänge misst. An Heilern wurde z.B. die verstärkte Emission eines rätselhaften Lichts gemessen, so genannter Biophotonen, die von allen Lebewesen ausgehen und möglicherweise ein Kommunikationsmittel darstellen, durch welches Zellen und Zellverbände, aber auch ganze Organismen laufend Informationen miteinander austauschen. Bei wiederholten Messungen zeigte sich, dass manche Heiler imstande sind, die Biophotonenabstrahlung ihrer Hände willentlich zu modifizieren - und weit über Normalwerte hinaus zu erhöhen. - In elektromagnetisch abgeschirmten, mit Kupferplatten ausgekleideten Laborräumen wurde festgestellt, dass am Körper mancher Heiler sowie in der unmittelbaren Umgebung elektrische Spannungen bis zu 190 Volt auftreten, während sie behandeln. Bei Nichtheilern hingegen konnten nie mehr als 3 bis 4 Volt gemessen werden. - Bei Behandelten wurden u. a. festgestellt: rätselhafte Veränderungen von Gehirnwellen, ablesbar im EEG; merkwürdig veränderte Abstrahlungen rund um die Fingerkuppen, die auf einer Fotoplatte sichtbar werden, über der eine Hand kurzzeitig einem elektrischen Hochfrequenzfeld ausgesetzt wird ("Kirlian-Fotografie"); ein verändertes Wärmeprofil des Körpers, wie es die Thermografie sichtbar macht; veränderter Herzschlag, Atemrhythmus, Puls, elektrischer Hautwiderstand. - Eine bulgarische Forschergruppe um den Physiker Professor Antonov bekam kürzlich an der Universität Bern den Preis der Schweizer Stiftung für Parapsychologie für die Entdeckung, dass manche Geistheiler imstande sind, das Energiespektrum von H2O willentlich zu verändern - und dass das Wasser diese Veränderungen manchmal noch mehrere Monate lang speichert. Das wäre insofern beachtlich, als unser Organismus zu 70, 80 Prozent aus Wasser besteht. Die Bulgaren haben daraus ein Testverfahren entwickelt, dem ihres Erachtens jeder angebliche Heiler unterzogen werden sollte.
Inwieweit sich diese Verfahren, einzeln oder kombiniert, für eine Qualitätskontrolle von Geistheilern eignen, bleibt abzuwarten. Denn niemand weiß bisher, ob sie bloß Randphänomene erfassen, die den Heilvorgang begleiten wie der Rauch das Feuer - oder ob sie tatsächlich zum Kern der vermeintlichen "Energieübertragung" vorstoßen, wie sie zumindest Könner zustande bringen. Gäbe es irgendwann einen wissenschaftlich fundierten Test für die "energetischen" Aspekte Geistigen Heilens, so könnte er heutige Prüfungskommissare bescheidener machen, zu mehr Verbraucherschutz im Gesundheitswesen beitragen - und der Szene bei der Selbstreinigung von Mittelmaß und Nichtskönnern behilflich sein. Von bisher rund 200 getesteten Heilern brachten in Antonovs Test nur 12 deutliche Effekte zustande, weitere 23 erzielten "schwache" Effekte. Der Rest fiel durch. Auf die rund zehntausend Geistheiler im deutschsprachigen Raum hochgerechnet, würde das bedeuten: Gerade mal 600 von ihnen leisten energetisch Beachtliches - was die übrigen 9400 schaffen, ist kaum der Rede wert.
Aber was tut ein Patient solange, bis wir über so eine Messtechnik verfügen? Zeit zum Abwarten hat er natürlich nicht. Er sucht jetzt einen Ausweg.
(...)
Davon abgesehen weisen alle drei erwähnten Strategien eine gemeinsame Schwachstelle auf. Auch der beste Wein kann kippen. "Gut" zu sein, ist ein Lob, das nichts und niemand auf Ewigkeit verdient, sobald es irgendwann einmal angebracht war. Und darin besteht ein weiteres Manko des Projekts "Heilerprüfung". Wer in der Szene erst einmal einen Titel ergattert hat, darf ihn zeitlich unbegrenzt führen, lebenslang, wenn er Wert darauf legt. Doch bleibt bis dahin garantiert unverändert bestehen, was der Titel verheißt? Das widerspricht jeder Erfahrung, die wir mit menschlichen Fähigkeiten im Allgemeinen machen; ob Gedächtnis oder Geistesgegenwart, Sorgfalt oder Ehrgeiz: all das kann im Lebenslauf zunehmen, aber auch schwinden. Und auch Heilfähigkeiten, wie und von wem auch immer getestet und zertifiziert, können nachlassen, vermutlich auf beiden Ebenen, auf denen Heiler mit ihren Klienten arbeiten. Allzu viele Heiler, die mich anfänglich durch ihre Geduld, ihre Einfühlsamkeit, ihre Uneigennützigkeit, ihre liebevolle, selbstvergessene Zuwendung im Umgang mit Hilfesuchenden beeindruckten, habe ich Jahre später in all diesen Hinsichten kaum mehr wiedererkannt. ...
Der Steckbrief des Scharlatans
Um solche Heiler einen großen Bogen zu machen, ist fast immer ratsam.
Die Strategie des kritischen Suchens- mit der "Heiler-Datenbank AUSWEGE"
Bis vor kurzem hat sich meine Empfehlung so angehört:
"Auch in noch so schwerer Krankheit dürfen Patienten nicht aufhören, mündige Bürger zu sein. Informationen, die nirgendwo bequem vorsortiert abzuholen sind, müssen sie wohl oder übel selbst zusammentragen und bewerten, im Vertrauen auf die eigene Kritikfähigkeit und Menschenkenntnis. Vertrauen sollten sie in erster Linie ihrer eigenen Intuition, den Mut zum Ausprobieren sollten sie nie verlieren." Mit dieser Einstellung sollten Hilfesuchende drei Schritte gehen:
Erster Schritt: Zwei, drei Heiler in der Nähe des eigenen Wohnorts ausfindig machen - und möglichst viele Vorinformationen über die Betreffenden einholen.
Zweiter Schritt: Die Betreffenden anrufen; sich erläutern lassen, wie sie vorgehen; klare Auskünfte über das Honorar einholen; und möglichst eine kostenlose Probesitzung verabreden.
Dritter Schritt: Beim Heiler der Wahl wenigstens drei bis zehn Sitzungen Geduld haben, je nach Diagnose; Symptome aufmerksam beobachten; und gegebenenfalls wieder aussteigen, falls sich am Krankheitsbild nicht einmal ansatzweise etwas zum Besseren verändert. Ein anderer Heiler, eine andere Heilweise erreicht dann womöglich mehr.
Für Patienten, die so vorgehen möchten, führe ich seit 1992 eine "Heiler-Datenbank" mit zurzeit über 500 Einträgen aus Deutschland, der Schweiz und Österreich. Hieraus erfahren Hilfesuchende nicht nur Anschriften und Telefonnummern, sondern auch so aufschlussreiche Details wie: Auf welchem Lebenslauf fand er zum Heilen? Seit wann heilt er - etwa erst seit ein paar Monaten nach Feierabend, oder vielleicht schon seit Jahrzehnten hauptberuflich? Wie kam er dazu? Welche Methode wendet er an? Welche Therapien bietet er sonst noch an? Hat er eine medizinische Ausbildung? Wie lange dauert eine Sitzung bei ihm? Und was kostet sie?
All das im Voraus zu wissen, ist für Hilfesuchende sicherlich nützlich. Trotzdem ... Ein Schwerkranker, der nahe dran ist, von seinem chronischen Elend in Verzweiflung und Resignation getrieben zu werden, ist damit überfordert. Gerade solche Patienten suchen und brauchen eine Orientierungshilfe - irgendeine vertrauenswürdige Instanz, die ihnen klipp und klar sagt: "Auf die/den kannst du dich guten Gewissens einlassen, die/der kann wirklich ´was."
(...)
Seit 2005 befindet sich eine „Internationale Vermittlungsstelle für herausragende Heiler“, kurz: IVH, im Aufbau; im Dezember 2006 hat sie die Arbeit aufgenommen. Wie der Name schon sagt: Die IVH vermittelt herausragende Heiler aus aller Welt - mit einem Schwerpunkt auf Europa, insbesondere dem deutschsprachigen Raum. ... Bis Frühjahr 2007 sind in dieses Projekt 136 Heiler aus 27 Ländern einbezogen worden - etwa die Hälfte aus dem deutschsprachigen Raum, die Übrigen aus anderen Staaten Europas, aber auch weltweit - von Japan bis USA und Kanada, von Israel bis zur Mongolei, den Philippinen und Neuseeland.
Für die Qualität des IVH-Heiler-Netzwerks sorgt unter anderem ein medizinisches „Fach-Team“, dem schon rund 40 Ärzte, erfahrene Heilpraktiker, Psychologen und Psychotherapeuten angehören. (Stand: Frühjahr 2007)
(...)
Aus: Dr. Harald Wiesendanger: Heilen „Heiler“? Ein Wegweiser für Hilfesuchende. Lea Verlag, Schönbrunn 2008
www.stiftung-auswege.de