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Günter Baumgart, 01.02.2009

Mitunter, liebe Leser, scheinen spektakuläre Großereignisse gar nichts miteinander zu tun zu haben. So in den letzten Wochen das physikalische Superexperiment CERN und die Krise der Finanzwelt. Beiden ist jedoch eines gemeinsam: Wir, die „kleinen Leute“, begreifen weder das eine noch das andere. Bei Ersterem können wir es nicht, bei Letzterem dürfen wir es nicht. Dass uns die Entstehung des Universums als Mysterium gilt, erscheint mir nachvollziehbar, denn sie ist eines. Auch wenn die Physiker eine sinnfällige Theorie entwerfen sollten, wie das Weltall eine Billionstel Sekunde nach dem vermeintlichen Urknall ausgesehen haben könnte. Es stellt sich nämlich immer aufs Neue die Frage nach dem Vorher. Anders beim Finanzkrach. Die Hilflosigkeit, mit der wir solchen pekuniären Erdbeben gegenüberstehen, gründet sich auf die Annahme, sie seien - ganz so wie die Entstehung der Welt - nicht von Menschen gemacht. Sie sind es aber. Dies auch, wenn wir ihre längst entstandene Eigengesetzlichkeiten nicht durchschauen. Selbst die großen Magnaten scheinen ihnen ausgeliefert zu sein wie Zauberlehrlinge. Indes gibt es sicherlich keine seriöse Geldtheorie, die nicht eingestehen würde, dass hinter Finanzbeziehungen Beziehungen zwischen Menschen, sprich: gesellschaftliche Verhältnisse verborgen sind. Und Verhältnisse lassen sich bekanntlich ändern. Vorausgesetzt freilich, man lässt uns sie und die Mechanismen ihrer Änderbarkeit durchschauen. Empfohlen sei dafür nochmals das Gespräch, dass wir für die letzte „PROVOkant“-Ausgabe mit Professor Berger führten („Wenn Scheine zu gebären scheinen“). Auch im kommenden Heft werden wir uns wieder dem Geld-Thema widmen, denn Regionalgeld-Systeme bieten vielleicht auch ein passables Anschauungsmaterial dafür, wie die mittlerweile weltumspannenden Finanzsysteme anfangs, quasi nach ihren „Urknallen“, ausgesehen haben könnten.
Auch die vorliegende Ausgabe widmet sich Fragen, die gesellschaftliche Verhältnisse berühren. Warum z. B. können oder wollen Staaten wider bessere Einsichten ihre Anstrengungen um erneuerbare Energien nicht derart bündeln, wie man es seinerzeit für die Kriegs- und/oder Prestigevorhaben eines Manhattan-, Apollo- oder Sojus-Projektes getan hat? Und: Warum gehen Gesellschaften im Grunde ohne Not technische Risiken ein, über deren verheerende Ausmaße Tschernobyl 1986 der Welt eine grausame Lektion erteilt hat? Und: Wieso verhindern wir bei der Verwirklichung des schönen europäischen Traumes nicht, dass unsere demokratische „Infrastruktur“, die eher eines Ausbaus bedürfte, gleichsam verwischt wird? Und weiter: Warum erscheint es uns noch wie weiland als „weit hinten in der Türkei“, wenn maßlose Profitgier die Regenwälder, die „grünen Lungen“ unseres Planeten, sterben lässt? Oder aber ein scheinbar nur kleines Problem: Warum schlagen nicht Insider Alarm, wenn die „Entdeckung“ eines heute pensionierten Nierenspezialisten unter den Tisch gekehrt wird, obwohl durch sie so manche Unfallopfer gerettet werden könnten? Warum ist es um all dieses nicht so bestellt, wie es der gesunde Menschenverstand diktieren würde?
Von Brecht wissen wir es: Die Verhältnisse, sie sind nicht so! Unserem Leser Dieter Hassler aus Uttenreuth sind sie gewiss nicht sympathisch. Doch er sieht in ihnen ein Mittel zu einem guten Zweck. Er schreibt: „Ich glaube, diese unsere Welt ist so konstruiert, dass wir in ihr ein Lernumfeld vorfinden, in dem wir uns bewähren können oder eben moralisch versagen.“ Mag sein. Aber wenn ich diese weltanschaulich begründete Position schon einnehmen wollte, dann hieße für mich „sich bewähren“ eben, diese Welt, genauer: die von uns selbst geschaffenen bzw. geduldeten Verhältnisse, zum Besseren zu wenden. Auch wenn die Bezeichnung Weltverbesserer (leider!) oft schon ein Schimpfwort geworden ist. In diesem Sinne jedenfalls wollen wir auch weiterhin provokant sein.
Günter Baumgart