Neue Ausgabe Oktober/November/Dezember 2009

Die neue Ausgabe ist seit 29. Oktober 2009 im Bahnhofsbuchhandel und über Internetbestellung erhältlich.

Mit Beihefter "Krebs als Chance"

Editorial

08.10.2008


Liebe Leserinnen! Liebe Leser!

Es ist 100 Jahre her, dass der Hämatologe Artur Pappenheim die „Berliner Hämatologische Gesellschaft“ gründete. Es ging ihm darum, sich besser mit Kollegen über Fragen austauschen zu können, die die Themen Blutkrebs und später auch „solide Tumore“ betrafen. Die Onkologie stand damals also gleichsam noch am Anfang. Das Jahr 1908 war aber auch jenes, in dem Henry Ford sein berühmtes Modell T auf den Markt brachte. Im Rückblick auf diese beiden Daten bietet es sich deshalb geradezu an, einmal die Entwicklung der Krebsheilkunde mit der der Automobilbranche zu vergleichen. Wer dies unvoreingenommen tut, dem können wahrlich die Tränen kommen.

Anders als in der Autoindustrie gibt es in der Onkologie seit Jahrzehnten fast keine Fortschritte mehr. Wenn wir die Daten ins Kalkül ziehen, über die wir in den Veröffentlichungen der Professoren Ulrich Abel vom Heidelberger Krebs­for­schungs­institut und Dieter Hölzel von der Münchner Uni lesen, dann müs­sen wir sogar teilweise von Rückschritten sprechen. Und dann drängt sich uns die Frage auf: Was ist hier eigentlich so schief gelaufen? Warum sterben immer mehr Menschen an Krebs, obwohl auf der Welt jährlich Milliarden an Forschungsgeldern für den „Krieg“ gegen diese Krankheit ausgegeben werden? Wie kommt es, dass wir fast Monat für Monat aus den Medien von neuen und neuesten Medikamenten für Chemotherapien erfahren, von monoklonalen Antikörpern, von Angiogeneseblockern, Wachstumsinhibitoren und von den allerneusten Gentechnologien hören, die Statistiken aber trotz alledem immer schlechter aussehen? Dies, selbst wenn wir nicht übersehen, dass die Statistiker der Überlebenszeiten an Krebs Erkrankter - ganz beiläufig - nicht mehr zehn, sonder nur noch fünf Jahre erfassen! Und warum mischt fast jede Universität ihre eigenen Therapiecocktails?

Auf diese Fragen gibt es sicher viele Antworten. Eine aber dürfte kaum zu widerlegen sein: Wir sind immer noch weit davon entfernt, wirklich zu wissen, was Krebs eigentlich ist, wie und unter welchen Bedingungen diese Krankheit entsteht und wie man sie folglich behandeln muss, wenn man sie überwinden will. Dieses Wissensdefizit ist auch einer der Gründe dafür, dass Patienten leider noch immer von drei Ärzten mindestens drei verschiedene Meinungen hören können und Pharmafirmen diesen Ärzten immer und immer wieder - meist wenig glaubhafte - Geschichten von neuen Wundermitteln erzählen, von Chemikalien, welche die Krebszellen angeblich viel besser abtöten als die bisherigen. Denken Sie nur einmal an den angeblichen Tausendsassa Herceptin, ein Mittel, das noch heute mit Verweis auf die so genannte HERA-Studie als das nahezu perfekte Krebsmittel gegen Mammakarzinome angepriesen wird. Immerhin geben die Krankenkassen dafür weiterhin jährlich - pro Patientin! - rund 36.000 Euro aus. Neueste Zahlen aus dem Jahr 2008 haben jedoch gezeigt, dass - gleich in mehreren Studien - keine einzige der mit Herceptin behandelten Frauen auch nur einen Tag länger lebte als die Frauen in den Vergleichsgruppen.

Doch bis sich solche ernüchternden Einsichten herumsprechen, werden ganz gewiss noch Jahre vergehen, in denen weiterhin Milliarden an Mitgliedsbeiträgen für solche und andere unnütze Therapien ausgegeben werden.

Wäre es angesichts dieser Situation nicht an der Zeit, neuen Denkansätzen nachzugehen, anstatt immer nur „modernere“ Medikamente „auszuklügeln“ und auf den Markt zu bringen, die alle nur dem gleichen alten und längst veralteten Konzept dienen? Einem Konzept, was da heißt: Krebszellen müssen um jeden Preis zerstört werden! Was, wenn die bereits einem Vorurteil gleich­kommende Annahme, Mutationen seien die Ursache bösartiger Zellvermehrung, gar nicht der Wahrheit entspricht? Bräuchten wir dann nicht viel mehr Forschungsgelder für ein Finden der wahren Ursachen und für die Entwicklung von Therapien, die eben diese Ursachen angehen und nicht lediglich die Symptome?

Und noch etwas: Welche neuen Schritte die konventionelle und die nicht-konventionelle Onkologie in den nächsten Jahren auch gehen werden - wir alle sollten etwas demütiger werden gegenüber dieser Erkrankung, die - ob zu Recht oder zu Unrecht - gefürchtet wird, wie kaum eine andere. Ohne diese Demut werden wir letzten Endes nicht in der Lage sein, alten Ballast abzuwerfen und frei von jeder lächerlichen Rechthaberei neue Wege zu bahnen und auch zu beschreiten. In diesem Sinne:

Carpe diem!

Lothar Hirneise

Zurück zur Artikelübersicht