Vermächtnisse
Samenkorn im Acker der Geschichte
07.10.2008

dieter haugk, pixelio
Jahrestage von geschichtlichen Ereignissen sind willkommene Anlässe, das Vergangene zu bewerten. Oft stellt man dabei auch die spekulativen Hätte- und Wäre-Fragen: „Was wäre gewesen, wenn...?“, “Hätte es nicht doch ein gutes Ende nehmen können?“ oder: „Hätte es auch ganz anders kommen können?“ Solcherart Gedankenspiele sind dann nicht ganz nutzlos, wenn sie von dem Bedürfnis genährt werden, in den Verläufen der Geschichte Lösungsansätze für gegenwärtige Probleme zu finden. In diesem Sinne produktive Rückblicke gab es in den zurückliegenden Monaten auch auf den „Prager Frühling“, jene gesellschaftliche Bewegung in der ehemaligen Tschechoslowakei, die auch in Deutschland, vor allem in seinem östlichen Teil, vor 40 Jahren Hoffnungen auf ein Stück besserer, gerechterer, vernünftigerer Wirklichkeit geweckt hatte. Der Haupttenor der Rückblicke auf dieses Ereignis lag in unseren Medien jedoch auf dem damaligen Spiel der politischen Kräfte und seinem gewaltsamen Ausgang. Natürlich ist es höchst interessant, im Nachhinein hinter die Kulissen der Politbühnen zu schauen, ist es spannend, fast wie in einem Krimi, gleichsam hautnah den Schlagabtausch der einstigen Kontrahenten nachzuerleben. Wir wollten aber darüber nicht vergessen, uns Klarheit zu verschaffen, welches gesellschaftsgestaltende Potenzial jene Ereignisse für spätere Zeiten, vielleicht auch für die unsere haben. Ob und wieweit uns das in dem nachfolgenden Gespräch mit dem Wiener Universitätsprofessor Dr. Dieter Segert gelungen ist, können nur Sie, liebe Leser, beurteilen.
Gedanken-Splitter aus dem Interview:
- Die tschechoslowakischen Reformer um Alexander Dubček hatten die Absicht, die Gesellschaftsordnung, in der sie lebten, den Realitäten eines industriell entwickelten Landes anzupassen. Denn entstanden war das, was als Sozialismus bezeichnet wurde, unter ganz anderen Bedingungen.
- Der Sozialismus „mit menschlichem Antlitz“ aber war zumindest 1968 tatsächlich eine Utopie.
- Der „Prager Frühling“ war eine Reform „von oben und von unten“. Aus Meinungsumfragen jenes Jahres geht hervor, dass die Mehrheit der tschechoslowakischen Bevölkerung an der Seite der Reformer stand. Somit hätte die KP damals bei freien Wahlen mit einer Mehrheit rechnen können.
- Das Ergebnis der so genannten samtenen Revolution von 1989 - einfach nur weg vom alten Sozialismus und hin zu einem alten Kapitalismus - das war zur Zeit des „Prager Frühlings“ nicht angelegt.
- Zwischen Mitte und Ende der Sechziger vollzog sich auch im Westen ein kultureller Umbruch - hin zu mehr Teilhabe von Bürgern. Es gab hoffnungsvolle Modelle einer wirtschaftlichen Mitbestimmung. Frankreich erlebte im Mai 1968 einen Aufbruch, in dem sich kurzfristig Arbeiterforderungen und studentischer Protest miteinander verbanden. In Skandinavien existierte noch ein starker Wohlfahrtsstaat. Die Situation in der Welt damals war also für das sozialistische Reformexperiment so ungünstig nicht!
- Der „Prager Frühling“ von 1968 - ein Samenkorn für den Acker der Geschichte? Vielleicht! Ob es aber je aufgehen wird, lässt sich schwer voraussagen. Und wie das Pflänzchen, das sich einmal daraus entwickeln könnte, aussehen mag, auch nicht. Vielleicht erkennt man es dann noch nicht einmal. Aber: Im Hinblick auf Utopien muss man nicht unbedingt Helmut Schmidt beipflichten, der Leuten, die Visionen haben, empfiehlt, einen Arzt aufzusuchen.
- Es macht wieder Sinn, über Alternativen in unserem Leben, nachzudenken. Das geht jedoch nicht, ohne die vorherrschenden Erzählungen darüber in Frage zu stellen, was angeblich die einzig mögliche Art der Wirtschaft oder der Politik ist.
- Vielleicht kann unsere europäische Gesellschaft doch noch so gestaltet werden, dass in ihr politische Freiheit und soziale Gerechtigkeit lebensfähig miteinander kombiniert werden.
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