Neue Ausgabe Oktober/November/Dezember 2009

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Mit Beihefter "Krebs als Chance"

Heiterer Ernst

„Und was ist bei Windstille? Na?“

07.10.2008


Norbert Höller, pixelio

Erich Schöndorfs satirische Interviews (Folge 2)
Argumente, die man „verbohrten“ Kernkraftgegnern ins Stammbuch schreiben sollte. Diesmal mit CSU-Chef Erwin Huber.

Von einem unheimlichen Comeback sprach die Umweltbewegung, während die Industrie eine lang erwartete Renaissance bejubelte: Die Atomkraft war wieder da! Ohne größeren Anlauf hatte sie es im gerade vergangenen Sommer zurück geschafft auf die Bühne der Verhei­ßungen. Schnell war auch die Politik mit von der Partie. CDU, CSU und FDP bedienten sich ungeniert der Argumente von gestern, die sie mit ökologischer Farbe grün mogelten. Aber damit lagen sie im Trend. Über Nacht schmolz die satte Mehrheit der deutschen Kernkraft-Ablehnung auf eine Pattsituation zusammen. Die endlich angesprungene Klimadiskussion hatte merkwürdige Früchte getragen: Ängste. Und Ängste können viel bewegen. Oft in falscher Richtung, mitunter eine gegen die andere. So haben offensichtlich die nicht unbegründete Furcht vor der Überhitzung unseres Planeten und die schlimme Vorstellung schmelzender Pole samt versinkender Inseln die zumindest ebenso realen Schreckensvisionen einer radioaktiven Verwüstung und außer Kontrolle geratenen Atommülls aus unserem Bewusstsein verdrängt. Der Umgang mit Risiken ist bekanntermaßen schwierig. Ihre Realisierung liegt jeweils in der Zukunft. Und sie könnte ja auch ganz ausbleiben, was man immer hofft. Einen Supergau muss es nicht geben. Die Klimagefahr ist da schon viel konkreter. Die Folgen von Überschwemmungen und Tornados waren hier und da schon im eigenen Land und am eigenen Leib zu spüren. Tschernobyl aber scheint halb vergessen.

Über dem Feuer von Angst und Hoffnung kochen nun vor allem unsere mit dem „C“ aus­gerüsteten Parteien ihr Süppchen. Was sie an Zutaten alles hinein gekippt haben, um das Mahl „Atomkraft“ unwiderstehlich zu machen, hat Erich Schöndorf in einem seiner erfundenen Interviews erfragt - bei einem der  profiliertesten Vertreter der Kernkraft-Lobby, dem bayerischen CSU-Vorsitzenden Erwin Huber.

Erich Schöndorf: Sehr geehrter Herr Vorsitzender, Ihr Parteifreund Ronald Pofalla hat im Juni vor dem Deutschen Bundestag erklärt, Atomenergie sei Öko-Energie. Sie haben ihn jetzt in der BamS getoppt. Zitat: „Atomstrom ist CO2-freier Strom aus einer einheimischen Energiequelle.“

Erlauben Sie mir zunächst zwei Korrekturen: Herr Pofalla ist nicht mein Parteifreund. CSU und CDU unterscheiden sich in mehr als nur einem Buchstaben. Darüber hinaus habe ich den Generalsekretär nicht getoppt, sondern ich habe seine Aussagen konkretisiert.

Damit können wir ja nun fortfahren. Das Brennmaterial unserer Atomkraftwerke stammt nur zu einem Prozent aus deutscher Förderung. Der große Rest wird importiert, unter anderem aus Russland - immer noch ein souveräner Staat, nachdem unser Versuch, ihn dem Deutschen Reich einzuverleiben vor gut 60 Jahren gescheitert ist. Sie aber sprechen von einheimischer Energie!

Der Kalte Krieg ist, von einigen oberbayerischen Landkreisen abgesehen, vorbei. Im Rahmen seiner umfassenden Abrüstung führt Russland seine Atomwaffen der zivilen Nutzung in Kernkraftwerken zu. Bekanntermaßen ist aber das russische Bomben-Uran nach dem Krieg von Arbeitern der Wismut AG im Erzgebirge abgebaut und danach ohne unsere Zustimmung in die Sowjetunion gebracht worden. Eine wirksame Übereignung hat daher nie stattgefunden. Was wir jetzt als Kernbrennstäbe von Russland kaufen, ist daher unser deutsches Eigentum geblieben. Insofern ist es nur berechtigt, von einer einheimischen Energiequelle zu sprechen.

Der Strom aus Atomkraftwerken ist darüber hinaus nicht CO2-frei, wie Sie behaupten. Nach Berechnungen des Darmstädter Öko-Instituts fallen bei der Herstellung einer Kilowattstunde Atomstrom 32 Gramm CO2 an.

Wenn Sie allerdings bedenken, dass ein Kilo Kohlestrom mit 1200 Gramm CO2 zu Buche schlägt, können Sie den CO2-Anteil der Kernkraft schlicht vernachlässigen. Das ist wie bei der Gentechnik: Nahrungsmittel mit weniger als 1 Prozent Genanteil dürfen als genfrei bezeichnet werden.

Problematisch genug! Aber vor dem Hintergrund der Klimadiskussion erlebt die Atomkraft geradezu eine Renaissance!

Stimmt. Aber diese Feststellung greift einfach zu kurz. In Deutschland gibt es eine neue Lust an der Technik. Immer mehr Menschen finden Gefallen an Hightec-Systemen. Und dazu gehört nun mal auch die Kernkraft!

Sollte die nicht lieber High--Tec genannt werden?

Meinetwegen. Aber das macht ja gerade den Reiz dieser Technik aus: Tausende von Dübeln, von denen man nicht weiß ob sie fest sitzen, Ventile, die mal funktionieren und mal nicht, Notkühlsysteme, deren Pumpen ganz gerne auch mal Vabanque spielen. Das ist doch spannend! -  Eine Windmühle, die praktisch wartungsfrei läuft und bestenfalls einmal im Jahr geölt werden muss, ist dagegen der reinste Langweiler.

Apropos Windmühle: Die Windkraft als Energiequelle kann mittlerweile erhebliche Zuwächse verzeichnen. Oder?

Ja schon, aber es sind fast ausnahmslos unbelehrbare Atomkraftgegner, die hier so viel Wind machen. „Ich seh´ etwas, was du nicht siehst“, ist ihr Lockruf, womit sie die Radioaktivität meinen. Da haben wir es doch mit Leuten zu tun, die alles Unsichtbare zum Monster hochstilisieren, anstatt es, wie es in Hochkulturen üblich ist, einfach zu ignorieren.

Kommen wir noch einmal auf den Risiko-Aspekt zurück. Tschernobyl macht Ihnen da keine Kopfschmerzen? Mit seinen 100.000 Toten und einem verwüsteten Land?

Ach, wissen Sie: Sie sollten ausschließlich mit bereinigten Zahlen arbeiten und mit international anerkannten Standards. In diesem Fall müssten Sie unbedingt den Wodka-Faktor berücksichtigen, sprich: die durchschnittliche russische Lebenserwartung. Die liegt schon seit Jahren konstant bei 37 Jahren. Danach kommen Sie auf höchstens 50.000 Tschernobyl-Opfer.

Nach Berechnungen des Heidelberger IFEU-Instituts würde ein Supergau im AKW Biblis bei Südwest-Wind praktisch ganz Hessen unbewohnbar machen.

Aber Herr Schöndorf, Sie haben offenbar eine geradezu erotische Beziehung zum Worst-Case. Es gibt doch noch eine ganze Reihe weiterer Windrichtungen. Was ist bei Ostwind? Ich bin sicher, dass eine darauf basierende Risikoanalyse weit weniger Aufsehen erregen würde, haben wir doch mit Frankreich noch einige Rechnungen offen – vom Fußball einmal abgesehen. Und was ist, ganz nebenbei bemerkt, bei Windstille? Na?

Auch die Atomkraft hat ein Ressourcen-Problem, ebenso wie Öl und Gas. In spätestens 60 Jahren sollen die Uran-Vorräte erschöpft sein.

Nicht doch! Eben erst hat man in einem zentralasiatischen Land, das so klein ist, dass ich seinen Namen gerade vergessen habe, riesige Uranlager entdeckt. Zum Ende des Jahrzehnts will dieses Land die Pole-Position bei der Uranförderung erobert haben. Das zeigt sehr deutlich, dass noch nicht in ausreichender Weise nach diesem Rohstoff gesucht wurde, anders als beim Öl, wo wir sämtliche Lagerstätten bereits gefunden haben.

An der Endlichkeit auch dieses Energieträgers ändert dies allerdings nichts.

Aber der Peak-Uranium-Point ist damit wieder ein gutes Stück hinaus geschoben. Ein Effekt, den man mit der Aufarbeitung abgebrannter Brennelemente und dem Einsatz von Brutreaktoren noch verbessern kann.

Sie wollen tatsächlich eine Technologie bemühen, die auf breiter Front gescheitert ist? Die hat doch bisher nur Industriedenkmäler hinterlassen. Wackersdorf ist ein Beispiel dafür.

Mal langsam! Von einer gescheiterten Technologie zu sprechen, scheint mir wirklich verfehlt. Sie ist halt noch nicht ausgereift.

Aber dabei fällt immer auch Plutonium an, ein extrem giftiges Spaltprodukt. Ein Millionstel Gramm tötet einen Menschen!

Sie sind wieder so schnell, Herr Schöndorf! Diese Menge macht zunächst einmal Lungenkrebs, sagt die Medizin. Und statistisch liegen zwischen Krankheitsbeginn und letalem Ausgang volle drei Jahre, eine Zeit, der man noch viel Lebensqualität abgewinnen kann. Oder wollen Sie das bestreiten?

Seit geraumer Zeit warnt das Pentagon davor, dass sich Terroristen in den Besitz von Plutonium bringen könnten und damit eine „schmutzige Bombe“ bauen.

Ach was! Dieses Thema haben wir im Innenausschuss ausführlich diskutiert. Es ist vom Tisch. Auch für die „schmutzige Bombe“ braucht’s Hightec. Das ist nicht das Ding von Al Kaida. Die Turbanfritzen kommen gerade mal mit Schwarzpulver klar, das sie in israelischen Schulbussen zur Explosion bringen.

Das sehe ich anders. Der Anschlag auf die Twin-Towers in Manhattan war eine logistische Meisterleistung!

...die aber mit Hightec nichts zu tun hatte. Wie sind denn die Flugzeugentführungen ausgegangen? Ausnahmslos mit Bruchlandungen! Das hat doch jeder am Fernsehschirm verfolgen können!

Noch einmal zum Plutonium: Seine Halbwertzeit beträgt abenteuerliche 14.000 Jahre. Kann man den nachfolgenden Generationen überhaupt zumuten, so lange auf  diese strahlende Erbschaft aufzupassen?

Sie haben das richtige Wort gesagt: Erbschaft. Auf der Sonnenseite unseres gesellschaftlichen Nachlasses, wenn ich das mal so bezeichnen darf,  bedienen sich unsere Nachfolger ungeniert. Ich nenne nur: Schulen, Strassen, Krankenhäuser, Pflegeheime.   Da kann man von ihnen gewissermaßen im Gegenzug auch verlangen, dass sie ein Auge auf unseren Atommüll werfen.

Ein Endlager für den radioaktiven Müll wird es aber in absehbarer Zeit nicht geben. Wie wollen Sie dieses Problem in den Griff bekommen?

Das Zeitproblem scheint Ihnen offenbar große Sorgen zu machen. Uns nicht! Auf uns übt es eine eher beruhigende Wirkung aus.

Sie hoffen also, dass irgendwann in der Zukunft eine Lösung gefunden wird?

Aber sicher! Die Politik zeigt uns doch, wie es geht. Viele Probleme erledigen sich durch Aussitzen. Nichtstun und abwarten, eine bewährte Verhaltensweise! Kommt Zeit, kommt Rat!

...kommt Attentat, haben die 68er hinzugedichtet ...

...und sich einmal mehr gründlich geirrt, jedenfalls was die Zukunft anbelangt.

Sie können sich also nicht vorstellen, dass der Neubau eines AKW oder der Weiterbetrieb eines Schrottreaktors bürgerkriegsähnliche Unruhen zur Folge hat?

Nein. Brokdorf ist Geschichte. So etwas wird sich nicht wiederholen. Ihre ständige Erfolglosigkeit hat die Ökologiebewegung müde und handlungsunfähig gemacht. Das Aufmucken gegen die Frankfurter Startbahn-West ist doch das beste Beispiel. Von dieser Niederlage hat sich die Protestbewegung nie wieder erholt. Wenn in 20 Jahren die nächste Piste ansteht, wird man sie auf Stelzen über die Frankfurter Innenstadt führen – und keine Hand wird sich regen. Erst recht doch nicht wegen einer Handvoll Atomkraftwerke!

Herr Huber, ich danke Ihnen für dieses Gespräch!<//b>

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