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08.04.2008

Die Krux mit den Laborwerten. Nachtrag zu "Eisen für Millionen"
Unsere Leserin Gisela S. aus dem Raum Berlin schrieb uns zum Interview mit Dr. Schaub ("Eisen für Millionen", Heft 1/07) in einer Mail: „Seit fast zwei Jahren leide auch ich unter Erschöpfungszuständen und habe aufgrund Ihres Beitrags meinen Ferritinspiegel bestimmen lassen. Er liegt bei 30. Nach Ansicht meines Hausarztes sei das durchaus in der Norm. Er meint, man solle mit der Festlegung von Normwerten für Labor-Parameter sehr vorsichtig sein. Im Hinblick auf das Speichereisen seien sich weder die Wissenschaft noch die Labore so richtig einig. Wenn nun der Normwert für Ferritin so sehr nach oben gerückt werde, stempelten wir viele gesunde Menschen kurzerhand zu Kranken. Vielleicht lasse in diesem Falle nur die Herstellerfirma von Eisenpräparaten grüßen. Hat er da ein bisschen Recht?“ Kein ganz abwegiger Gedanke. Wir nahmen ihn zum Anlass, Dr. Schaub im Nachgang noch entsprechende Fragen zu stellen.
PROVOkant: Herr Dr. Schaub, Ihre Forschungsergebnisse stoßen auf Interesse. Sie könnten indes einen „Haken“ haben: Wenn die Medizin nun tatsächlich den Normwert für Ferritin auf 50 oder gar 100 anhebt, werden da nicht sozusagen „mit einem Federstrich“ aus Tausenden gesunder Menschen Kranke gemacht?
Dr. Beat Schaub: Das könnte man sehr gut meinen. Und bei der über die Jahre hinweg „schleichenden Aktualisierung“ z. B. der für normal geltenden Blutdruckwerte bei Senioren, hat es tatsächlich den Effekt einer Krankheitserfindung gegeben. Bei der Auseinandersetzung um den Referenzbereich für das Speichereisen verhält sich die Sache genau umgekehrt. Wir wollen große Gruppen von bisher Kranken aus dem Pulk der Behandlungsbedürftigen herausführen. Wir sagen dabei mit Nachdruck: Wer sich nicht krank fühlt, braucht sich um den Ferritinwert grundsätzlich nicht zu kümmern. Ein Wert unter 100 ng/ml soll und darf nie jemanden dazu verleiten, sich deswegen krank zu fühlen. Sollte allerdings der untere Ferritinwert weiterhin bei 20 ng/ml angesiedelt bleiben, würden viele Tausend Betroffene weiterhin meist täglich symptomunterdrückende Medikamente schlucken. Und sie würden immer wieder für teures Geld abklären lassen, ob sie auch wirklich „nichts Schlimmes haben“.
Wenn die Ursache ein Eisenmangel ist und der beseitigt wird, brauchten viele dann weniger oft zum Arzt zu gehen?
Genau. Wenn kurz und langfristig das Problem des Eisenmangels erfolgreich behoben wird, besteht dafür eine große Chance. Die Menschen fühlen sich gesünder, und Symptome müssen weder abgeklärt noch behandelt werden. Das spart nicht nur Unannehmlichkeiten oder gar Leiden, sondern auch Kosten. Wohl aus diesem Grund bezahlen in der Schweiz die Krankenkassen die Behandlungen mit Eiseninfusionen in der Einsicht, dadurch die höheren Kosten für weit langwierigere Symptombehandlungen und immer wiederkehrende Abklärungen einsparen zu können.
Einer solchen vernünftigen Lösung steht aber immer noch die Tatsache entgegen, dass es keine Einigkeit darüber gibt, was nun die richtigen Normwerte sind, vor allem die untere Grenze und das anzustrebende Optimum.
Es stimmt, das Durcheinander ist noch groß. Im Kanton Zürich gilt bei 10 die untere Normgrenze erreicht, in Baselland bei 30, an der Uni Lausanne wie auch in unserem Institut bei 50. Für optimal halten wir jedoch einen Wert um die 100 und wissen uns da auch mit der Uni- Klinik Bochum einig. Die Mehrzahl der Universitäten und Laboratorien im deutschsprachigen Raum haben allerdings in den letzten 40 Jahren die in der Realität gemessenen Werte, und die liegen erfahrungsgemäß eben oft ziemlich tief, zu Normwerten gekürt und interessierten sich nicht für das Optimum. Nicht zuletzt im Gefolge unserer Veröffentlichungen setzt sich jedoch die Ansicht durch, dass dies nicht so weiter gehen kann. Es ist Dynamik in die Diskussion gekommen. Das war auch der Tenor auf der von uns initiierten Normwertkonferenz vom 22. März in Basel. Sie brachte zwar noch keine Ergebnisse im Sinne von neu vereinbarten Normwerten, aber eine wichtige gemeinsame Erkenntnis: Es lohnt sich, wenn Laborspezialisten und Kliniker miteinander diskutieren. Erstere kennen leider die Hausarztrealität nicht oder viel zu wenig. Sie passen deshalb bislang gültige Normwerte nur selten den klinischen Tatsachen an. Das wird sich bestimmt bald ändern. Die Planung von weiteren solchen Zusammenkünften wurde sehr begrüßt.
Sie sprechen von einem für die Gesundheit optimalen Ferritinspiegel und sehen diesen im Bereich zwischen 100 und 200 ng/ml. Wie sind Sie darauf gekommen?
Durch eine Auffälligkeit im Praxisalltag. Patientinnen, deren Befinden sich infolge einer Eisenaufsättigung ihrer Depots entschieden gebessert hatte, meldeten sich in der Regel mit Rückfallsymptomen dann, wenn ihr Ferritin wieder auf Werte zwischen 80 und 120 ng/ ml gesunken war, häufig nach 4 bis 8 Monaten. Andererseits mussten wir immer wieder feststellen, dass sich Menschen mit einem Ferritinwert über 200 ng/ml nicht generell besser fühlen als solche mit einem etwas niedrigeren Wert. So schien es uns gerechtfertigt zu schlussfolgern: In der Regel fühlen sich Menschen mit einem Ferritinwert zwischen 100 und 200 ng/ml besser als solche mit einem geringeren. Eines muss man dabei aber unbedingt beachten: Dieser Grundsatz gilt ausschließlich für Menschen, die sich krank fühlen. Wir haben diese Erfahrung inzwischen bei mehr als 2000 Patienten machen können. Wie viele Menschen sich mit einem Ferritinwert unter 100 oder gar unter 50 noch gesund fühlen, wissen wir nicht. Der Optimalbereich ist sehr individuell. Die Mehrheit der Bevölkerung hat ja Gott sei Dank keine Eisenmangelsymptome und fühlt sich wohl, ganz gleich, wie hoch ihr Ferritinwert auch sein mag. Wir wollen also niemanden dazu motivieren, sich krank zu fühlen. Im Gegenteil: Wer keine Beschwerden hat und deshalb keinen Arzt braucht, der sollte den Wert gar nicht messen lassen!
Wenn das Eisenmangelsyndrom, das Sie entdeckt haben, künftig von immer mehr Ärzten erkannt und mit Eiseninfusionen behandelt wird, wird das die Hersteller der Ferritinampullen, die Firma Vifor, sicher freuen. Es liegt sehr nahe anzunehmen, dass dieses Pharmaunternehmen Ihre Aktivitäten sponsert, vielleicht sogar ausgelöst hat. Gibt es da irgendwelche finanziellen Beziehungen?
Nein. Natürlich kenne ich die Arztkollegen der Firma Vifor, und seit einiger Zeit haben wir immer mal wieder einen Gedankenaustausch. Sogar mit dem Geschäftsführer. Das kann nur nützlich sein. Und Ihre Vermutung über die Möglichkeit finanzieller Unterstützung liegt bei solchen Kontakten gleichsam in der Luft. Wir sind dabei aber sehr schnell einig geworden, dass sich unser Institut in keiner Weise von dieser Firma sponsern lassen kann. Wir würden doch – ob wir das nun wollten oder nicht – in den Geruch kommen, mit unserer Arbeit einen Werbefeldzug für Vifor zu unternehmen. Nein, wir wollen selbständig und unabhängig bleiben und orientieren uns lieber an den Prinzipien der Ethik als an denen des Kapitals.
Mit dieser Ihrer Orientierung weiter viel Erfolg und vielen Dank für die Auskünfte!