
Die neue Ausgabe ist seit 30. April 2009 im Bahnhofsbuchhandel und über Internetbestellung erhältlich.

Prof. Dr. med. Roland Schaefer, Universität Münster, 08.04.2008

Fragen an die Referenten
"PROVOkant": Herr Prof. Schaefer, Sie beschäftigen sich seit Jahren mit dem Problem des globalen Eisenmangels. Die Hälfte der Menschheit soll davon betroffen sein. Gibt es da signifikante Unterschiede zwischen der so genannten ersten, der westlich zivilisierten Welt und den afrikanischen und asiatischen Ländern?
Nach Schätzungen der WHO sind weltweit wohl tatsächlich 3.5 Milliarden Menschen von einem Eisenmangel betroffen, etwa 2 Milliarden leiden an einer Eisenmangelanämie (30% der Weltbevölkerung). Natürlich ist dieser Mangel in Ländern der dritten Welt sehr viel häufiger anzutreffen als in den Industrienationen. Nach Daten des Centers for Disease Control in Atlanta, USA sind aber immerhin 12% der gebärfähigen Frauen in den USA von einem Eisenmangel betroffen.
Warum hat die Natur einen globalen Eisenmangel dieses Ausmaßes zugelassen?
Es ist tatsächlich kein Zufall, dass der Eisenmangel derart weit verbreitet ist. Die Frau erleidet durch Menstruation, Schwangerschaft, Geburt und Stillzeit einen quasi vorprogrammierten chronischen Eisenverlust, der nur unter wirklich optimalen Ernährungsbedingungen ausgeglichen werden kann. Dieser Mangelzustand ist bis zu einem gewissen Grad wahrscheinlich sogar von der Natur erwünscht, denn er führt dazu, dass auch die entsprechenden Neugeborenen mit relativ wenig Eisen auf die Welt kommen...
Wie kann das die Natur "wollen"? Ist ein solcher frühzeitiger Mangel nicht von Nachteil?
Zunächst nicht. Im Gegenteil: In einer Umgebung mit relativ hoher infektiöser Gefährdung ist das ein gewisser Überlebensvorteil. Die meisten Mikroorganismen benötigen nämlich, wie wir Menschen auch, Eisen als Wachstumsfaktor. Sie können sich darum in an Eisen verarmten Menschen nur mit Mühe vermehren. Auf der anderen Seite sind ausgeprägte Eisenmangelzustände ganz klar ungünstig, da sie mit schweren Entwicklungsstörungen bei Kindern und Jugendlichen einhergehen.
Ist das Defizit an diesem wichtigen Element ein relativ neues Phänomen? Oder litten schon frühere Generationen darunter?
Man darf davon ausgehen, dass sich der Mensch während seiner Entwicklungsgeschichte eigentlich kontinuierlich in einem Eisenmangelzustand befunden hat. Eine solche Vermutung erklärt auch die in vielen unterschiedlichen Populationen relativ weite Verbreitung von Genen, welche eine Steigerung der Eisenaufnahme aus der Nahrung bedingen. Dies wiederum kann, wenn genug Eisen in der Nahrung vorliegt, sogar zu Eisenüberladungszuständen führen.
In den Lehrbüchern wird im Hinblick auf die Symptome des Eisenmangels eigentlich nur die Anämie, genauer: die Eisenmangelanämie, erwähnt. Sie haben schon über Eisenmangelzustände publiziert, bei denen Anämie noch keine Rolle spielt, und Sie substituieren Eisen auch bei Patienten, die nicht an Anämie leiden. Sie sind damit offensichtlich ein Außenseiter. Hat die Hochschulmedizin von der Definition des Eisenmangelsyndroms ohne Anämie eigentlich schon Kenntnis genommen? Wenn ja, warum vernachlässigt sie dann dieses Syndrom bisher weitgehend?
Ich möchte nicht sagen, dass die Hochschulmedizin den Eisenmangel vernachlässigt hat, aber die Diagnostik und Therapie des Eisenmangels sind nun mal intellektuell nicht besonders aufregend und muss deshalb auch nicht unbedingt an Universitätskliniken erfolgen. Aber es gibt natürlich auch Ausnahmen: Wenn Sie mich anschauen, ich komme ja auch aus einer Hochschule und beschäftige mich seit Jahren mit dem Eisenmangel und seinen Folgen. Betrachtet man sich das wissenschaftliche Schrifttum, so sind die mitunter sogar tödlichen Folgen des isolierten, d. h. ohne Anämie auftretenden Eisenmangels seit mehr als einem Jahrzehnt gut belegt. Das Center for Disease Control in Atlanta, USA, wies bereits 1998 in seinen Empfehlungen darauf hin, dass die Identifikation von Personen mit isoliertem Eisenmangel ebenso wichtig ist, wie die Erkennung einer Eisenmangelanämie.
Halten Sie es für machbar, das Problem des weltweiten Eisenmangels auch weltweit zu bekämpfen? Die ETH Zürich hat Ende 2007 erstmals ein mit Eisen angereichertes Kochsalz herstellen können und es in marokkanischen Schulklassen mit Erfolg in der Schulspeisung eingesetzt. Sähen Sie u. a. darin einen gangbaren Weg?
Ja. Es gibt eine ganze Reihe von Projekten in Drittweltländern, aber auch in Industriestaaten, dem Eisenmangel durch mit Eisen angereicherte Nahrungsmittel zu begegnen. Wichtig ist dabei, die entsprechenden Risikogruppen zu erreichen (Frauen im gebärfähigen Alter, besonders schwangere, sowie Kinder und Jugendliche, speziell Kleinkinder und Säuglinge). Neben dem von Ihnen erwähnten Kochsalz gibt es in Asien auch mit Eisen angereicherte Soja-Sauce und einen entsprechenden Reis.