
Die neue Ausgabe ist seit 29. Oktober 2009 im Bahnhofsbuchhandel und über Internetbestellung erhältlich.

29.01.2009

Selbst Werbeprospekte regen hin und wieder zum Denken an. So, liebe Leser, geschah es mir kürzlich in einem Restaurant. „Willkommen im Redo XXL“ begrüßte da ein auf Hochglanzpapier gedruckter Anzeiger die Gäste. Die mehr als ein Dutzend Fotos schlemmender Kostgenießer darin hätten sicherlich selbst den alten Lukullus neidisch gemacht. Auf einer der Seiten fand man sogar den wahrscheinlich gestellten „Schnappschuss“ zweier kleiner Mädchen, die sich gerade daran machen, jede für sich, eine Art Riesen-Hamburger von etwa 40 Zentimeter Durchmesser zu verdrücken. Wettkampfmäßig, versteht sich; denn in die Sprechblase hatten die Layouter eingeblockt: „Top, die Wette gilt!“
Hinzufügen möchte ich, dass ich - wie es ein sinnvoller Zufall wollte - just in jenen Tagen ein Büchlein von Jean Ziegler las, dem langjährigen Sonderberichterstatter der UNO-Menschenrechtskommission für das Recht auf Nahrung. Es hat den Titel „Wie kommt der Hunger in die Welt?“ Das kleine Buch kann, weil schon etwas älteren Datums, nicht mehr ganz aktuell sein. Ziegler nennt darin für 1999 die Zahl von 828 Millionen Menschen, die schweren Hunger leiden. Doch heute, zehn Jahre später, sind es offensichtlich sehr viel mehr. Und das, während Kinder hierzulande zum Wettessen von XXL-Portionen animiert werden dürfen. Auch das ist ein Stück falsch verstandener Freiheit.
Aber dieser schreiende Widerspruch trägt in unseren Breiten weiteres Widersinnige in sich: Gewiss haben auch Sie vor Weihnachten, dem zur Konsum-Olympiade degradierten Fest, die Befürchtungen mancher unserer Ökonomen mitbekommen. Allen Ernstes bangten sie, die Leute könnten diesmal vielleicht zu wenige Geschenke kaufen. Um Himmels Willen, was sollte denn dann die Konjunktur dazu sagen?! Ja, sie haben wirklich alle Recht, die sich um unsere Kaufkraft sorgen. Aber gut wäre es, gälte diese Sorge tatsächlich unserer Kraft, das Leben zu erhalten und - der Leistung und dem Geleisteten entsprechend - angemessen zu gestalten. Dann ginge es nicht um das Räderwerk der Konjunktur, sondern wirklich um die Menschen. Man muss es sich auf der Zunge zergehen lassen: Wir sollen (mehr) kaufen, damit wir (mehr) produzieren können. Sollten wir nicht lieber sagen: Produzieren wir, damit wir etwas kaufen und verbrauchen können! Doch, halt! Das wäre bereits Utopie!
Es ist schon eine verkehrte Welt. Aber wir haben uns so sehr an sie gewöhnt, dass wir sie uns „richtigherum“ nicht denken können. Und in diese verkehrte Welt passen Wettessen von XXL-Portionen recht gut. Die Hungernden, die meist noch weit weg (oder teilweise auch schon ganz nah!) sind, wohl eher nicht. Welch ein Mechanismus muss das sein, in dem Arbeit von Hand und Hirn ihre Chance verliert, wenn und weil dieselben Menschen, die sie nicht verrichten dürfen, keine oder nur wenig von den Arbeitsfrüchten genießen können. Da kann einem schon schwindlig werden! Aber mehr noch ist zu fragen: Warum muss sich eine Gesellschaft eine Menge Geld leihen (und dafür noch Zinsen zahlen), um mit Hilfe der nun vielleicht größeren Nachfrage Arbeitsplätze zu sichern? Heißt das nicht eigentlich, dass dieses Geld, welches wir uns nun borgen müssen, sich wahrscheinlich zu Unrecht bei unseren Gläubigern anhäuft?
Auf der Seite 45 dieser Ausgabe haben wir das Buch eines jungen Österreichers vorgestellt: „Neue Werte für die Wirtschaft“. Der Autor Christian Felber geht darin diesen geradezu verwirrenden Fragen weit gründlicher nach. Und er gibt interessante Antworten. Ich empfehle Ihnen wärmstens, das Buch zu lesen, und möchte in diesem Sinne gern provokant sein.
Günter Baumgart