Neue Ausgabe Oktober/November/Dezember 2009

Die neue Ausgabe ist seit 29. Oktober 2009 im Bahnhofsbuchhandel und über Internetbestellung erhältlich.

Mit Beihefter "Krebs als Chance"

Gute Bücher

Ein „Navi“ für den „dritten Weg“

29.01.2009


Christian Felber: Neue Werte für die Wirtschaft.
Eine Alternative zu Kommunismus und Kapitalismus.
Deuticke im Paul Zsolnay Verlag Wien 2008

Als im Kalten Krieg die Waffen zweier Gesellschaftssysteme aufeinander gerichtet waren, schien es, als müsse die Menschheit entweder dem Kurs des einen oder dem des anderen folgen. Die Trossführer auf der bereits befestigten kapitalistischen Rennstrecke reklamierten für sich Erprobtheit, Wohlstand und vor allem Effizienz. Die Routenplaner des noch weithin urbar zu machenden realsozialistischen Sommerweges hingegen versuchten die Menschen letztlich mit Gewalt in dem Glauben zu halten, die ursprünglich gute Absicht einer Befreiung werde bei diesem Wettgang tatsächlich realisiert. Nach den Wende-Jahren dann bewegten sich wieder nahezu alle auf der alten, eingefahrenen Trasse. Auch wenn Unebenheiten und Schlaglöcher zunahmen und sich die Ahnung verdichtete, am Ende stießen wir auf einen Abgrund. 

Schon seit Längerem haben darum Skeptiker beider Routen nach einer weiteren gesucht. Nach jenem fast schon legendären „dritten Weg“, den einige, wie die Reformer von Prag 68, sogar bei erlebter Strafe der Rückführung zu beschreiten begannen. Einer, der den alten Traum von einer Alternative zu beiden konträren Systemen nicht nur für realistisch, sondern seine Verwirklichung heute für dringend geboten hält, ist der 1972 geborene österreichische Publizist und Attac-Aktivist Christian Felber. Auf über 300 Seiten seines Buches „Neue Werte für die Wirtschaft“ geht er der Frage nach, welche Chancen es in unseren Tagen gibt, das in die Jahre gekommene kapitalistische Wirtschaftssystem zu überwinden. Und dies auf eine Weise, die „unseren demokratischen und humanistischen Grundwerten ... Freiheit (Selbstbestimmung), Gleichheit (Gerechtigkeit), Brüderlichkeit (Solidarität), Verantwortung, Vertrauen, Verbundenheit und Mitgefühl“ entspricht. Denn, so schreibt er, diese passen mit den praktizierten kapitalistischen Werten „Leistung, Konkurrenz, Effizienz, Gewinn und Wachstum“ nicht zusammen. Bislang vermochte man diesen eingewurzelten Widerspruch hinreichend zu verdecken, und es gab offenbar auch keine materielle Basis für seine Aufhebung.

Felber klopft deshalb sehr gewissenhaft alle entscheidenden Parameter unserer wirtschaftlichen Realität ab. Er zeigt eine Reihe Möglichkeiten auf, diese gewohnte Wirklichkeit mittels sanfter Therapie und unter Berücksichtung ihrer „körpereigenen“ Mechanismen zu verändern. Ihm geht es um das Instrumentarium, mit dem sie in ein Entwicklungsstadium geleitet werden kann, das tatsächlich die Attribute demokratisch und humanistisch verdient.  So untersucht er die verschiedenen Interpretationen und Daseinsweisen der Freiheit, vor allem aber die Frage nach der Verfügung über sie. Er durchleuchtet die wirtschaftsalltäglichen Kriterien „Erfolg“, „Wettbewerb“ und „Leistung“, hinterfragt das widersprüchliche Zusammenspiel von Eigenverantwortung, sozialer Verantwortung und einer darauf nur höchst zweifelhaft gründenden Chancengleichheit. Dabei stellt der Autor alle Kapitel und Abschnitte, die er diesen Komplexen widmet, gleichsam in das Licht einer zentralen Frage: Sind wir Menschen „von Natur aus fähig“, anders miteinander unser Tagwerk zu verrichten als immer nur unter Einsatz unserer Ellenbogen? Müssen wir beim Vorwärtskommen unbedingt schneller sein als unser Nebenmann und ihm dabei möglichst noch ein Bein stellen, wenn wir selbst nicht Gefahr laufen wollen, zu stürzen und zurückgelassen zu werden?

Christian Felber geht genau dagegen an: „Die vielleicht größte Freiheitsbeschränkung des Kapitalismus“, schreibt er, „ist die Behauptung einer ganz bestimmten Menschennatur - natürlich einer, die in das Konzept passt: der Mensch sei ichsüchtig, gierig und konkurrenzlüstern.“ Ja - er sei sehr wohl zu all diesen Untugenden fähig, wenn er dazu erzogen und darin bestärkt werde. „Alle jedoch“, fährt er fort, „die nicht eins zu eins nach Dagobert Duck geraten sind, wissen, dass der Mensch zu anderem zumindest ebenso fähig ist: zur Empathie, zum Mitgefühl, zum spontanen Helfen, zur Kooperation und zum Teilen.“ Entscheidend sei, welche Verhaltensweisen unsere gesellschaftlichen Institutionen fördern oder hemmen.

Das Wertvollste an diesem erfrischend lesbaren Buch ist, dass sein Autor es nicht bei Analyse, Kritik und Forderungen belässt, sondern konkrete und plausible Vorschläge unterbreitet. Es erfüllt - locker gesagt - die Funktion des „Navi“ für einen durchaus gangbaren Weg. Indes hat es dabei, um bei diesem Vergleich zu bleiben, den Vorteil, nicht, wie das „Navi“ in unserem Auto, die Route alternativlos vorzuschreiben, sondern es regt den Leser immer wieder an, sich an der flexiblen Programmierung des einzuschlagenden Kurses zu beteiligen.

Günter Baumgart

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