Medizin von unten
Eine fast vergessene Fähigkeit
29.01.2009

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In der Flitterwelt verzücken Superstars Massen von Fans, und in der Politik können längst nicht mehr nur Amateur-, sondern auch professionelle Mimen Präsidenten und Gouverneure werden. „Normal“ gebliebene Schauspieler hingegen stehen auf dem fraglichen Reputationstreppchen der Gesellschaft nicht gerade weit oben. In den Reihen der Wissenschaft, der Medizin gar, haben sie jedoch offenbar nun wirklich nichts verloren. Glaubt man. Was aber, wenn einer von ihnen ein ernst zu nehmendes Sachbuch schrieb? Ein zwar nur 166 Seiten schmales, doch auf seine Weise wichtiges und gewichtiges, das uns - sehr anschaulich und gut begründet - an einen fatalen Umstand gemahnt: Nahezu allen von uns sei eine uralte Fähigkeit abhanden gekommen - der richtige, von der Natur vorgesehene Gebrauch unseres Kau-Apparates. Der Titel des Büchleins „Kau Dich gesund!“ mag nicht wenigen Lesern ein wenig missionarisch, erscheinen - einzuordnen allenfalls in die Phalanx der Wunderrezepte. Bereits ein einziger Satz aus den zahlreichen ärztlichen Gutachten machte uns indes neugierig, den Ernst dieses Buchtitels zu hinterfragen. Der Arzt, Psychoanalytiker und Hypnotherapeut Dr. Falko Kronsbein wird nämlich wie folgt zitiert: „Der Umgang mit dem Essen ist ein Grundmuster des Umgangs mit uns selbst.“ Darüber und über die Bedeutung des neuen Wortes „Schmauen“ sprachen wir mit dessen Erfinder, dem Buchautor und Schauspieler Jürgen Schilling, München.
Gedanken-Splitter aus dem Interview:
- Würde ein Monteur, der an einem Fertigungsband von BMW die allerersten Handgriffe zu meistern hat, immerzu nur schludern, gäbe es an den nachfolgenden Montagestationen eine Menge Trouble. Nicht anders verhält es sich am „Fließband“ unserer Verdauung. Die meisten Menschen betrachten den Mund - unseren „ersten Magen“ - lediglich als Durchrutsch-Station.
- In diesem Sinne schrieb der 2003 verstorbene Ehrenvorsitzende der Internationalen Gesellschaft der F. X. Mayr-Ärzte, Dr. Erich Rauch, als Vermächtnis in mein Buch: „Sie haben Recht. Würden die Leute lernen wollen, ganz anders zu essen, würden etliche interne und kardiologische Krankenstationen nicht mehr benötigt werden.“
- Ich möchte die Menschen im wahrsten Sinne des Wortes „auf den Geschmack bringen“, aus ihrer Nahrung allen Wohlgeschmack herauszuziehen. Dabei geht es um ein äußerst harmonisches Zusammenspiel von lustvollem Kauen, Einspeicheln, Riechen und Schmecken der Nahrung.
- Im Begriff des „Schmauens“ verbinde ich das Schmecken mit dem Kauen. „Schmauen“ ist keine Diät, sondern es bewirkt ein neues, gesünderes und genussvolleres Essverhalten. Man darf dabei essen und trinken, was man möchte, ganz gleich wie lange, wie oft, wie spät und wie süß. Man wird dabei schlank und gesund, und bleibt es auch.
- Man sagt immer: Du bist, was Du isst. Ich sage: Du bist, wie Du isst. Selbst die teuerste biologische Ernährung bringt uns nur so viel, wie wir selbst ihr abgewinnen. Die Art, wie heutzutage viele Menschen die Speisen zu sich nehmen, trägt längst die Züge unserer Wegwerfgesellschaft. Wir leben in ständiger Erwartung von Künftigem und zugleich in Angst, etwas zu versäumen.
- Wer ist denn heute noch in der Lage, den Eigengeschmack eines Lebensmittels zu erspüren? Viele Kinder können frische Erdbeeren gar nicht mehr genießen, weil ihnen dabei der künstliche Erdbeergeschmack diverser Süßigkeiten fehlt.
- Im Selbstversuch habe ich das „Schmauen“ zunächst nur für mich alleine entdeckt. Ich reduzierte auf diese Weise mein Gewicht dauerhaft um 30 Kilo, ohne auf etwas zu verzichten. Und ich kurierte dadurch auch meine bereits chronischen, therapieresistenten Magen- und Darmbeschwerden.
- Bisher belegen drei wissenschaftliche Studien die gesundheitsbringende Kraft des „Schmauens“ In der bisher letzten konnte z. B. nachgewiesen werden, dass es helfen kann, Diabetes Typ 2 zu verhindern.
- Bevor die Fähigkeit zum „Schmau“-Genuss in neuronalen Schaltungen unseres Gehirns integriert ist, bedarf es schon einiger Übung. Eine so lange verschüttete Fähigkeit lässt sich nicht so nebenbei zurückgewinnen. Wer’s aber geschafft hat, dem erschließt sich täglich eine neue Welt des Genusses.
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