
Die neue Ausgabe ist seit 29. Oktober 2009 im Bahnhofsbuchhandel und über Internetbestellung erhältlich.

Ökonomisch-Theologisches
29.01.2009

Wider die Anpassung der evangelischen Kirche an die Macht der Wirtschaft.
Aktivisten der Ökumene widersprechen einer Denkschrift der EKD.
Als der Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) voriges Jahr unter dem Titel „Unternehmerisches Handeln in evangelischer Perspektive“ eine Denkschrift veröffentlichte, war es erst Juli. Also hatte die Finanzkrise den Wind noch nicht gedreht. Dies könnte eine Erklärung dafür abgeben, dass neue Töne, wie sie etwas später auch von den Verfassern dieser Schrift zu hören waren, noch nicht geboten schienen. Noch war es offenbar opportun, dem neoliberalen Zeitgeist zum Munde zu reden. Die „Wirtschaftswoche“ (mit deren Autor Dr. Patrick Adenauer wir uns im vorliegenden Heft auseinandersetzen) charakterisierte mit nur vier Worten Titelzeile den Inhalt dieser Denkschrift prägnanter, als es je ein Kommentator vermocht hätte: „Frieden mit dem Kapital“.
Doch waren es, Gott sei Dank, unter den deutschsprachigen Christen nicht nur Vereinzelte, die darauf hellhörig reagierten. Eine Gruppe von neun Aktivisten der ökumenischen Bewegung um die beiden Theologieprofessoren Ulrich Duchrow und Franz Segbers unterzeichneten als erste ein Memorandum, das der genannten Unternehmerdenkschrift der EKD biblisch-theologisch und wirtschaftswissenschaftlich widerspricht. Sie gaben zudem ein Buch heraus, dessen (von der „Wirtschaftswoche“ entlehnten) Titel sie bewusst mit einem dicken Fragezeichen versahen: „Frieden mit dem Kapital?“ Im Sinne des gewählten Untertitels „Wider die Anpassung der evangelischen Kirche an die Macht der Wirtschaft“ werfen die Autoren dieser etwa 200 Seiten umfasenden Schrift zentrale Fragen des latenten gesellschaftlichen Umbruchs der Gegenwart auf, die uns auch in den kommenden Ausgaben beschäftigen werden.
Mit freundlicher Genehmigung des Verlages Publik-Forum Oberursel stellen wir in dieser Ausgabe unseren Lesern einen Ausschnitt aus oben erwähntem Memorandum an Christinnen und Christen, Gemeinden und Kirchen vor, das - so glauben wir - im Grunde an alle denkenden Bürger unseres Landes gerichtet ist. Dieses programmatische Bekenntnis, das das A5-Büchlein einleitet, könnte in der heutigen politisch-geistigen Auseinandersetzung - so denn die Zeit dafür reif wird - vielleicht eine ähnliche Rolle spielen wie vor fast 500 Jahren die Thesen, die Martin Luther an die Schlosskirche zu Wittenberg schlug.
Textauszug
aus dem Buch „Frieden mit dem Kapital? Wider die Anpassung der evangelischen Kirche an die Macht der Wirtschaft“, Herausgeber: Ulrich Duchrow und Franz Segbers , Publik-Forum Edition, 2008. Autoren: Frank Crüsemann,, Ulrich Duchrow, Heino Falcke, Christian Felber, Kuno Füssel, Detlef Hensche, Siegfried Katterle, Arne Manzeschke, Silke Niemeyer, Franz Segbers, Ton Veerkamp und Karl Georg Zinn:
Entscheidend für die sozialethische Tradition des deutschen sozialen Protestantismus ist, nicht von der Summe der einzelnen „ehrbaren Kaufleute“ einen verbesserten Kapitalismus zu erwarten, sondern gerade von einem handlungsfähigen und handlungswilligen Staat, der die Handlungsfreiheit der Unternehmer begrenzt. Dass ein einzelner Unternehmer seine Kosten minimieren will und muss, liegt in der Logik des Systems und ist ihm auch im Blick auf seine Person nicht vorzuwerfen. Damit diese Logik aber nicht zerstörerisch wirkt, muss sie durch Recht begrenzt werden. Nicht die einzelwirtschaftliche Logik hat Vorrang, sondern eine widergelagerte Gesellschaftspolitik (Wilhelm Röpke). Priorität hat die Verantwortung der Politik für eine „bewusst soziale Steuerung des Marktes (Ziff. 143, Sozialwort), erst nachgeordnet und nachrangig ist der moralbewusste „ehrbare Kaufmann“ in seiner Verantwortung gefordert. Ebendiese Reihenfolge und Gewichtung aber revidiert die Denkschrift.
Der Irrweg der EKD-Denkschrift besteht deshalb gerade darin, die systemischen Probleme zu personalisieren. Eine wichtige Ursprungslinie des Verantwortungsgedankens führt zu Dietrich Bonhoeffer, der aus seiner Erfahrung des Widerstands neu und für den Protestantismus entscheidend über kirchliche Verantwortung nachgedacht hat. Zur Verantwortung gehört es, „dem Rad in die Speichen zu greifen, wenn der Kutscher betrunken ist“. Dies ist heute im Blick auf die immer totalitärere Wirtschaft und die Rolle des Staates neu zu buchstabieren. Wer wie die Denkschrift nur auf „ethisches Bewusstsein, klare Orientierung und Gebote sowie auf spirituelle Beheimatung“ (Vorspann zu Ziff. 125) der Unternehmer setzt, um menschenunwürdigen Entwicklungen vorzubeugen, verzichtet auf die Gestaltung der Rahmenbedingungen und lässt zu, dass sich die Krisen verschärfen. Dass sich die evangelische Kirche dazu hergibt, ist nicht nur ein Ärgernis, sondern ein theologischer Skandal. Sie macht sich dadurch kompatibel mit einem neoliberalen Staats- und Wirtschaftsverständnis, das nur das Individuum in seiner Eigenverantwortung kennt, und gerät so prompt in die neoliberale Falle.
Ist es nicht eine Ironie der Geschichte, dass die Denkschrift gerade in dem Moment erscheint, in welchem das Kartenhaus des Casino-Kapitalismus zusammenzubrechen droht, würden die Staaten nicht eingreifen? Aber sie greifen ein, um die Verluste des spekulativen Kapitals mit Steuergeldern auszugleichen, nachdem die Gewinne privatisiert wurden - nicht um die Wirtschaft sozial und ökologisch zu steuern. Hier zeigt sich erneut, welches Machtkartell Politik und Kapital im gegenwärtigen System bilden. Die Denkschrift spricht nur verharmlosend über Macht. Sie mahnt an, dass den „Unternehmern eine besondere Verantwortung erwächst“ (Vorspann zu Ziff. 50). Doch Macht wird nicht durch Ermahnung, sondern durch Recht und Gegenmacht besonders der Betriebsräte und Gewerkschaften begrenzt. Deshalb ist es auch ein konzeptionelles Manko, dass andere am Prozess des Wirtschaftens beteiligte Personen und Institutionen nicht erwähnt werden.
Im von der Denkschrift propagierten Bild eines gottgefälligen Unternehmertums hat der wirtschaftliche Alltag keinen Platz. Wenn die soziale, ökologische und ökonomische Realität in ihrer desaströsen Gestalt erwähnt wird, dann geschieht dies im verharmlosenden Gewande des bedauerlichen Einzelfalls oder des systemwidrigen Ausrutschers. Die Denkschrift zeichnet ein - noch dazu plump idealisierendes - Oberflächenbild unternehmerischen Handelns und ist peinlich darauf bedacht, die Triebfedern, Zwänge und Interessen, die die kapitalistische Ökonomie bestimmen, zu verschweigen. Nur ein Mal, gleichsam als Pflichtübung an versteckter Stelle, findet sich die Feststellung, dass die moderne Wirtschaft „in ihrem Kern angetrieben wird durch das Eigeninteresse und die Selbstverwertung des Kapitals“ (Ziff.128). Daraus werden aber weder analytische noch theologische Konsequenzen gezogen.
Eine Wirtschaft, die vom Wettlauf um die höchstmögliche Rendite getrieben wird, ist blind für die sozialen, ökologischen, volkswirtschaftlichen und gesellschaftlichen Folgen; ja, sie tendiert im Streben nach Kostensenkung strukturell zum Raubbau an sozialen und natürlichen Ressourcen. Wohlstand, Zukunftsvorsorge, Erhaltung der Lebensgrundlagen gelingen nur auf der Basis rechtlicher Bindungen und Kontrollen und indem bestimmte Güter und Dienstleistungen den Gesetzen des Marktes entzogen werden. Die Vorstellung, dass bei funktionierendem Wettbewerb „weder Konsumenten noch Arbeitnehmer ausgebeutet (werden) und es (...) keine Diskriminierung (gibt), da der, der diskriminiert, einen Wettbewerbsnachteil erleidet“ (Ziff. 44), gehört zu den täglich widerlegten Lebenslügen.
Dabei hätte in der evangelischen Sozialethik und der katholischen Soziallehre das bewährte Kriterium bereit gelegen: Arbeit vor Kapital. Ökonomische Prozesse vom arbeitenden Menschen her zu erschließen wäre ein Ansatz gewesen, der die biblisch grundlegende Option für die Armen wirtschaftsethisch sachgerecht auslegen kann. Die abhängige Arbeit und ihre reale Lage aus der Perspektive der Option für die Armen, welche die Denkschrift angeblich als Kriterium wählt, ist der kritische und ethische Maßstab zur normativen Beurteilung ökonomischer Systeme. Hätte die Denkschrift den Mut, die Konsequenzen der sozialethischen Kriterien, die sie selber formuliert hat, zu ziehen, dann wäre sie nicht einfach nur zu einer Legitimierung der Interessen einer partikularen Minderheit der Arbeitgeber und ihrer Sicht der Dinge geworden.