
Die neue Ausgabe ist seit 29. Oktober 2009 im Bahnhofsbuchhandel und über Internetbestellung erhältlich.

Heiterer Ernst
29.01.2009

Robert Babiak-pixelio
Erich Schöndorfs satirische Interviews (Folge 3)
Von der Metamorphose einer Klima-Politikerin.
Physikalische Sicht auf ökonomische Scherereien.
Diesmal mit Bundeskanzlerin Angela Merkel.
Es gibt den alten Sponti-Spruch. „Wenn Wahlen etwas ändern würden, wären sie verboten.“ Aus der Tatsache, dass sie bei uns auch in diesem Jahr noch immer erlaubt sind, kann man messerscharf schließen: Aller weltlichen Voraussicht nach wird sich auch bei den anstehenden Urnengängen nicht wirklich etwas ändern. Wahlen aber, die unabhängig von ihrem Ausgang die bestehenden Verhältnisse unangetastet lassen, sind ein Offenbarungseid des politischen Systems. Wenn die daraus resultierende Verdrossenheit auch noch nicht in aktiven und kreativen Verdruss mutiert, so ist man doch zumindest neugierig, wie wohl der Mechanismus jener konservierenden Effektlosigkeit beschaffen ist. Gerade erst untermauerte doch unsere Bundeskanzlerin Angela Merkel die genannte Sponti-Wahrheit auf ihre eigene Art: Gleichsam von heute auf morgen „relativierte“ sie Ihre ehrgeizigen Klimaziele, für die sie zuvor weltweit so große Anerkennung erhalten hatte. Und dies tat sie dermaßen markant, dass man gar nicht daneben läge, wollte man sagen: Sie hat sie aufgegeben. Auch ihre wirtschaftspolitische Führungsrolle trat sie mittlerweile eher stillschweigend an Nachbar Frankreich und an Großbritannien ab.
Unser Autor Erich Schöndorf, der gerne hinter die Kulissen des politischen Alltags schaut, hat einmal mehr nach den Hintergründen dieses Kurswechsels geforscht. Mehr noch: Es reizte ihn herauszufinden, warum die noch immer herrschende Klasse trotz aller Krisen weiterhin so unheilbar optimistisch ist, darauf zu bauen, dass das Volk auch weiterhin so harm- und widerspruchslos all das hinnimmt, was man ihm zumutet. Sein erfundenes Gespräch führte er deshalb für diese Ausgabe mit der Bundeskanzlerin.
Zwei Auszüge aus dem satirischen Interview:
Erich Schöndorf: Beim Klimaschutz, Frau Merkel, haben Sie sich aber auch emotional heftig ins Zeug gelegt. Das Foto, das Sie in Grönland zusammen mit Ihrem Ministerkollegen Gabriel vor einem sterbenden Eisberg zeigte, ging zu Herzen. Es soll tausende Grünwähler spontan zum Seitenwechsel veranlasst haben.
Angela Merkel: Diese Aufnahme hat nie meine Billigung erfahren. Gabriel hat ohne mein Wissen die Kamera so manipuliert, dass das Schmelzwasser des Eisbergs als Tränen in unseren Augen erschien. Das war nicht korrekt. In Wirklichkeit waren wir in Gedanken schon an der Hotelbar. Ich konnte gerade noch verhindern, dass er mir einen toten Eisbären vor die Füße legte.
(...)
Übrigens: Nikolaus Sarkozy soll mit seinem Konjunkturprogramm ruhig voran gehen. Wenn er Erfolg hat, ziehen wir nach.
Daran erkennt man die Naturwissenschaftlerin. Nur Wissen zählt!
Richtig. Schließlich bin ich, wie gesagt, von Hause aus Physikerin. Und hin und wieder bricht die in mir einfach durch. Dann fixiere ich mich ausschließlich auf Wahrheit und Objektivität.
Um Himmels Willen, Frau Merkel. Das muss für Sie in der Rolle einer Politikerin ja furchtbar sein!
Ist es auch. Insbesondere unser ökonomisches System bringt mich bald an den Rand des Wahnsinns: Soziale Marktwirtschaft als Mogelpackung, als Blackbox mit unbekanntem Inhalt. Globalisierung als Spielwiese der Chaostheorie. Fünf Weise als Rate-Team ohne Fortune. Börse als Casino mit manipuliertem Roulettetisch. Das Schlimmste dabei ist: Wir haben die Kontrolle über die Null verloren. Ich meine die vor dem Komma. Deshalb verplanen wir auch Summen, die wir uns nicht vorstellen können. Und die wir gar nicht haben.
Ist das nicht schon mehr Philosophie als Physik?
Sie haben Recht: Deshalb möchte ich sagen: Die Krisen kommen und gehen, und wir wissen nicht wann und warum.
Jetzt mache ich mir aber ernsthaft Sorgen um Sie. Wie oft kommen denn diese Erleuchtungen?
Keine Angst, nur sehr selten, und sie sind auch schnell wieder vorbei. Wie jetzt gerade. In einer halben Stunde sitze ich bereits wieder beim Steinbrück. Da wird nicht philosophiert. Da handwerkeln wir und überlegen uns, wie wir dem Volk einen gefühlten Aufschwung näher bringen können.
(...)