Heiße Eisen
Chance für Frankensteins Immen?
11.05.2009

Valery Kirsanov-fotolia.com
„Verratene Symbiose?“ überschrieben wir einen Fragenkatalog, mit dem wir im vorigen Heft indirekt das auf diesen Seiten folgende Interview ankündigten. Immer häufiger verschaffen sich in den Medien Nachrichten einen Platz, aus denen ein weltweit einsetzendes Bienensterben hervorgeht. Vor allem Industrieländer sind davon betroffen. Voran die USA, aber auch Deutschland. Allein im süddeutschen Raum - in der Oberrheinebene und in einigen Gegenden Bayerns - gingen vergangenes Jahr zwölftausend Bienenvölker zugrunde. Wie wir aus Imkerkreisen erfuhren, waren offizielle Stellen sehr schnell dabei, die Haupt- oder gar die ausschließliche Ursache dafür einem Befall mit der Varroa-Milbe zuzuschreiben. Bienenzüchter jedoch vermuteten schon seit Jahren, dass für die Schwächung und das Sterben der Honigbienen weit mehr die Zunahme von Umweltbelastungen aller Art verantwortlich ist. Ihre Warnungen indes wurden entweder in den Wind geschlagen oder aber zumindest sehr ungern gesehen. Dann aber ließen sich - zumindest in diesem Fall - die Tatsachen nicht mehr verbiegen oder verschweigen.
So bestätigte das Landwirtschaftsministerium von Baden-Württemberg im Januar 2009 einen Bericht, dem zufolge diese zum Glück noch begrenzte Katastrophe doch auf die Vergiftung der Bienen mit einem Pestizid zurückzuführen ist. Nun ist dessen Zulassung in Deutschland zunächst widerrufen worden. Eine Reihe technischer Maßnahmen soll die Anwendung dieses Giftes aber offenbar wieder unbedenklich machen. All das veranlasste beispielsweise die „Berliner Zeitung“, am 27. Januar ihrem ausführlichen Beitrag zu dieser Angelegenheit die Schlagzeile „Ohne Angst ins Frühjahr“ zu geben. Untertitel: „Imker atmen auf: Die Ursache für den rätselhaften Bienentod ist gefunden und beseitigt“. Ist dieser Optimismus berechtigt? Hierüber und über die zunehmenden Sorgen der Imker sprachen wir in Seeshaupt am Starnberger See mit dem Präsidenten des Europäischen Berufsimkerbundes Walter Haefeker.
Gedankensplitter aus dem Interview:
- In Deutschland werden immer wieder Chemikalien zugelassen, die in europäischen Nachbarländern wegen nachgewiesener Bienenschäden verboten sind.
- Wenn beim chemischen Pflanzenschutz Wirkstoffe gegen Insekten eingesetzt werden, befinden sich unsere Honigbienen, aber auch Wildbienen, Hummeln oder Schmetterlinge immer mit in der Schusslinie.
- Interessanterweise wirbt Bayer in den USA damit, dass beispielsweise der Impfstoff Imidacloprid bereits in geringen Konzentrationen das Sozialverhalten von Termiten so stark stört, dass die Kolonie zusammenbricht. Bei den Bienen aber leugnet man genau eine solche Wirkung.
- Am Chemiestandort Deutschland scheint es eine unabhängige Bieneforschung deutlich schwerer zu haben. Es gibt eine zu enge Verflechtung von Wirtschaftsinteressen, Forschung und Behörden. An den für die Bienen lebensbedrohlichen Giften werden Milliarden verdient.
- Die Gentechnik verändert Pflanzen mit dem Ziel, dass sie nun selbst die insektentötenden Substanzen produzieren. Diese giftigen Wirkstoffe können in alle Pflanzenteile, einschließlich der Pollen, gelangen, wodurch die Bienen aufs Äußerste gefährdet sind.
- Politiker empfehlen den Imkern, mit ihren Bienenvölkern wegzuwandern und ihre in der Nähe gentechnischer Anbauflächen befindlichen Standplätze zu verlassen. Das käme einer Vertreibung gleich und schadete nicht nur den Imkern, sondern auch den konventionell und ökologisch wirtschaftenden Bauern, die auf Bestäubungsleistungen angewiesen sind.
- Nach Angaben der Welternährungsorganisation hängen rund 35 Prozent der weltweiten Nahrungsmittelproduktion von Bestäubern ab. Die Bienen spielen dabei die entscheidende Rolle.
- Wenn wir wirklich verhindern wollen, dass unsere Kulturlandschaft zunehmend bienenfeindlich wird - mit allen sich daraus ergebenden Konsequenzen - dann müssen wir Schritt um Schritt unsere intensive industrielle Landwirtschaft wieder durch eine kleinstrukturierte regionale ersetzen. Sie muss wieder bäuerlich sein und vor allem ökologisch.
- Durch die 2004 erfolgte Entschlüsselung des Genoms der Honigbiene sieht sich die Gentechnik bald in der Lage, eine veränderte Biene zu schaffen, die gegen die Gefährdungen durch Pestizide und genmanipulierte Pflanzen resistent ist. - Eine „Industriebiene“ à la Frankenstein. - Unter anderem mit dem Ergebnis, dass die Imker dann jedes Jahr beispielsweise bei Monsanto oder Bayer lizensierte Königinnen kaufen müssen, da die eigene Nachzucht entweder verboten oder unmöglich ist.
- Die Politik sollte Deutschland nicht vorrangig als einen Chemiestandort ansehen, sondern dafür sorgen, dass wir auch auf diesem Gebiet wieder eine funktionierende Demokratie erleben können.
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