Soziales
Der Schlüssel zu den „vollen Speichern“
11.05.2009

S.Schniz-pixelio
Mitunter erliegen wir dem fatalen Irrtum, dass sich all das gleichsam erledigt habe, was jeweils aus unserem mediengeprägten Blickfeld verschwunden ist. Noch vor Jahresfrist hätten wir Stein und Bein geschworen, dass uns der Klimawandel und die Ernährungsnot (außerhalb unserer satten Welt) tatsächlich anrühren. Ja, das Engagement ging teilweise so weit, dass wir die Einsicht hereinließen, eine der falschen Antworten auf die eine Bedrohung könne die andere sogar verschärfen. Inzwischen sind längst andere Wolken an unserem Ereignishimmel aufgetaucht: die Finanzkrise und die Wirtschaftskrise. Und da beide weniger unser Mitgefühl mit den entfernten Benachteiligten wachrufen als vielmehr böse Ahnungen und Angst vor zu erwartenden eigenen Leiden, beanspruchen sie nicht selten all unsere Aufmerksamkeit. Dabei merken wir oft gar nicht, wie diese üblen Phänomene - die jetzigen wie die fast schon wieder vergessenen - miteinander zusammenhängen. Wie sie letztlich ihre Ursache darin finden, welche Strukturen und welche Denkweisen sich die Gattung Mensch über die Zeiten hinweg geschaffen hat und nach welch eigenartigem Trägheitsgesetz wir diese heute noch beibehalten. Die international geachtete Aktion der Evangelischen Kirche „Brot für die Welt“ gehört indes zu jenen Nichtregierungsorganisationen, die nicht nur mit allen Kräften versuchen, die aus dieser Trägheit resultierende Not zu lindern, sondern dabei hierzulande auch das „Brot der Aufklärung“ verteilen. Über diesen Zusammenhang sprachen wir mit ihrer Direktorin, Pfarrerin Cornelia Füllkrug-Weitzel.
Gedankensplitter aus dem Interview:
- Die Zahl der Hungernden in der Welt ist in den vergangenen Jahren von 925 Millionen auf über eine Milliarde angewachsen!
- Wissenschaftliche Studien beweisen, dass wir selbst bei dem gegenwärtigen Niveau der Nahrungsmittelproduktion die derzeitige Weltbevölkerung zweimal ernähren könnten.
- Mit unserer allein auf Wachstum ausgerichteten Wirtschafts- und Konsumweise haben wir in den letzten Jahrzehnten den Armen im Süden weit mehr ihrer Ressourcen entzogen, als wir Ihnen mit unseren Entwicklungsgeldern gegeben haben
- Bei uns produzierte Nahrungsmittel sind vor allem durch Subventionen auf nahezu allen Märkten unschlagbar billig. Die heimischen Landwirte in der Dritten Welt können damit nicht mehr konkurrieren. - Über die steinige Rennstrecke des gegenseitigen Handels sollen die Bauern des Südens quasi barfuß laufen, während wir uns mit Hightech-Laufschuhen ausgerüstet haben. Wir selbst sind es also, die auf solche Weise neue Armut schaffen. Und dann wundern wir uns, wenn diese Menschen unter Lebensgefahr in seeuntauglichen Flüchtlingsbooten unbedingt die Küsten Europas erreichen wollen.
- Im Fokus von Wirtschaft und Politik steht leider nicht die Welternährung, sondern der Profit, der sich aus den Böden herausholen und auf den Weltmärkten realisieren lässt. Die landwirtschaftlichen Nutzflächen Afrikas, Asiens und Lateinamerikas dienen zu großen Teilen nicht mehr der Ernährung derer, denen sie einmal gehört haben.
- Die Kleinbauern, auch in der so genannten Dritten Welt, brauchen keine Gentechnik. Was sie brauchen, ist eigenes Land, das ihnen nicht weggenommen werden kann. Und sie benötigen einen freien Zugang zu Wasser und eine Infrastruktur zur Vermarktung ihrer Produkte.
- Die kleinbäuerliche Landwirtschaft in den armen Ländern muss künftig direkt all die Gelder bekommen, die in den vergangenen Jahren weitgehend der internationalen industrialisierten Exportlandwirtschaft zugeflossen sind.
- Die Schlüssel zu den „vollen Speichern“ liegen in unserer Hand. Aber diese „Speicher“ sind nur dann für alle voll, wenn Finanzkraft und Machtpolitik nicht mehr darüber befinden können, wer sich das Land und seine Früchte aneignet.
- Wir können den Hunger in der Welt nicht wirklich bekämpfen, wenn wir unseren Wirtschafts- und Lebensstil nicht grundsätzlich ändern. Wir vergeuden hemmungslos Nahrungsmittel und andere lebenswichtige Güter, die sich Millionen Menschen in anderen Erdteilen oft in ihrem ganzen Leben nicht leisten können, die aber bei uns buchstäblich im Überfluss vorhanden sind. Es muss bei uns generell eine neue Bescheidenheit Einzug halten, ein Empfinden wieder für das, was wir mit dem kleinen Wort „genug“ beschreiben.
- Vielleicht ist die gegenwärtige Krise, die eine Krise des Profitsystems und des Wachstumszwangs ist, auch dafür eine Chance. Wir sollten sie nicht verstreichen lassen. In unserer Studie „Zukunftsfähiges Deutschland“ zeigt „Brot für die Welt“ Alternativen auf und nachhaltige Modelle für eine künftige Wirtschaft.
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