
Die neue Ausgabe ist seit 29. Oktober 2009 im Bahnhofsbuchhandel und über Internetbestellung erhältlich.

11.05.2009

Gute Bücher, liebe Leser, stellen wir in der Regel auf den letzten Seiten unserer Zeitschrift vor. Mit Gabor Steingarts „Ansichten eines Nichtwählers“ wollen wir eine Ausnahme machen (eine Betrachtung darüber auf den Seiten 6 und 7). Sein Buch ist nämlich, so meinen wir, nicht einfach eine der vielen Editionen politischer Literatur. Es ist mehr. Es ist ein Programm. Es könnte sogar ein Instrumentarium sein - für all jene, die sich beim Lesen so mancher unserer Interviews nicht immer wieder nur fragen wollen: Warum nützt es meist nichts oder aber nur wenig, wenn in einer Sache von öffentlichem Interesse der Finger auf die Wunde gelegt wird? Auch Gespräche in der vorliegenden Ausgabe unserer Zeitschrift verdeutlichen die Situation. Da beklagt es der Präsident der Europäischen Berufsimkervereinigung, dass wir es immer noch nicht begriffen haben, warum und wie sehr unser Leben von einer intakten Natur, also auch von gesunden Bienen abhängt. Er möchte, dass Deutschland zuallererst ein lebensfreundlicher Raum ist und erst dann ein Chemiestandort. Da findet es ein Arzt und Wissenschaftler zu Recht sträflich, wenn sogar staatliche Stellen die Ergebnisse jahrzehntelanger Forschung zu den Gefahren elektromagnetischer Feldern im Archiv verschwinden ließen. Dies, obwohl sie verpflichtet wären, Schaden von der Bevölkerung abzuwenden. Und da sagt uns eine Pfarrerin, die jetzt von Berufs wegen den Hunger in der Welt mildern hilft, dass unsere „allein auf Wachstum ausgerichtete Wirtschafts- und Konsumweise“ den Völkern der Dritten Welt bislang mehr geraubt als gegeben hat - trotz aller Entwicklungshilfe. Die Beispiele ließen sich fortsetzen. Die Gespräche, die wir in den letzten beiden Jahren mit gesellschaftskritischen Persönlichkeiten führten, böten dafür genügend Stoff.
Es beschleicht uns indes ein Unbehagen, wenn wir bei all dem eine gewisse Aussichtslosigkeit spüren. Man fragt sich: Warum verschaffen sich Positionen, die nicht im bequemen „Mainstream“ mitschwimmen, noch immer so wenig Gehör? Dabei gibt es mittlerweile an Zahl mehr als genug Initiativen, die gesellschaftlicher Vernunft den Vorrang vor privatem Aneignungsinteresse geben wollen, und zwar schon bevor das jeweilige „Kind“ in den Brunnen gefallen ist. Also: unabhängige Testung von neuen Chemikalien, bevor Tausende Bienenvölker sterben. Und: Langzeitstudien zu möglichen Gefahren elektromagnetischer Strahlen, bevor die ganze Bevölkerung für einen „Feldversuch“ herhalten muss. Aber eben auch: gesellschaftliche Kontrolle über das Kapital, bevor ein allzu gierig freies Spiel des Marktes die halbe (oder auch die ganze) Welt in Rezessionen und Existenzkrisen stürzt.
Die zahlreichen gemeinnützigen Vereine, Organisationen oder Stiftungen, die in all diesen und vielen weiteren Fragen Änderungen herbeiführen wollen, sind nicht etwa sprachlos. Sie haben im Internet ihre homepages und manche sogar ihre gedruckten Journale. Und sie artikulieren ihre Meinungen und Ziele deutlich und mutig. Aber es scheint, als ob sie allesamt (wir eingeschlossen!) das Schicksal von Rufern in der Wüste teilen. Wie Rädchen außerhalb eines Getriebes. Vereinzelte, die nicht ineinander greifen und darum nicht in das Ganze. Wer das eingangs erwähnte Buch gelesen hat, wird wissen, warum. Und er wird dessen Titel zustimmen. Es ist eine Machtfrage! Unsere Ohnmacht wählen wir letztlich immer wieder selbst. Auch und vielleicht gerade unter diesem Aspekt, sind die Ansichten des Nichtwählers Gabor Steingart für uns alle überdenkenswert. Indem wir sie vorstellen, wollen wir in diesem Sinne wieder provokant sein.
Günter Baumgart