Ökonomisches
Der Moloch hat sich verschluckt
03.08.2009

Tentacle, fotolia.com
Nur bei oberflächlicher Betrachtung mag es scheinen, als hätten sich die Medien die Erörterung des Krisenthemas nun bald „an den Schuhsohlen abgelaufen“. Auch wir haben uns mit dem Nachdruck zweier Folgen aus einer Artikelserie des bekannten UNCTAD-Ökonomen Heiner Flassbeck daran beteiligt. Inzwischen machten wir auf dem Medienmarkt eine interessante Entdeckung: Bereits im 60. Jahr erscheint - erst nur in der alten Bundesrepublik, nach der Wende in ganz Deutschland - die gesellschafts- und kulturpolitische Vierteljahreszeitschrift „Gespräche aus der Ferne“. Wertschätzend könnte man sagen: In ihr wird noch eine Publizistik „von altem Schrot und Korn“ gepflegt. Auf ihren Seiten fanden wir interessante Überlegungen zur Finanz- und Wirtschaftskrise, diesmal aber aus der Sicht des Nichtökonomen Hans Bremer, eines nahezu das ganze Jahr über in den USA lebenden Deutschen1. Seine gleichsam „unbefangene“ Beurteilung der ökonomischen Zusammenhänge, in die sich unsere Gesellschaften verstrickt haben, ist dem „Normalleser“ rasch zugänglich. Kommentierend sei zu dem hier auszugsweise nachgedruckten Artikel nur Folgendes hinzugefügt: Das Plädoyer Bremers für eine Rückkehr zu einfacherem Leben ist nicht - wie es mancher Technik-Freak vielleicht deuten möchte - als Aufforderung zu verstehen, letztlich im evolutionären Rückwärtsgang wieder zu unseren Vorfahren auf die Bäume zurückzukehren. Selbst die Natur hat Fehlentwicklungen zeitweilig zugelassen und dann aber „lernend“ wieder korrigiert. Als intelligente Wesen stünde es uns an, es ihr in vernünftigem Maße gleichzutun.
Gedankensplitter aus dem Beitrag:
- Eigene Produktion ging weitgehend verloren
Das Prinzip der Massenproduktion in ärmeren Ländern hat - als „Globalisierung“ gepriesen - die Länder der Welt in zwei Gruppen gespalten: Überschussländer, in denen für den Verbrauch in der ganzen Welt produziert wird, und Defizitländer, welche die Produktion und deren Verkauf finanzieren. Dabei haben die Haupt-Defizitländer, England und Amerika, weitgehend ihre eigene industrielle Produktion verloren, die sie den ärmeren Ländern überließen.
- Out für Massenproduktion in „Billigländern“
Man kann nicht erwarten, dass die Chinesen ewig arm bleiben. Sobald es ihnen in der Zukunft langsam besser geht, werden sich ihre Löhne denen in den USA und Europa annähern. Dann werden die zusätzlichen Transportkosten für die Industrieländer nicht mehr vernachlässigbar, und der Hauptvorteil der Globalisierung wird verschwinden. Deshalb müssen wir früher oder später auf die Massenproduktion in "Billigländern" für den Export verzichten und auf weniger effiziente Produktion in kleineren lokalen Betrieben zurückgehen. Das wird heute als Antiglobalisierung und "protectionism" (Einfuhrschutz) und Antiglobalisierung gebrandmarkt.
- Im Grunde sind kleinere lokale Betriebe in mehrfacher Hinsicht wünschenswert: Sie führen zu größerer Vielfalt der Produkte, sind örtlichen Bedürfnissen und dem Geschmack der Kunden besser angepasst, fördern die Entwicklung von Verbesserungen (Innovationen) und sind vorteilhafter bei Katastrophen, da diese sich nicht gleich so global ausbreiten müssen wie die heutige Wirtschaftskrise.
- Schritte zu einer „Entglobalisierung“
Wir sollten deshalb beginnen, Schritte zur Verbesserung - zur „Entglobalisierung“ - in die Wege zu leiten. Damit ist nicht der Abschied vom hergebrachten Welthandel gemeint, sondern von dessen oben beschriebenen „chimericanischen“1 Auswüchsen.
- Konstanter Verbrauch auf mäßigem Niveau
Ein konstant um einen gewissen Prozentsatz wachsender Verbrauch bedeutet exponentielles Wachstum, welches unweigerlich nach einiger Zeit außer Kontrolle geraten muss. (Ein 5%-iges jährliches Wachstum des Verbrauchs bedeutet tausendfachen Verbrauch in 140, und millionenfachen in 280 Jahren). Unser Ziel muss ein konstanter Verbrauch auf mäßigem Niveau sein, mit null Prozent Wachstum. Das wird als wirtschaftliche Stagnation kritisiert, jedoch muss alle Wirtschaft notgedrungen darauf hinauslaufen.
- Ein Entweder-Oder!
Ich glaube, wir müssen wählen: e n t w e d e r zurück zu den bescheideneren Lebensvorstellungen unserer Großeltern (z. B. weniger Autos, mehr Fahrrad, mehr Bahn, mehr kleine lokale Geschäfte, die man zu Fuß erreichen kann, Postkasten an der Ecke, Arbeit möglichst in der Nähe der Wohnung u. a.), mit langsamer Trennung vom "anglo-amerikanischen Kapitalismus" und von der "Globalisierung", o d e r wirtschaftliches Chaos und weitere Zerstörung unserer Welt.
1 Wirtschaftsmodell „Chimerica“ nennt der Historiker Niall Ferguson die Symbiose zweier ökonomischer Mächte, deren eine ein kosteneffizienter Exporteur und Finanzierer ist, während die andere die Rolle des „Innovierers“ und eines massiven Marktes übernommen hat.
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