Unfassliches
Die Schlange steht Kopf
03.08.2009

marion posch, pixelio.de
Offiziell gehören Krankenkassen, Ärzte und Kliniken zum Gesundheitswesen. Es ist jener wichtige Bereich der Gesellschaft, dessen Symbol die Schlange ist, welche ihr heilendes Gift in die Schale spendet. Doch in dem Fall der Miriam S. sträubt sich einem alles, diesen Begriff zu benutzen. Denn das allermeiste, was diese junge Frau in den bisher fünfzehn Jahren ihrer schweren Ciguatera-Vergiftung von jenen Institutionen erfuhr, bewirkte das Gegenteil von Gesundheit: die hilflos sturen Diagnosen nicht weniger als die immer mehr schädigenden und dennoch mitunter zwangsweisen „Behandlungen“ oder die herzlosen Entscheidungen der Krankenkasse. Wir nennen den richtigen Namen der Schwerkranken nicht. Er ist nicht wichtig. Ebenso wenig wie die Namen der Ärzte und der Versicherung, die versagt haben. Vielleicht gibt es einmal jemanden, der die Gelegenheit und die Kraft hat, sie einem Richterspruch zu unterwerfen. Wir klagen hier und jetzt Denk- und Handlungsweisen an und das System, das sie hervorbringt. Denn die Odyssee Miriams ist kein Sonderfall. Das haben auch jene erfahren, die immer wieder versuchten und bis auf den heutigen Tag versuchen zu helfen, dabei eingefahrene Geleise verlassen und aus dem System ausbrechen, damit dieses junge Menschenleben vielleicht doch noch eine Chance bekommt. Denn die offizielle Schlange steht hier Kopf und verschlingt die ihr zur Heilung Anvertrauten. Was übrig bleibt, ist Geld. Hier unsere Anklagepunkte:
Gedankensplitter aus dem Beitrag:
- Nicht gewusst und nicht gefragt
Das nach der Heimkehr sofort aufgesuchte Tropeninstitut wusste tatsächlich nichts mit Ciguatera anzufangen. ... Aber gab es keine Möglichkeit, es in Erfahrung zu bringen? War da kein Weg, die Vorgänge in jenem fernen Restaurant aufzuklären?
- Nicht ernst genommen
In allen Arztpraxen, die Miriam im Verlauf der folgenden 12 Jahre aufsuchte, wollte man nichts von Vergiftung hören. Wie konnte sich ein medizinischer Laie auch erdreisten, Diagnosen zu stellen!
- Nicht vor Schaden bewahrt
Statt notwendiger Hilfe begann die jahrelange Tragödie der Psychiatrisierung. ... Ein Klinikaufenthalt folgte dem anderen. Immer wieder, viele Male. Auch hier wollten die Ärzte vom Gift des Fisches nichts hören und gaben ihr dafür weitere: Antidepressiva, Neuroleptika, Sedativa. Als sie sich weigerte, die Medikamente zu schlucken, band man sie fest, um sie ihr intravenös verabreichen zu können. „Fixieren“ nennt man das.
- Beweise nicht akzeptiert
Erst der Trierer Nervenarzt Dr. Binz, auf den Freunde die Familie aufmerksam gemacht hatten, stellte die Realitäten wieder her. Er schaute nach den Ursachen. ... Mit Hilfe moderner PET-Aufnahmen machte er sich ein Bild von den Ausmaßen der Schädigungen in Miriams Gehirn. Erschreckend! ... Diese Untersuchung war Vorbedingung für eine sinnvolle Therapie. Aber die Krankenkasse bezahlte sie nicht
- Eine Chance verworfen
Es wäre auch im Falle Miriams die Aufgabe der Kasse gewesen, das Geld ihrer Beitragszahler nach den Maßstäben der Vernunft einzusetzen. Sie hatte es aber lieber der psychiatrischen Unvernunft zum Fraß vorgeworfen und einem Menschen damit schwer geschadet. ... Die therapeutische Apherese aber, die gedacht ist, die Ursache der Erkrankung, nämlich die Vergiftung, anzugehen, lehnt die Krankenkasse bis heute ab.
- Als ginge es um Sachen!
Die verweigerte Kostenübernahme war und ist immer wieder Gegenstand von Anträgen, Ablehnungen, Widersprüchen, Anwaltschreiben. Man könnte meinen, es ginge nicht um Menschen, sondern um Sachen.
- Warten auf den Tod?
Das Bundesverfassungsgericht hat 2005 in einem Urteil festgestellt: Es ist mit den Grundrechten und dem Sozialstaatsprinzip nicht vereinbar, einen gesetzlich Krankenversicherten, für dessen lebensbedrohliche oder regelmäßig tödliche Erkrankung eine allgemein anerkannte, medizinischem Standard entsprechende Behandlung nicht zur Verfügung steht, von der Leistung einer von ihm gewählten, ärztlich angewandten Behandlungsmethode auszuschließen, wenn eine nicht ganz entfernt liegende Aussicht auf Heilung oder auf eine spürbare positive Einwirkung auf den Krankheitsverlauf besteht. Die Kassenfunktionäre indes versuchen, diesen vernünftigen Richterspruch zu umgehen. ... Warten sie auf den Tod?
- Endlose Rechtswege
Spätestens seit 2008 läuft eine Klage beim Sozialgericht, die eine Entscheidung zugunsten Miriams erwirken soll. Doch es gehen darüber möglicherweise viele Monate ins Land. Selbst ein Antrag auf eine einstweilige Verfügung kommt nicht von der Stelle. Rechtswege müssen akkurat und überlegt beschritten werden. Aber dürfen sie schier endlos sein, wenn Menschenleben auf dem Spiele stehen?
Felix Strauch
Zurück zur Artikelübersicht