Neue Ausgabe Oktober/November/Dezember 2009

Die neue Ausgabe ist seit 29. Oktober 2009 im Bahnhofsbuchhandel und über Internetbestellung erhältlich.

Mit Beihefter "Krebs als Chance"

Inspiration zum Handeln oder Beruhigungsmittel?

03.08.2009


Olga Lyubkina, fotolia.com

Warum Spiritualität die Welt nicht so sein lassen darf, wie sie ist.
Überlegungen von Bernardin Schellenberger.

In unserer immer hektischeren, mehr und mehr atemlosen Welt ist zunehmend „Spiritualität“ gefragt. Anleitungen dazu sind in den Buchhandlungen mittlerweile eine eigene umfangreiche Sparte. Kurse in Spiritualität werden an Volkshochschulen und in  Bildungshäusern landauf, landab angeboten und wahrgenommen. Spirituelle Meisterinnen und Meister gibt es zuhauf, sogar professionelle „Mystiker“ und „Erfahrer/innen“.

Das Wort „Spiritualität“ findet sich im deutschen Sprachraum erst seit knapp fünfzig Jahren. Noch im „Fremdwörterbuch“ des „Duden“ von 1997 wurde es recht fremdelnd definiert als „Geistigkeit im Gegensatz zu Materialität“. Doch lässt sich der Begriff „Spiritualität“ auch wörtlich übersetzen, mit „Atemkunst.“ Und darum geht es vielen Menschen bei ihrer spirituellen Suche heute auch tatsächlich: wieder zu Atem zu kommen und - im Idealfall - entspannt und ruhig atmend in Beruf und Alltag leben zu können.

Als in unserer abendländischen Kultur die Atemnot immer größer wurde, gab die christliche Tradition für die dringend notwendige neue „Atemkunst“ nicht viel her. Stattdessen wurde man im Fernen Osten fündig. Bei einem Großteil der Anleitungen, die man inzwischen für Abendländer entwickelt hat, handelt es sich um mentale Techniken zur Psychohygiene, das heißt um Übungen zur Entspannung, Sammlung, Vertiefung und Selbst- und Welterfahrung. Sie werden in unserer heutigen verwirrenden, von sozialem Dauergeräusch erfüllten Welt geradezu notwendig, um wieder normale, achtsame, empfängliche Menschen zu werden.

Nun scheinen allerdings diese hilfreichen spirituellen Anleitungen zum Teil einen Umgang mit der Welt zu empfehlen, der fraglich ist: Der „spirituelle“ Mensch geht - sich entspannend - in Distanz zu ihr und lässt die Welt Welt sein. Bemüht er sich doch um die Erfahrung, dass er fernab aller Konflikte und Widersprüche der Realität schon immer eins ist mit ihrer göttlichen Substanz.

Solche Erfahrung könnte durchaus wertvoll sein, wenn die entsprechenden Anleitungen nicht einredeten, der Schlüssel zum Glück liege nicht darin, äußere Umstände zu verbessern, sondern darin, lediglich die mentale Einstellung zu ihnen zu verändern. Es gehe schlicht darum, positive Gefühle zu entwickeln und alle negativen Gefühle auszuschalten. „Zügle deine emotionalen Reaktionen auf äußere Umstände“, heißt es zum Beispiel.

Darin steckt ein Stück Weisheit, denn wer vorschnell emotional reagiert, über-reagiert oft unklug und richtet mehr Schaden an, als dass er Gutes bewirkt. Aber wer sich immer nur zügelt und nie mehr emotional sein kann, verabschiedet sich aus der Öffentlichkeit, zieht sich mittels spiritueller Praktiken aus der Welt zurück. Wer alle aufkommenden Gedanken wie Wolken vorüberziehen lässt, wird letzten Endes womöglich auch für Inspirationen immun, denn auch diese wird er als seinen Frieden störend empfinden und folglich nicht an sich heranlassen. Wer sich so in absolute Indifferenz gegenüber eigenem und fremdem Leiden einüben wollte, würde schließlich völlig unpolitisch und unsozial.

Läuft damit aber nicht die „Spiritualität“ Gefahr, zu einer Art von neuem „Opium für das Volk“, einem Beruhungsmittel für die Massen zu werden? - Diese Frage ist keineswegs akademischer Natur. Wo bleiben denn in der heutigen Krisenzeit die spirituellen Geister? Immerhin gibt es heute recht viele spirituelle Meister. Warum sind aus ihrer Richtung - bislang jedenfalls -  kaum überzeugende prophetische, ja, noch nicht einmal kritische Stimmen zu hören? Wo ist ihr konkretes Engagement? Nicht wenige halten dafür aber teure Seminare für Manager. Warum nicht? Doch von welcher dieser Schulungen geht ein spürbarer Impuls zur so bitter nötigen Veränderung von Wirtschaft und Gesellschaft aus? Trostvolle Lebens-Ratgeber mit Anleitungen, gut zu sich selbst und zu den anderen zu sein, weil auch Gott zu uns gut sei, erleben Massenauflagen, aber bewegen (vielleicht deshalb?) nichts. Denn noch immer bleibt unsere Bevölkerung so atemberaubend gelassen und geduldig  auch angesichts himmelschreiender Zustände und Ereignisse!

Vor vierzig Jahren konnte das Motto „Kampf und Kontemplation“ aus Taizé Scharen von Jugendlichen begeistern und aus einer spirituellen Überzeugung heraus zum Engagement für eine bessere Welt bewegen. Das ist längst der Enttäuschung gewichen und verpufft. Wenn sich Jugendliche heute lieber in ihren Discos und Techno- und Hip-Hop-Parties entspannen, suchen sie etwas strukturell verblüffend Ähnliches wie vielleicht ihre Eltern im Mystik-Kurs: Nicht-Denken, Nicht-Reden, Aufgehen im großen Einen von Sound, Licht und Körper. Das Engagement, die leidenschaftliche Existenz scheinen sie nicht mehr zu interessieren. Bereits vor über sechzig Jahren witterte der französische Schriftsteller Georges Bernanos: „Schon zeigt sich diese tödliche Entspannung im Bewusstsein der Menschen an, die nicht nur ihr sittliches Leben, sondern auch ihr Gemüt angreift und sogar ihre Einbildungskraft verändert und zersetzt. Die drohende Krise ist eine solche des Infantilismus.“

Es ist alarmierend, wenn der Kampf, in den die Globalisierung die Menschheit zunehmend stürzt, den unerleuchteten religiösen Fundamentalisten - ob nun im Islam oder im Christentum - überlassen bleibt und die erleuchteten Kontemplativen derweil im Einssein alles Seienden ruhen und über das wunderbare Phänomen meditieren, dass in den Tiefen alles mit allem kommuniziert, ja verschmilzt. Damit liefern sie den Träumern von der einen, schönen, globalen Welt die spirituelle Ideologie. Wäre es stattdessen nicht angebracht,  unterscheidend und klärend zu sagen, dass - hier und heute! - eben nicht alles eins ist und nicht alles gleich viel wert ist und gleich ist. Sollten wir nicht mit gewaltfreier Festigkeit klare Positionen beziehen? Mehr noch: Müssen wir nicht längst die Alarmglocken läuten, weil sich derzeit immer mehr der Gewaltcharakter der kapitalistischen Globalisierung offenbart? Dürfen wir denn noch die Augen davor verschließen,  dass mühsam errungene Menschen- und Völkerrechte zertrampelt werden und wir wieder auf den Zustand zutreiben, in dem „der Mensch des Menschen Wolf“ ist? So ist es einfach nicht zu verstehen, wenn ein bekannter Meister es offenbar für weise hält, Bin Laden und Georg W. Bush als maya zu deuten, als kurzfristiges Gekräusel an der Oberfläche des ewigen Meeres des Göttlichen. Für die unzähligen menschlichen „Kollateralopfer“ dieses Gekräusels gebe es doch den Trost, dass, auch wenn deren Ich sterben mag, ihre göttliche Substanz ja erhalten bleibe. Wie weit weg von wahrhafter Spiritualität ist diese herzlose Deutung?

Der französische Mittelalter-Historiker Jacques Le Goff formulierte schon vor Jahren seine Sorge um eine derzeitige „Abenddämmerung des Denkens“ und betonte: „Nicht die begrenzte und verknöcherte Vernunft, sondern die leuchtende und erhellende Vernunft, die einem konstruktiven, kritischen Geist entsprang, ist eines der charakteristischen Merkmale des europäischen Genies.“ Dieses Erbe gilt es heute dringend und selbstbewusst in eine künftige Weltkultur und -spiritualität einzubringen. Dies mit einem langen Atem, der sein Standvermögen besagter „Atemkunst“ verdankt und einer wohlverstandenen Spiritualität, die trotz - oder gerade wegen - Ihrer Nähe zu einer „Göttlichkeit“ eine ganz irdische Verantwortung für den Nächsten und für das Ganze tragen will.

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