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Heiterer Ernst
03.08.2009

Andreas Weber, shotshop.com
Erich Schöndorfs satirische Interviews (Folge 5)
Auch für Parteien gilt: Nicht alles Wachstum ist gutartig.
Diesmal mit der Vorsitzenden der FDP, Guido Westerwelle.
Wir kennen es aus der Physik: Alle Systeme streben den energieärmsten Zustand an. Das Pendel fällt nach unten, und ganz unten bleibt es dann auch stehen. Für die Politik scheint Entsprechendes zuzutreffen, jedenfalls für die FDP. Diese Partei hat sich nach und nach von ihren einstigen großen Zielen verabschiedet. Die bürgerlichen Freiheitsrechte interessieren sie immer weniger, und die ökologischen Zukunftsfragen sind kein Thema mehr. Das aber scheint ihrer Karriere keinen Abbruch zu tun. Im Gegenteil: Die Partei befindet sich in einer beispiellosen Aufwärtsbewegung. Bei den diesjährigen Landtags- und Europawahlen konnte sie ihren Stimmenanteil fast verdoppeln. Besonders vor dem Hintergrund der globalen Finanzkrise ist ein solcher Gang der Dinge mehr als überraschend. Denn der Raubtierkapitalismus, den man allerorts als Ursache ebendieser Krise ausgemacht hat, ist auch und vor allem ein Kind der FDP, ein von ihr nach wie vor wohlbehütetes. Die grandiosen Erfolge dieser Partei werden vornehmlich ihrem Parteivorsitzenden Guido Westerwelle zugeschrieben. Was hat dieser Mann an sich, dass er trotz der schlechten Rahmenbedingungen pausenlos punktet? Noch wichtiger: Was hat er für den Fall vor, dass er im kommenden Herbst einen großen Zipfel der Macht ergreifen kann - wie immer die aussieht? Erich Schöndorf traf den Aufsteiger des Jahres in Berlin.
Erich Schöndorf: Sehr geehrter Herr Westerwelle, steht hier der zukünftige Viezekanzler und Außenminister der Bundesrepublik Deutschland vor uns?
Guido Westerwelle: Ihre Frage enthält eine gewagte Unterstellung.
Was heißt hier gewagt!? Sämtliche Umfragen sehen die FDP in einem geradezu steilen Aufwärtstrend. Im Frühjahr in Hessen von 9 auf 16%, kürzlich bei der Europawahl von 6 auf 11%. Der schwarz-gelbe Wahlsieg im Herbst zeichnet sich mehr als deutlich ab. Schlägt dann nicht Ihre große Stunde?
Ich rede nicht von dieser Gewissheit. Ich rede von Ihrer Unterstellung.
(Nach kurzem Nachdenken): Ach so! Sie wollen gar nicht Außenminister werden, sondern vielleicht Wirtschaftsminister oder Finanzminister. Gar beides?
Herr Schöndorf, benötigen Sie denn noch mehr intellektuelle Hilfestellung? Konzentrieren Sie sich einfach mal auf die hessischen Zahlen nebst ihrem Trend!
Meinen Sie die Verdopplung?
Richtig! Und dann übertragen Sie die auf den Bund! Na, und was kommt dann für den Herbst dabei heraus?
16mal 2 - macht 32?
Stimmt! Endlich ist auch bei Ihnen der Groschen gefallen. 32% für die FDP!
Dann dürften Sie sogar die CDU überholt haben!
Genau. Das sehe ich auch so.
Sie wollen also BUNDESKANZLER werden!?!
(Strahlt) Wie heißt es im Volksmund? - Was lange währt, wird endlich gut!
Dann bestimmt jemand die Richtlinien der deutschen Politik, den eine breite Öffentlichkeit in die Kategorie Spaßkandidat und Schmalspurpolitiker einordnet und dem man vorwirft, politische Kompetenz durch populistische Auftritte zu ersetzen. Manche qualifizieren Ihre verbalen Ergüsse schlicht als Büttenreden.
Die wollen erst mal gekonnt sein. Aber sagen Sie doch alles einmal ohne die verdammte polemische Zuspitzung: Westerwelle bringt die Dinge halt auf den Punkt. Er hat eine glänzende Rhetorik. Seien Sie fair! Wie kann man in der Tat das Leistungsprinzip besser bewerben und die Schmarotzer treffender diskreditieren als mit dem Satz: aber kein Recht auf bezahlte Faulheit? Damit gewinnt man eben die Herzen der Stammtische.
Sie kümmern sich jetzt auch schon um die Stammtische?
Die Besserverdienenden reichen ja leider nicht aus, um mich zum Kanzler zu machen.
Muss man auch befürchten, dass Sie unmittelbar vor der Wahl einen Ballon a la Möllemann aus dem Bundestagswahlkampf 2002 steigen lassen?
Für dieses Wortspiel sollten Sie sich schämen!
Aber Sie wissen was ich meine? 18 plus X. Das ging ja schwer daneben. Die FDP erhielt nur 7% der Stimmen. In den Medien wurde höhnisch gefragt, ob 18 minus Möllemann 7 ergebe.
Das machen wir diesmal viel geschickter und werden auch ganz konkret. Ausgehend von den repräsentativen hessischen Zahlen sagen wir: 16 plus Westerwelle = Bundeskanzler!
Jetzt verstehe ich erst den Artikel, der kürzlich in MEN´s HEALTH erschienen ist. Da wurden Sie als der deutsche Barack Obama vorgestellt.
Ein sehr ehrenvoller Vergleich - für den amerikanischen Präsidenten. Farblich haut die Sache allerdings nicht ganz hin.
Vor dem Hintergrund der globalen Finanzkrise hätte ich von Ihnen deutliche Worte zu den Ursachen und Gegenmaßnahmen erwartet. Sie aber blieben erstaunlich still.
Lesen Sie es einfach in unserem Wahlprogramm nach!
Aber da stehen doch nur Allgemeinplätze: Freiheit durch soziale Marktwirtschaft und Mehr Wohlstand durch Verantwortung. Helfen solche Allgemeinplätze etwa einem Opfer von Hypo Real Estate?
Ich selbst habe hin und wieder auch einmal Ross und Reiter genannt: Die deutsche Bankenaufsicht und die durchgeknallten Banker.
Das System selbst ist Ihnen da nicht zufällig in den Sinn gekommen - oder Ihre eigene Partei, deren aggressiver Marktradikalismus für die Krise verantwortlich gemacht wird?
Um Ihnen sogleich den Wind aus den Segeln zu nehmen: Auch wir haben aus dieser Krise gelernt. Wir lehnen den Staat nicht mehr komplett ab. Er ist uns durchaus willkommen - aber nur wenn wir ihn brauchen. Beispielsweise zur Rettung notleidender Banken.
Nochmals deutlich: Am System lassen Sie nicht rütteln?
Die Ordnung, ich meine natürlich die kapitalistische, ist uns heilig. Ja, da machen wir sogar eine kleine Anleihe bei der katholischen Kirche: Der Markt ist unfehlbar!
Genauso wenig wie zur Finanzkrise hat man von Ihnen etwas zur Klimakrise gehört. Die FDP zählte einmal zusammen mit den GRÜNEN zu den Wegbereitern der Umweltbewegung.
Tatsächlich?
„Um Wasser wird es einmal Kriege geben!“ stand auf einem Ihrer Wahlplakate der 70er Jahre. Sie wollten damit auf die sich schon damals abzeichnende Wasserknappheit hinweisen.
Diesem Problem haben sich ja mittlerweile unsere Freunde von NESTLÉ angenommen. Die sichern in Südamerika nicht nur die Quellen, sie füllen das Wasser sogar in Flaschen ab, damit es die armen Indios auch kaufen können...
...aber doch kaum bezahlen können und deshalb nun aus Pfützen trinken müssen. Doch kommen wir zurück zum Klimawandel.
Gern. Da müssen wir uns nämlich überhaupt nicht verstecken. Mit unserer Forderung nach einer Laufzeitverlängerung der Kernkraftwerke feuern wir eine richtige Breitseite gegen die steigenden CO 2- Konzentrationen ab. Ich persönlich habe noch eins drauf gesetzt und sogar mein geliebtes Guido-Mobil abgewrackt. Es emittiert jetzt kein Treibhausgas mehr!
Die alten Größen der FDP standen bedingungslos für die bürgerlichen Freiheitsrechte. Gerhart Baum, Burkhard Hirsch, der gerade verstorbene Ralf Dahrendorf. Von Gerhart Baum z. B. stammt der Slogan: Freiheit statt Angst!
Das ist doch auch unsere Losung geblieben, Herr Schöndorf: Freiheit statt Sozialismus. Sagt das nicht das Gleiche?
Kaum, Herr Westerwelle. Der Angst-Slogan meinte eigentlich die Warnung vor dem Überwachungsstaat. Aber sei´s drum. Zweifel eigener Art an der rechtsstaatlichen Orientierung der FDP haben neulich die Vorgänge um Ihre Europa-Spitzenkandidatin geweckt - Silvana Koch-Mehrin.
Ich sage Ursula zu ihr. Und andere Parteifreunde reden sie mit Frau von der Mehrin an.
Was soll das denn?
Wir sind gerade dabei, sie als freidemokratisches Gegenstück zur christdemokratischen Familienministerin Ursula von der Leyen aufzubauen. Blond und sexy kommt immer an.
Faulheit aber doch nicht. Wie man lesen konnte, soll sie im EU-Parlament häufig gefehlt haben.
Na und? Politiker können sehr gut auch zuhause arbeiten.
Immerhin hat sie gerichtlich versucht, die Ausstrahlung eines mit ihr geführten Interviews zu verhindern. FDP versus Pressefreiheit?!. Vor wenigen Jahren noch völlig undenkbar!
Aber die Interviewfragen waren doch mit ihr vorher gar nicht abgesprochen! Das gehört sich einfach nicht. Selbst Italiens Berlusconi hätte so etwas nicht mit sich machen lassen.
Apropos Berlusconi. Als Jürgen Trittin im Bundestag meinte, es sei wohl wenig Erfolg versprechend, mit Berlusconi die Mafia bekämpfen zu wollen, haben Sie gefragt, was der italienische Ministerpräsident mit der Mafia zu tun habe. Wussten Sie das wirklich nicht?
Zugegeben, Trittins peinliche Polemik hat mich tatsächlich einen Moment lang aus dem Takt gebracht. Aber man sollte nicht jeden, der die Möglichkeiten der kapitalistischen Marktwirtschaft kreativ nutzt, in die kriminelle Ecke stellen.
Auch wenn er Kritiker kurzerhand mit Gesetzesänderungen zum Schweigen zwingt?
Manche sind nur neidisch, dass sie nicht auch solch ein Feeling für geschickte Schachzüge haben. Ich selbst weiß es außerordentlich zu schätzen, dass in der FDP die ewigen Diskussionen mittlerweile aufgehört haben und stattdessen mir wieder uneingeschränkt zugehört wird.
Eine abschließende Frage: Was, wenn es ein weiteres Mal nicht für schwarz-gelb reicht?
Nichts ist belastbarer als das Farbenspektrum. Egal, wie ich ins Amt komme - einen Wortbruch wird man mir jedenfalls nicht vorwerfen können!
Herr Westerwelle, danke für das aufschlussreiche Gespräch!