
Die neue Ausgabe ist seit 29. Oktober 2009 im Bahnhofsbuchhandel und über Internetbestellung erhältlich.

Unfassliches
03.08.2009

AiA, fotolia.com
traf das Schicksal eine Mutter und ihre zwei, damals, Juli 1994, noch jugendlichen Töchter.
Die abendliche Fischmahlzeit in einem Ferienhotel der Dominikanischen Republik, veränderte ihr Dasein auf einen Schlag, stahl ihnen Unbekümmertheit, Freude und alle Lebensträume.
Der Fisch, der auf ihre Teller gekommen war, hätte - das wussten die Einheimischen - zu dieser Jahreszeit nicht mehr gegessen werden dürfen. Ab August definitiv nicht. Mitunter aber nährt er sich schon im Juli von bestimmten Algen, die ein für den Menschen hochgefährliches Nervengift produzieren. Die Frage der Verantwortung für das Unglück blieb bis heute ungeklärt. Auf jeden Fall glich es einer Katastrophe. Etwa 50 Hotelgäste fielen in das Loch typischer Vergiftungserscheinungen: Erbrechen, Durchfall, beides blutig, wahnsinnige Kopfschmerzen, extreme Schwäche. Ärzte waren überfordert, die sprachliche Verständigung fast Null, Hoffnung blieb der Rückflug. Eine trügerische?
Die Mutter und ihre jüngere Tochter Janine wurden in der Folge durch das Gift schwer geschädigt. Es raubte ihnen die Arbeit, machte die Lebenswege mehr als steinig. Am schlimmsten aber traf es Miriam, die Ältere der beiden jungen Frauen. Wie erst sehr spät, vielleicht allzu zu spät, festgestellt wurde, verhindert oder aber drosselt bei ihr ein angeborener Gen-Defekt die Produktion dreier Enzyme, die - zusammen mit vielen weiteren - für den hoch komplizierten Entgiftungsmechanismus unseres Körpers zuständig sind. Das Gift konnte so Schritt um Schritt große Teile ihres Hirnstoffwechsels lahm legen mit allen sich daraus für Verhalten und Empfinden ergebenden Konsequenzen. Anstatt sofort alles zu unternehmen, den Körper Miriams von dem gefährlichen Gift zu befreien, versuchte man, die darauf beruhenden Ausfallerscheinungen und Verhaltensauffälligkeiten mit dämpfenden Medikamenten zu überdecken. Die Psychopillen und Schmerzmedikamente, die man ihr immer wieder gab, füllten das „Giftfass“ noch mehr, denn der besagte Gendefekt verhinderte auch den im Normalfall einkalkulierten Abbau dieser Chemikalien. Ein Teufelskreis, in den Miriam viele Male durch Einweisungen in psychiatrische Kliniken gezogen wurde - oft gegen ihren Willen und bei zunehmender Zerstörung ihrer Gesundheit.
Erst 2006 fand die Familie einen Nervenarzt, der nach den Ursachen der Krankheitserscheinungen suchte und das ganze Ausmaß der Vergiftung erkannte. Sofort unterstützte er die in verzweifelten Recherchen der Mutter geborene Idee, eine Therapie zu versuchen, mit der das Blut über eine Art Filterung nach und nach von all den Giften befreit werden kann: die therapeutische Apherese. Könnte sie vielleicht jetzt noch Rettung für Miriam bringen?
Doch die Krankenkasse der Familie weigerte sich bisher, die Kosten dafür zu übernehmen. Nur die Vernunft und die Selbstlosigkeit von Freunden, die mit Spenden oder zinslosen Darlehen aushalfen, ermöglichte es, den Versuch in einer Spezialklinik zu starten. Den Anfang sicherten u. a. die Collette-Hecht-Stiftung, die Uwe-Seeler-Stiftung und die Dr.-Josef-und-Sybille-Krettner-Stiftung. Vor kurzem übernahm die Bundesbehindertenhilfe e. V. sogar für ein halbes Jahr die Kosten einer solchen Behandlung. Diejenigen aber, die in unserer Gesellschaft eigentlich verantwortlich dafür wären, verschanzen sich noch immer hinter Paragraphen und ausstehenden Gerichtsentscheidungen. Auf den folgenden Seiten finden Sie genügend Material, um sich ein Bild von dieser verkehrten Welt zu machen.
Die Redaktion