Neue Ausgabe Oktober/November/Dezember 2009

Die neue Ausgabe ist seit 29. Oktober 2009 im Bahnhofsbuchhandel und über Internetbestellung erhältlich.

Mit Beihefter "Krebs als Chance"

Medizinisches

Bewältigung einer Odyssee

02.11.2009


Alexander Aisenstadt, fotolia.com

Lehrreiche Irrungen nach einem Zecken-Stich.
Bayerischer Landwirt erzählt eine fast unglaubliche Geschichte.

Richard Schneider, Maurer und Landwirt im bayerischen Chiemgau, hat nie im Traum daran gedacht, einmal ein Buch zu schreiben. Andererseits hat er sich auch beim besten Willen früher nicht vorstellen können, wie krank er werden und was er dabei alles so erleben sollte. Jetzt hat er seine „Odyssee eines Borreliosepatienten“ aufgeschrieben und zwar nicht, weil seine Geschichte so einmalig wäre, das ist sie auch, sondern weil er Menschen helfen will, die in vergleichbare Notsituationen  kommen. Denn  so unglaublich die Odyssee von Richard Schneider auch verlaufen ist: Eigentlich - so stellt man beim Lesen seines ganz unaufgeregt geschriebenen Buches fest - könnte es in ähnlicher Form jeden treffen. Es sei denn, die Geschichte des Richard Schneider wäre für alle eine Lehre, auch für die Ärzte.

Auszüge aus dem Beitrag Hubert Schönes, der diese Odyssee für uns nachzeichnete:

Mit einer Grippe fängt es im März 2003 an. Die nimmt der damals 48jährige Richard Schneider nicht so ernst, denn „Schwächeln“ gibt es nicht auf einem Bauernhof. Aber dann, eines Tages, bekommt er einen schockartigen Schwindelanfall, zittert am ganzen Leib, kann sich nicht mehr auf den Beinen halten, so dass seine Schwester den Rettungsdienst ruft. Man findet „nichts Akutes“ und schickt ihn zum Hausarzt weiter. Auch der beruhigt ihn, überweist ihn aber zur weiteren Abklärung  an einen Neurologen. Dort werden bei Richard Schneider noch am gleichen Tag Ultraschall-Untersuchungen durchgeführt und ein Elektroencephalogramm (EEG) aufgezeichnet. Dem schließt sich in einer weiteren Fachpraxis eine Kernspintomographie an. Wieder heißt es, soweit sei alles in Ordnung. Mittlerweile ist es Abend und Richard Schneider kann endlich wieder nach Hause. Aber gesundheitlich geht es ihm jetzt so schlecht, dass seine Schwester wieder den Notdienst anrufen muss. Dort reagiert man mittlerweile gereizt („Wir waren doch heute schon einmal da, und es ist alles gemacht!“), aber Schwester und Cousin von Richard Schneider  lassen nicht locker. Beim Transport ins Krankenhaus kommt es plötzlich zu einer Überreaktion der Atmung. Der erste Tag seiner Odyssee endet in der Notaufnahme.

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Wieder zu Hause angekommen, verschlechtert sich sein Gesundheitszustand erneut, sein Herz beginnt zu rasen, er zittert am ganzen Leib und durchlebt die Nacht in Todesangst. Am anderen Morgen, nach dem Versuch, aufzustehen, wird er ohnmächtig. Der Krankenwagen bringt ihn wieder in das Krankenhaus, wo er mit Infusionen versorgt wird, und dann weiter in die Psychiatrie-Abteilung des Krankenhauses Gabersee bei Wasserburg. Von da an wird er mit Psychopharmaka behandelt

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In der Psychiatrie erhält Richard Schneider alsbald den Besuch einer Richterin des Amtsgerichtes Rosenheim. Sie erkundigt sich nach seinem Befinden und stellt ihm einige Fragen. Einen Tag später ordnet das Gericht die Unterbringung in der geschlossenen Abteilung eines psychiatrischen Krankenhauses und die „vorläufige, zeitweise oder regelmäßige Freiheitsentziehung des Betroffenen nach Weisung des behandelnden Arztes durch Fixierung der Extremitäten“ an. Bei der persönlichen Anhörung, so heißt es in der Begründung, habe das Gericht festgestellt, „dass der Betroffene nicht über eine ausreichende Krankheitseinsicht verfügt. Nach dem aktuellen ärztlichen Zeugnis des Sachverständigen leidet der Betroffene an einer psychiatrischen Krankheit bzw. geistigen/seelischen Behinderung, nämlich einem hirnorganischen Psychosyndrom. Es besteht deshalb die Gefahr, dass er sich tötet oder sich erheblichen gesundheitlichen Schaden zufügt.“ ... Im Arztbericht ist von einer „dementiellen Entwicklung unklarer Genese“ die Rede. Gegenüber dem Bruder von Richard Schneider spricht einer der Ärzte sogar von einem „ganz schweren Fall von Alzheimer“.

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Inzwischen haben seine Geschwister auf eigene Faust Erkundigungen eingezogen und fragen den Hausarzt, ob nicht ein Zeckenbiss die Krankheit ihres Bruders ausgelöst haben könne. Diese Möglichkeit schließt der Hausarzt jedoch kategorisch aus.

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Die Angehörigen aber haben inzwischen so viele Informationen gesammelt, dass sie an ihrer Vermutung festhalten, es handle sich hier um eine „Borreliose“, also eine Infektionskrankheit, die  durch einen Zeckenstich übertragen wird. ... Die Symptome einer Borreliose sind außerordentlich vielfältig. Es kommt auch vor, dass sich eine unerkannte Infektion über Jahre hinweg entwickelt und dann erst akut mit besonders schweren Krankheitsformen ausbricht.

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Inzwischen liegt das Untersuchungsergebnis aus der Universitätsklinik München vor. Diagnose: Neuroborreliose mit der Folge einer zentralen Nervenentzündung.

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Jetzt wird im Krankenhaus Prien mit einer Antibiotika-Behandlung begonnen. Kurzfristig bessert sich Richards Allgemeinbefinden ein wenig. Aber dann überkommt ihn wieder eine große Unruhe. Ein solches Leben will er nicht länger aushalten und  setzt sich mit Suizid-Gedanken auseinander.

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Währenddessen ist sein Bruder im Internet auf eine Borreliose-Selbsthilfegruppe gestoßen, deren 2. Vorsitzender auch noch in  der gleichen Gemeinde wohnt. Der empfiehlt nach einem längeren Gespräch über die Krankheitsgeschichte Algen in Tablettenform. Noch während seines Aufenthalts in der Reha-Klinik, in der er nach wie vor mit Antidepressiva behandelt wird, beginnt Richard Schneider mit der Einnahme des Algen-Präparats. Nach ein bis zwei Wochen  treten die ersten Anzeichen einer Besserung auf. Im Juni 2004, über ein Jahr nach dem Beginn seiner akuten Erkrankung, wird Richard Schneider nach Hause entlassen. Es dauert dann noch einige Zeit, aber inzwischen gilt Richard Schneider als geheilt.

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Die vielen Behandlungen bei Ärzten und Therapeuten haben Richard Schneider ein kleines Vermögen gekostet. Er hat deshalb beantragt, seine Borreliose-Erkrankung als Berufskrankheit anzuerkennen, weil er als Landwirt besonders gefährdet ist, von einer mit Borrelia infizierten Zecke gebissen zu werden.  Der Antrag wird  von der Berufsgenossenschaft, wie in vielen anderen Fällen auch,  abgelehnt. Es fällt den Betroffenen oft schwer, eindeutige Beweise zu führen, wo sich doch die Gutachter und Ärzte schon nicht einig sind.

 

Das Buch Richard Schneiders „Die Odyssee eines Borreliosepatienten“ ist 2008 erschienen, ISBN 978-3-00-025447-5, Preis: € 9.80

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