Neue Ausgabe Oktober/November/Dezember 2009

Die neue Ausgabe ist seit 29. Oktober 2009 im Bahnhofsbuchhandel und über Internetbestellung erhältlich.

Mit Beihefter "Krebs als Chance"

Editorial

03.11.2009


Der so genannte Wahlkampf, liebe Leserinnen und Leser, ist wieder mal Geschichte. Bürgerpflichtbewusst haben wenigstens noch die meisten von uns ihre Kreuzchen auf den Stimmzetteln gemacht. Auch wenn eine Neufassung der Spielregeln dafür immer dringlicher wird. Denn die Teilnahme der „kleinen Leute“ an solcher Aktion erinnert mittlerweile schon sehr an das Ausfüllen von Lottoscheinen samt Abwarten der Ziehung. Ein weiteres Mal Pech gehabt? Gab’s wieder nur für wenige etwas zu gewinnen? Schließlich braucht man keine paranormalen Fähigkeiten, um vorauszusehen, wohin die neuerliche Vierjahresreise geht.

Wer wohl wird die Zeche zahlen müssen, um die Schulden abzubauen? Häufen wir nun doch weiterhin endlos strahlenden Atommüll an? Lassen wir allen Warnungen zum Trotz Mensch und Natur weiter mit Elektrosmog „einnebeln“? Dulden wir es, dass unsere Ärzte auch fortan und vielleicht noch stärker als bisher gezwungen sind, neben ihrer eigentlichen Bestimmung auch als Unternehmer zu agieren - zu unserem und zu ihrem Schaden? Haben wir uns nunmehr definitiv damit abzufinden, dass nach und nach immer mehr Gesetze aus Brüssel statt aus Berlin kommen? Und dies ohne Chance, sie notfalls zu korrigieren? Auf den ersten Blick scheint es, dass wir diese und viele andere lebenswichtige Fragen auch fürderhin kaum beeinflussen können. Jedenfalls so lange wir „nur als Publikum in den Rängen eines Politik-Theaters“ sitzen, wie es Claudia Nierth, Sprecherin des Vereins „Mehr Demokratie“, in unserem Interview kritisiert. Denn diese Rolle sieht allenfalls Beifall oder Buhrufe vor. Gewiss: Demokratie findet nicht nur auf der Bühne statt, sondern auch im Zuschauerraum. Aber so lange sie sich quasi unterhalb der Machtschwelle abspielt, wirkt sie nur schmerzlindernd, nicht heilend.

„Dialoge für eine gesündere Gesellschaft“ nennen wir seit längerem unsere Zeitschrift in ihrem Untertitel. Und dass wir „gesünder“ nicht nur medizinisch verstehen, haben wir in keiner ihrer bisher zehn Ausgaben verleugnet. Gerade in den letzten Heften und auch im vorliegenden gewinnen Diagnosen gesellschaftlicher Erkrankungen und entsprechende Therapievorschläge an Raum. Das ist, glauben wir, unumgänglich, weil individuelle Gesundheit in einer kranken Gesellschaft nicht erreicht werden und auch keinen Bestand haben kann. Selbst die Behandlung eines Zeckenstichs (siehe unseren Beitrag) vermag in verbesserungsbedürftigem Umfeld zu einer Odyssee zu werden.

Sofern die gemeinsamen Anstrengungen von Verlag und Leserschaft auch künftig ausreichen, wenigstens die technischen Kosten der Herausgabe unseres Journals zu begleichen, werden wir deshalb fortfahren, Ideen und Intentionen unabhängiger,  „wider den Stachel löckender“ Gesprächspartner vorzustellen. Auch wenn es so scheint, als böten für deren unvoreingenommene Diskussion und Realisierung die politischen Zeitläufte zwischendurch wieder weniger Aussicht. Laut Dante Alighieri soll über dem Eingang zur Hölle geschrieben stehen: „Lasst alle Hoffnung fahren!“ Wir plädieren dafür, diese Aufforderung in einen Bedingungssatz umzuwandeln: Nur wenn wir klein bei geben, kann es höllisch werden! In unserer allerersten Ausgabe, April 2007, hatten wir darum den Optimismus des Schmetterlingseffekts auf unsere Fahnen geschrieben: „Auch angesichts von Niederlagen können wir gegen jede Resignation eine ,sichere Bank’ unser eigen nennen - die Überzeugung von der Kraft der Schwachen, von der großen Macht der kleinen Schmetterlinge.“ In diesem Sinne lohnt es sich auch weiterhin provokant zu sein.

                                                                                                   Günter Baumgart

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