Neue Ausgabe Oktober/November/Dezember 2009

Die neue Ausgabe ist seit 29. Oktober 2009 im Bahnhofsbuchhandel und über Internetbestellung erhältlich.

Mit Beihefter "Krebs als Chance"

Heiße Eisen

Gestohlenes Sterben

02.11.2009


Sebastian Kaulitzki,fotolia.com

Transplantationsmedizin zwischen Machbarkeitswahn und Markt.
Wissen und Gewissen aus der Sicht einer Angehörigen.

Die Appelle richten sich an Gefühl und Verstand gleichermaßen: Deine Organspende kann Leben retten! Ärzte und auch Politiker erheben die Bereitschaft, dem eigenen sterbenden Körper Herz, Leber, Nieren und sonst noch Brauchbares entnehmen zu lassen, zu einem Kriterium der Nächstenliebe. Offenbar leuchtet es ein: Warum sollten meine noch funktionstüchtigen Organe - wenn die eigene Lebenszeit zu Ende ist - nicht anderen vielleicht noch einige Zeit zum Leben schenken? Vor fast 25 Jahren stand Renate Greinert stellvertretend für ihren 15jährigen Sohn Christian vor dieser Frage. Bei einem Verkehrsunfall war er tödlich verletzt und noch im Rettungshubschrauber, der ihn in die Medizinische Hochschule Hannover brachte, mehrfach wiederbelebt worden. Damals erlag Frau Greinert schließlich dem Druck der menschlich anmutenden Argumentation und stimmte einer Organspende ihres Sohnes zu. Diese ihre Entscheidung aber wurde für sie bald zu einem sehr qualvollen Wendepunkt. Nachdem sie zu begreifen begann, wozu sie ja gesagt hatte, stellte sie ihr Leben ganz in den Dienst der Wahrheitsfindung zu diesem nur scheinbar ausgeleuchteten Problem. Als Mitglied der Initiative „Kritische Aufklärung über Organtransplantation“ - gegründet von Eltern, die ihre Kinder zur Organspende freigegeben hatten - bemüht sich Renate Greinert seither in Vorträgen und Büchern, anderen Eltern das nahe zu bringen, was sie über die zwiespältige Errungenschaft einer eher ingenieurmäßig verstandenen Medizin nicht wissen. Mit Frau Greinerts freundlicher Genehmigung veröffentlichen wir nachfolgend Auszüge aus einem ihrer vielen Vorträge - eine Situationsschilderung, die Ausgang einer Diskussion um dieses umstrittene Thema sein könnte.

Meine Familie und ich trafen in der Medizinischen Hochschule Hannover ein, als Christian bereits auf der Intensivstation lag. Er wurde beatmet und machte den Eindruck, als ob er tief schliefe. Er war warm, aus seiner Stirnwunde sickerte noch Blut, an seinem Bett hing ein Urinbeutel. Die Ärzte auf der Intensivstation machten uns wenig Hoffnung. Sie versuchten, mit Medikamenten das Hirn zum Abschwellen zu bringen, sahen aber keinerlei Perspektive mehr für ein menschenwürdiges Leben.

Wir verbrachten die nächsten Stunden am Bett unseres Sohnes und hofften auf ein Wunder. Während dieser Zeit veränderte sich sein Zustand nicht. Ab und zu nahm man ihm  Blut ab und kontrollierte die Geräte. Nur zur EEG-Ableitung mussten wir das Zimmer verlassen. Keine Erschütterung sollte die Aufzeichnung beeinflussen. Nach dieser Untersuchung kam der Arzt, mit dem wir anfangs über Christians Zustand gesprochen hatten und erklärte, Christian sei nun tot. Er sei jetzt auch "sauber", gemeint war wohl: frei von Medikamentenrückständen. Wir sollten uns jetzt überlegen, ob wir ihn zur Organspende freigeben: Herz oder Leber oder Nieren, eventuell Knorpelmasse würden ihm dann entnommen.

Plötzlich gab es da eine Beziehung

Da war die soeben durchlittene Situation mit meinem sterbenden Kind, und da waren die drängenden Hinweise des Arztes: Ein anderes Kind müsse sterben, wenn wir nicht zustimmen würden. Plötzlich gab es da eine Beziehung, eine Verantwortung für einen anderen Menschen, einen, den wir gar nicht kannten, dessen Leben aber nun von unserer Entscheidung abhing. Konnte ich unter diesen Bedingungen „Nein“ sagen? Hätte ich doch auch für meinen Sohn jede Hilfe gewollt! Nur allzu gut mochte ich mir vorstellen, was eine andere Mutter empfand, für deren Kind Christians Organ ein Weiterleben möglich machte. So viele Stunden hatte ich am Bett meines Sohnes gesessen und auf Hilfe gehofft, dass ich anderen Müttern, die genauso hofften, diese Hilfe nicht verweigern konnte. Mein „Ja“ zur Organspende war nur ein „Nein“ zu noch mehr Tod.

Den Kampf um meinen Sohn gab ich auf, weil der Arzt gesagt hatte, Christian lebe nun nicht mehr. Eine ungeheuerliche Situation: Noch ist mein Kind warm. Es sieht lebendig aus. Es wird noch behandelt wie ein Lebender. Ich aber, ich wende mich von ihm ab, nur weil der Arzt sagt, es sei tot. Ich musste es glauben, es für wahr annehmen - gegen mein eigenes Empfinden.

Vor seiner Beerdigung habe ich meinen Sohn noch einmal gesehen. Er erinnerte mich an ein ausgeschlachtetes Auto, dessen unbrauchbare Teile lieblos auf den Müll geworfen worden waren. Kanülen steckten noch in seinen Armen und Händen. Ein Schnitt zog sich von seiner Kinnspitze bis tief in den Ausschnitt seines Hemdes. Die Augen fehlten. Christians Schwester hatte ihrem Bruder im Krankenhaus zum Abschied noch ein Kettchen um den Hals gelegt, und ich hatte einen Ring dazu gehängt. Wir baten darum, ihm das zu lassen, als einen letzten Ausdruck unserer Verbundenheit zu ihm. Jetzt lag die  Kette zerrissen neben ihm, der Ring fehlte. Zurück bekamen wir nur einen blauen Müllsack mit Christians Kleidung, die total zerschnitten war, mit einem Socken und einem Schuh.  Jetzt war er "richtig" tot. Er sah auch aus wie ein Toter. Er war kalt, ohne Atem, leblos. Da wurde mir erst richtig bewusst, wozu ich „Ja“ gesagt hatte.

Ein Akt christlicher Nächstenliebe?

Ohne es zunächst begründen zu können, erfasste mich ein tiefes Misstrauen gegen die Transplantationsmedizin. Organspende als Akt der christlichen Nächstenliebe erschien mir nun als ein Trugbild, eine Einbahnstraße. Wir waren bereit gewesen,  ein Organ zu spenden.  (Wir haben einen Teil seines Körpers gespendet, ohne dass uns bewusst war, dass man nicht spenden kann, was einem nicht gehört.) Jetzt erfuhr ich, dass die Mediziner ihm Herz, Leber, Nieren und Augen entnommen hatten. Man hatte ihm sogar die Beckenkammknochen aus dem Körper gesägt, sie zur Weiterverarbeitung an eine Knochenbank weitergeleitet, zum späteren Verkauf.  Zerlegt in Einzelteile war er dann über Europa verteilt worden. Er war zum Recyclinggut geworden. 

Wie ein Schlag traf mich aber die Erkenntnis, dass ich noch immer - trotz des Entsetzens, trotz des wachsenden Empfindens, dass man mich in eine Richtung manipuliert hatte, die ich gar nicht wollte - kein Argument gegen die Organspende vorbringen konnte. Meine gefühlsmäßige Abneigung und mein wachsendes Misstrauen, dass Organtransplantation etwas anderes beinhaltet, als man uns glauben machen wollte, würde mich nicht davor schützen, in einer zukünftigen Situation erneut "Ja" zu sagen statt "Nein". Denn immer wieder prallten meine Erfahrungen und Gefühle, die ich als Mutter von Christian gerade erlebt hatte, auf die Hoffnungen und Wünsche von Müttern kranker Kinder. Ich musste mehr über die Transplantationsmedizin erfahren, um entweder meine Entscheidung doch bejahen zu können oder Argumente für ein "Nein" zu finden.

In den folgenden Jahren sammelte ich jede Information zur Transplantationsmedizin. Auf der Suche nach Antworten versuchten besonders die Transplantationsmediziner der Medizinischen Hochschule Hannover meine Zweifel und kritischen Fragen damit abzuwehren, dass sie mich  für "zu betroffen" erklärten, um klar denken zu können.

Bedroht und bestärkt

Um mich mundtot zu machen, wurde mir mit gerichtlichen Schritten gedroht. Man schickte mir eine Unterlassungsklage zu, in der ich mich verpflichten sollte, für jede öffentliche Stellungnahme zur Organspende meines Sohnes 1000 DM an das Deutsche Rote Kreuz zu zahlen. Ohne meine Familie, die sich davon nicht einschüchtern ließ, die mir half, persönliche Trauer und berechtigte Kritik voneinander zu trennen, hätte ich den Kampf um Aufklärung und Verstehen aufgegeben.  Ein Artikel in der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung hatte eine Lawine von Kontakten zu den Medien aber auch zu Angehörigen von Organspendern zur Folge. Ich war gar kein Einzelfall, wie mir eingeredet werden sollte. Alle diese Angehörigen waren, wie ich, unaufgeklärt oder falsch informiert in die Organentnahme manipuliert worden. Viele Eltern haben mir geschrieben, sich nach meinen Vorträgen an mich gewandt, etliche wollten auch mir gegenüber anonym bleiben, weil sie sich schämten. Die Kraft sich zu wehren, hatten die wenigsten.

Alle Angehörigen der Organspender hatten geglaubt, dass ihre Kinder so tot waren, wie man sich Tot-Sein vorstellt. Alle erinnerten sich daran, dass ihre Kinder aber gerade nicht kalt, starr, leblos und ohne Atem waren. Im Gegenteil: sie waren warm, einige schwitzten, bekamen Fieber und Hautausschläge, sie wurden wie lebende Patienten versorgt und behandelt.

Verlassen in der größten Not

Im Nachhinein breiten sich Angst und Entsetzen aus. Das Schuldgefühl, zu früh aufgegeben zu haben, überwältigt, denn was verlassen wurde, war ein Lebender und kein Toter. Keiner kann leugnen, tatsächlich warme, lebende Körper zurückgelassen zu haben. Am schlimmsten werden die Augenblicke empfunden, in denen die Eltern über die vielleicht noch vorhandenen Empfindungen ihrer Kinder bei der Organentnahme nachdenken. Sie erzählen von nächtlichen Alpträumen, in denen ihre Kinder schreien und ihnen vorwerfen, sie verlassen zu haben, und das genau haben wir getan. Wir sind gegangen, als sie unseres Schutzes am meisten bedurft hätten.

Sterbebegleiter waren nicht wir, sondern die Transplantationsteams, die nacheinander anreisten, um sich der Organe zu bemächtigen. Fixiert auf dem Operationstisch, anästhesiert wie jeder Patient, der operiert wird, reagieren einige Spender mit Blutdruckanstieg, wenn der erste Hautschnitt gesetzt wird. Bei normalen Patienten ist das ein Zeichen für Schmerz. 

Haben unsere Kinder etwas empfunden, als man sie vom Kinn bis zum Schambein aufschnitt, ihre Körperhälften wie eine Wanne auseinander spreizte, um sie mit eiskalter Perfusionslösung zu füllen? Haben sie es gespürt, wie sie nach der Qualität ihrer Organe beurteilt wurden? Was  fügte man ihnen zu, als sie noch zwischen Leben und Tod schwebten? Mit welchem Trauma wurden sie in den Tod geschickt? 

Alles Wissen, alle Informationen, die wir in dieser Frage sammelten, bestätigen und erhärten den Verdacht, dass unsere Kinder nicht tot waren, sondern erst im Sterben lagen. Was haben wir zugelassen? Wir finden keinen Weg aus der Schuld.

Am 3. Dezember 1967 fand in Kapstadt die erste Herztransplantation statt. Dr. Christian Barnard entnahm dem nicht mehr zu rettenden Clive Haupt das noch schlagende Herz aus der Brust, um es dem todkranken Zahnarzt Dr. Blaiberg einzupflanzen. Die Welt jubelte, begriff aber nicht, dass ein nicht mehr zu rettender Patient natürlich noch kein Verstorbener ist. Weltweit fieberten nun Chirurgen danach, ebenfalls lebende Organe zu transplantieren.

Das Tot-Sein einfach vorverlegt

Um nicht des Totschlags angeklagt zu werden, wurden 1968 im Harvard Medical irreversibel komatöse Patienten für "hirntot" erklärt, und man bezeichnete ihren Zustand als "Tod der Person" oder "Tod des Individuums". Diese Menschen damals waren zu keinem Reflex mehr fähig. Noch bevor das erste Jahr um war, veränderte sich - unbemerkt von der Gesellschaft - diese Voraussetzung. Es muss keine totale Arreflexie mehr sein. Heute dürfen Männer 17 Reflexe aufweisen, Frauen 14. Weltweit gibt es die unterschiedlichsten Hirntoddefinitionen, was im Klartext heißt: Wer hier als bereits tot gilt, kann dort als noch lebend eingestuft werden.

Die neue Bezeichnung des irreversiblen Komas als Hirntod schuf zuerst in Amerika die notwendige Legitimation, davon betroffene Menschen als Organspender zu benutzen. "Tod der Person" oder "Tod des Individuums" heißt, dass das Persönliche, das Individuelle eines Menschen, das, was ihn von anderen unterscheidet, nicht mehr besteht. Die selbständigen Steuerungsmöglichkeiten des Organismus sind irreversibel geschädigt.  Hirntote Patienten sind Menschen, die nicht mehr zu retten sind. Man legitimierte die Umdefinierung auch damit, dass sie Angehörige und Pflegepersonal arbeitsmäßig wie psychisch enorm belasteten, hohe Kosten verursachten und Betten belegten. Hirntote müssen wie andere Intensivpatienten ernährt, gewaschen und gepflegt werden. Mehrmals täglich sind sie umzulagern, um Druckgeschwüre zu vermeiden. Kontinuierliche Mundpflege, Hautpflege und Medikamentengabe bleiben notwendig. Ihr Herz schlägt, und sie atmen mit technischer Unterstützung der Geräte. (Die Beatmung eines potentiellen Organspenders wird erst nach der Organentnahme beendet!) Der Stoffwechsel funktioniert. Hirntote Frauen können sogar Kinder gebären, hirntote Männer Erektionen haben. Hirnströme und Hormonproduktion der Hypophyse sind möglich. Diese Menschen reagieren noch auf Reize, bei Dreiviertel von ihnen kann es zu Bewegungen der Arme und Beine kommen. Sie vermögen sich aufzurichten und gurgelnde Laute auszustoßen.

Der aufgeteilte Mensch

Empfinden Hirntote während der Organentnahme Schmerzen? Die Transplantationsmediziner verneinen das und erklären der Gesellschaft, dass eine Organentnahme ohne die zusätzliche Gabe von Schmerzmitteln durchgeführt werde. Dagegen steht jedoch eine Empfehlung, zur Optimierung des chirurgischen Eingriffs dem Patienten Fentanyl zu verabreichen, ein Schmerzmittel, 100mal so stark wie ein Morphin. Schon seit mehr als 40 Jahren äußern auch deshalb medizinische Experten weltweit ihre Zweifel daran, dass Hirntote Verstorbene sind. Selbst ehemals überzeugte Anhänger der Hirntoddefinition machten bei ihren eigenen Patienten entsprechende Beobachtungen, die sie von diesem Konzept wieder abbrachten.

Der Mensch ist durch die Hirntoderklärung von 1968 in seiner schwächsten und am meisten schützenswerten Situation, seinem Sterben, umdefiniert worden - zu einem wehrlosen, aber in einer bisher nie da gewesenen Weise ausbeutbaren Objekt. Sein bisher in einer zivilisierten Welt als selbstverständlich anerkanntes Recht auf sein eigenes ungestörtes und individuelles Sterben wurde umgewandelt in eine Pflicht zur Organspende. Per Definition wurde er aufgeteilt in totes Hirn und lebende Organe. Damit vertritt die Transplantationsmedizin ein inzwischen überholtes Menschenbild. Wird doch der Mensch längst als eine Einheit von Leib, Seele und Geist verstanden, die untrennbar miteinander verbunden sind. Es wäre somit ehrlicher, die Mediziner würden auch beim Hirntod von Hirnversagen sprechen, wie sie auch beim Ausfall der Nieren oder des Herzens von Nierenversagen oder Herzversagen sprechen.

Mit Cortison „gedopt“

Die Transplantationsmedizin vollzieht einen Eingriff in die Natur, der beim heutigen Wissensstand mehr als fragwürdig scheint. Auf der einen Seite beklagen wir, dass bei Aids-Patienten das Immunsystem nicht mehr funktioniert. Auf der anderen Seite wird bei Transplantierten das Immunsystem gegen Null gefahren, um die natürlichen Abstoßungsreaktionen zu verhindern. Die Individualität jedes Menschen reicht jedoch bis in seine letzte Körperzelle und bleibt auch in einem transplantierten Organ erhalten. Mit hohen Cortisongaben werden deshalb sowohl das fremde Organ als auch der Empfängerkörper „gedopt“. Die Natur wird betrogen. Die Folgen bleiben nicht aus. Die ständigen Cortisongaben schädigen auch die anderen Organe. Das transplantierte Organ bleibt, trotz Cortison, der schleichenden Abstoßung unterworfen. Pilze, Viren und Bakterien, die in einem gesunden Organismus von dessen eigenen Abwehrkräften bekämpft werden, können sich nun ungestört vermehren. Manch Transplantierter stirbt qualvoll an Infektionen, weil sich sein Körper nicht mehr gegen sie wehren darf. Denn könnte er es,  würde er auch gegen das transplantierte Organ vorgehen, würde er es abstoßen. Es ist ein hoher Preis, den die Transplantierten für das Hinausschieben ihres Todes zahlen müssen. Und die Währung ist auch hier Unmenschlichkeit. Spender wie Empfänger müssen darauf verzichten, einen der wichtigsten Grundprozesse ihres Menschseins zu durchleben, ihr eigenes Sterben. Der Transplantierte konzentriert sich so auf sein Überleben, dass er sich auf sein Sterben nicht mehr einrichten kann und dem Tod übergangslos gegenübersteht. Gewinner ist allein der Transplantationsmediziner, der seinem Traum, den Tod zu besiegen, wieder einen Schritt näher gekommen zu sein scheint.

Warum begreifen wir so schwer, was sich hinter der Transplantationsmedizin verbirgt? Weshalb lassen wir uns auf Werbeveranstaltungen dazu überreden, Organspenderausweise auszufüllen? Geht es doch um unseren eigenen Tod. Die Menschen, für die wir als Spender geworben werden, liegen bereits in den Krankenhäusern, und ihr Überleben hängt davon ab, dass wir möglichst bald  

unser Leben beenden, um mit unseren gesunden Organen ihr Sterben ein wenig aufzuhalten. Die Gesellschaft wird mit ihrer Angst vor dem Sterben so manipuliert, dass wir uns alle nur in der Rolle der Organempfänger sehen, aber nicht als Lieferant. Die Akzeptanz der Organspende beruht darauf, dass keiner mehr sterben will. Jeder hofft, auf Kosten eines anderen zu überleben.

Wir steuern auf die recycelbare Gesellschaft zu. Wir müssen endlich eigene Maßstäbe entwickeln und begründen, wenn wir nicht eines Tages in einer Welt leben wollen, in der Menschen zu Ersatzteillagern werden und die Medizin vor allem eine Reparaturwerkstatt ist. Was wir Organspendern zumuten dürfen, die wir brutal in ihrem Sterbeprozess anhalten und ausweiden, darüber muss ein Meinungsbildungsprozess in Gang kommen. Wissen kann und muss dabei zu Gewissen werden.

Druck von Angebot und Nachfrage

Es ist paradox: Die Grundangst des Menschen vor dem Tod wächst mit den Möglichkeiten, dem Sterben auszuweichen. Organtransplantation kann heute immer mehr die letzte dieser Möglichkeiten sein. Doch sie hat ihre Kehrseite: Der Anspruch der Gesellschaft, der einst an meiner Haut endete, reicht jetzt bis in die tiefsten Winkel meines Körpers. Als Träger einer Menge verwertbarer Organe werde ich zum begehrten Objekt. Zerlegt in meine Einzelteile finde ich reißenden Absatz. In ganz Europa. Über Verteilerstellen werde ich wie Ware angeboten. In Kühlboxen verpackt, fliegt man mich per Hubschrauber oder Jet in die Transplantationszentren. Ich bin zum Sonderangebot verkommen, tiefgefroren bis zu meiner Verwertung. Will ich das wirklich?

Waren unterliegen den Regeln von Angebot und Nachfrage. Organe sind besonders begehrte Objekte. Sie sind knapp. Die Transplantationsmedizin muss sich deshalb ständig nach neuen Quellen umsehen. Immer wieder gibt es deshalb Vorstöße, die auf eine Pflicht zur Organspende hinauslaufen, eine Art Recht des Staates auf Organentnahme. Seit Jahren versucht die Transplantationsmedizin den Gesetzgeber dazu zu bewegen, die  erweiterte Zustimmungsregelung umzuwandeln in die Widerspruchslösung. Das heißt: Hat der Hirntote nicht ausdrücklich eine Organspende verweigert und liegt den Medizinern die entsprechende Erklärung nicht vor, dürfen sie Organe entnehmen ohne zu fragen.

Die Transplantationsmediziner, aber auch viele der Organempfänger unterstellen der Gesellschaft eine allgemeine Akzeptanz der Organspende. Vor diesem Hintergrund fordern sie den Zugriff auf jeden Hirntoten. Käme es dazu, wären die für Transplantationen verfügbaren Ressourcen enorm. Je nach Bedarf könnte man problemlos in den „Pool“ greifen und das passende Organ herausfischen.

Nicht überleben, sondern leben!

Es sind über zwei Jahrzehnte seit dem Tod meines Sohnes vergangen. Ich habe eine lange Zeit gebraucht, um einen eigenen Standpunkt zur Transplantationsmedizin zu entwickeln. Ich weiß, dass ich weder Organspender sein werde noch fremde Organe annehmen möchte. Mir wurde deutlich, dass nicht Überleben unser Ziel sein kann, sondern das Aufgreifen von Lebensmöglichkeiten, die sich auf dem Bogen von der Geburt bis zum Tod bieten. Die hoch technisierte Medizin hat uns jedoch viele Türen zu solcher Erfahrung verschlossen. Das Sterben findet dahinter statt. Es ist uns mittlerweile so unbekannt geworden, dass die Angst vor diesem Grundprozess des Menschseins unerträglich wird und wir deshalb sogar mithelfen, die Türen zuzuhalten.

Im Laufe der Jahre bin ich oft gefragt worden, warum ich nicht aufhöre, nachzuforschen, warum ich nicht endlich den Medizinern und mir Ruhe gebe. Zugegeben, ich habe oft genug Lust dazu gehabt, alles hinzuwerfen, denn sich mit der Transplantationsmedizin auseinander zu setzen, bedeutet ein Eintauchen in einen gefährlichen Strudel von Macht, Größenwahn und Lebensgier. Ich habe oft Angst gehabt, wenn ich vor einer Gruppe von Menschen stand und meine Informationen weitergab. Es ging bis zu Drohungen, mir etwas zu Leide zu tun. Ich habe die sehr ernst genommen, denn sie stürzten mich in einen Konflikt: Welchen Preis bin ich bereit, für meine Konsequenz zu zahlen? Und inwieweit mache ich mich mitschuldig, wenn ich zurückweiche?

Die Transplantierten warfen mir vor, Unwahrheiten weiterzugeben und damit ihr Leben aufs Spiel zu setzen. Mein Motiv sei Hass auf sie, auf jene, die dem Tod noch einmal entrinnen durften. Ein Hass, der genährt werde von der Tatsache, dass es meinem Sohn eben nicht vergönnt war zu überleben. Ich aber sehe das nicht so. Ich empfinde mein Tun als eine Verpflichtung. Der Tod meines Sohnes darf nicht den Stellenwert eines überfahrenen Kaninchens haben! Ich verstehe es aber auch als eine Verpflichtung all den Lebenden gegenüber, deren Sterben sie vielleicht in die gleiche Lage bringen kann, wie einst meinen Sohn.

Zurück zur Artikelübersicht