Neue Ausgabe Oktober/November/Dezember 2009

Die neue Ausgabe ist seit 29. Oktober 2009 im Bahnhofsbuchhandel und über Internetbestellung erhältlich.

Mit Beihefter "Krebs als Chance"

Diskurs Elektosmog

Schöne neue kabellose Welt

03.11.2009


Franz Pfluegl, fotolia.com

Warum der Mobilfunk Regierungen lügen lässt.
Autorenteam präsentiert Eckpunkte internationaler Mobilfunkforschung.

Aus der Rezension der Broschüre:

Wie gefährlich sind Handys und Mobilfunkmasten wirklich? Noch immer neigt die Mehrzahl der Bürger dazu, diese Frage zu verdrängen. Denn man liebt sein Handy, das immer mehr zum kleinen Alleskönner geworden ist, und man mag diese schöne neue kabellose Welt. Schließlich zerstreuen Regierung und Industrie beständig alle diesbezüglichen Befürchtungen. Gemeinschaftlich behaupten beide, es gäbe keinerlei Forschungsergebnisse, die irgendwelche Risiken der Mobilfunk­technologie beweisen. Ganz anders sehen das jedoch die Autoren einer neuen Broschüre des bekannten Stuttgarter  Vereins zum Schutz der Bevölkerung vor Elektrosmog e. V. Unter dem Titel „Zellen im Strahlenstress“ beantworten sie die eingangs genannte Frage gleich in zweifacher Hinsicht: Zum einen zeigen sie aus medizinisch-biowissenschaftlicher Perspektive auf, was in unseren Zellen geschieht, wenn sie elektromagnetischen Feldern ausgesetzt sind. Zum anderen vermitteln sie überraschende Einsichten in jene wissenschaftlichen und politischen Verhältnisse, wie sie sich im Gefolge der jungen Kommunikations­technologien mehr und mehr ausgebreitet haben.

Ausführlich werden Forschungsergebnisse mitgeteilt, die nachweisen, dass die gepulste Mikrowellenstrahlung zellschädigende Freie Radikale entstehen lässt und damit eine Reihe von Krankheiten auszulösen vermag. Unter anderem wird beschrieben, welche zellulären Prozesse unter dem Einfluss der Strahlung zu Kopfschmerzen, Erschöpfung, Spermienschädigungen oder auch zu Krebs führen können.

Zu den Besonderheiten der Broschüre gehört, dass sie die biowissenschaftlichen Informationen in einen gesellschaftskritischen Kontext einbettet. Nach allgemeiner Auffassung hat der Staat die Aufgabe, seine Bürger vor den Wirkungen einer profitgierigen Industrie zu schützen. Hier aber erfährt man, dass und auf welchen Wegen die Verstrickung des Staates in die Geschäfte der Mobilfunkindustrie diese Kontrollfunktion zugunsten einer Komplizenschaft aufgehoben hat. Aufgedeckt wird, was alles verschwiegen wird - etwa die Erkenntnisse von einer besonderen Schädlichkeit der UMTS-Technologie. An den Gründen für dieses Verschweigens wird dabei kein Zweifel gelassen: „Einer staatlich geförderten unabhängigen  Forschung müsste höchste Priorität eingeräumt werden. Aber 50 Milliarden Euro Lizenzgebühren definieren Gesundheit zur Gesundheit der Staatskasse um“. 

Die Autoren enthüllen anhand zahlreicher Beispiele die lobbyistische Unterwanderung von Politik und Gesellschaft, die sich nicht zuletzt im Festhalten an weit überhöhten Grenzwerten, aber auch z. B. in Gefälligkeitsgutachten äußert und in die Verharmlosungen hineinreicht, wie sie das Deutsche Mobilfunk Forschungsprogramm von sich gibt. Eine 16-seitige Beilage „Von subtiler Fälschung zur Wissenschaftskriminalität“ dokumentiert, wie Wissenschaftler dem Staat und der Industrie behilflich sind, unbequeme Forschungsergebnisse zu zerreden oder zu verfälschen. Faktenreich wird belegt, wie Regierung, Bundesamt für Strahlenschutz und andere Behörden mit der Wahrheit umgehen und wie dabei wichtige Errungenschaften demokratischer Kultur gegen die Wand gefahren werden.

Diese Beilage folgt der Analyse des Soziologen Ulrich Beck, der in seinem Buch „Weltrisikogesellschaft“ die von Staats wegen betriebene Umweltpolitik als ein System „organisierter Unverantwortlichkeit“ beschreibt: Regierung und Behörden sind demnach zu Legitimationsorganen der Industrie verkommen. Aber auch die Medien beteiligen sich an der Verleugnung der Wahrheit. Die Gesellschaft erscheint als ein lobbyistischer Sumpf, in dem nur Bürgerbewegungen noch nach der Wahrheit streben.

Die Broschüre des Stuttgarter Vereins stellt sich von Anfang bis Ende als eine herbe Anklage dar. Sie richtet sich gleichermaßen gegen eine profitgierige Industrie, einen pflichtvergessenen Staat und eine Wissenschaft ohne Gewissen.

                                                                                                                                  Hans Schäfer

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